Nachrichten aus dem Netz Software für den Rückzug

Google meldet neue Roboterpatente an: Technik, die irgendwann das Leben erleichern soll. Doch schon jetzt helfen Software und Liefer-Services, das Leben eines totalen Einsiedlers zu führen - mitten in der Stadt.

Von Michael Moorstedt

Der Preis für die unheimlichste Erfindung des Monats geht mal wieder an Google. "Methoden und Systematik einer Persönlichkeitsentwicklung für Roboter", lautet der Titel des US-Patents mit der Nummer 8996429. Es geht dabei nach Angabe beteiligter Google-Mitarbeiter um Software, die sämtliche Interaktionen des Nutzers analysiert und auf Gewohnheitsmuster untersucht. Sie überprüft die Korrespondenz, nimmt Stimmmuster der Kontakte, speichert ihre Fotos und überträgt diese Merkmale auf den Roboter. Der könnte dann zum Beispiel mit Stimme und Duktus der eigenen Mutter fragen, ob es "nicht an der Zeit ist, den Kühlschrank sauber zu machen, Liebling?"

"Software frisst die Welt auf", lautet ein Bonmot des Investment-Moguls Marc Andreessen. Er meinte damit vor allem das permanente Zerstören und Neudenken von ineffizienten Geschäftsmodellen. Doch es scheint ganz so zu sein, als würde diese Gesetzmäßigkeit nun auch vor den Bewohnern dieser Welt nicht haltmachen. Menschliche Interaktion ist nun mal vor allem ineffizient. In einer paradoxen Wendung dient das Internet, das ja eigentlich eine ungemein soziale Technologie ist, zunehmend dazu, die eigenen Mitmenschen durch Technik zu ersetzen. Noch ist das eine Zukunftsvision. Google will jedenfalls nicht sagen, ob schon aktiv an der Realisierung des besagten Patents gearbeitet wird.

Doch schon heute werden gerade Menschen mit geringer Qualifikation durch Software wegrationalisiert, auch in Bereichen, in denen Menschen vor nicht allzu langer Zeit als unabdingbar galten. So lässt der Mobilfunkprovider O2 einen Großteil seines Kundenservices in Großbritannien inzwischen von Software abwickeln. "Die künstliche Intelligenz imitiert den Menschen, sie tut genau das, was ein Mensch tun würde", freut sich der zuständige Projektleiter. "Wenn man einem dieser Dinge bei der Arbeit zusieht, ist es ein bisschen verrückt. Man sieht sie tippen, neue Fenster öffnen, kopieren und einfügen." 150 Mitarbeiter mussten deswegen gehen.

Und was macht das mit den Menschen, die von der Entwicklung profitieren, also mit den Konsumenten? Die in der Vergangenheit viel gelobte Sharing Economy sei in Wahrheit eine Shut-in-Economy, heißt es in einem Artikel des Online-Magazins Matter. Einer jungen, urbanen und kaufkräftigen Elite gehe es weniger um das Teilen, sondern vor allem darum, bedient zu werden. "Ich bin Henry David Thoreau mit Wlan", freut sich auch der Autor Dylan Love in einem Essay in Anspielung auf den Schriftsteller, der einst als Eremit in eine Blockhütte in die Wälder zog.

Ähnlich abgeschieden, aber viel komfortabler, kann man heutzutage auch in einem Apartment in New York existieren - dank zahlloser Online-Dienste, die die Bestellungen noch am selben Tag bringen, egal ob es sich um Lebensmittel oder die Wäsche handelt. Das Beste daran sei das "vollkommene Fehlen menschlicher Kommunikation", schreibt Love. Er lasse sich seine Sendungen einfach vor die Tür legen.

All die Dienste, die eigentlich der Befreiung von Alltagsstress dienen sollten, führen also zu noch mehr selbst verschuldeter Einengung. "VERLASSE NIE MEHR DEINE WOHNUNG", heißt es in aufdringlichen Großbuchstaben etwa bei dem Lieferdienst DoorDash. Was einst als Drohung galt, ist heutzutage ein Versprechen.