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Nachlass:Hetze in neuer Auflage

CELINE-MANUSKRIPT VERSTEIGERT

Anders als die bald neu verlegten Hetzschriften ist das noch unbedenklich: Célines Manuskript für "Reise ans Ende der Nacht".

(Foto: dpa)

Die Witwe hat Neuauflagen von Célines antisemitischen Schriften stets verhindert. Jetzt ist sie 105 Jahre alt - und lässt es zu. Frankreich streitet.

Der Antisemitismus des Schriftstellers Louis-Ferdinand Céline war obsessiv. "Die Franzosen", schrieb er noch 1941 an eine Pariser Zeitung, "kleben am Arsch der Juden und fühlen sich in deren Scheiße wunderbar wohl." Solche Texte und auch die berüchtigten antisemitischen Hetzschriften aus den 1930ern sind in Frankreich bis heute problemlos zugänglich - falls man die alten Ausgaben besitzt oder sich in eine Bibliothek bemüht. Einer Neuauflage hatte sich Célines Witwe Lucette Destouches stets widersetzt. In der Pléiade-Klassikerausgabe kommen diese Texte nicht vor.

Inzwischen hat die 105 Jahre alte Frau ihre Meinung offenbar geändert. Vor ein paar Tagen gab der Verlag Gallimard bekannt, die Texte "Bagatellen für ein Massaker", "Schule der Leichen" und "Les Beaux Draps" (auf Deutsch: Da sind wir gut dran) würden demnächst in einem Sammelband unter dem Titel "Écrits polémiques" (Polemische Schriften) neu erscheinen, versehen mit einer Warnung und einem kritischen Apparat. Darauf hatte der Regierungsdelegierte zur Bekämpfung von Rassismus und Antisemitismus in einem Brief an den Verlag bestanden.

Der Anwalt und Nazijäger Serge Klarsfeld hat nun erklärt, er wolle diese Neuauflage mit allen rechtlichen Mitteln verhindern. In Zeiten des wiederaufkommenden Antisemitismus sei es unerträglich, diese Texte in den Buchhandlungen frei herumliegen zu sehen. Kein noch so sorgfältiger Anmerkungsapparat könne den Inhalt dieser "Widerlichkeiten" relativieren.

Céline-Kenner, Verlagsvertreter und Literaturwissenschaftler halten dagegen, das Werk eines der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts müsse in seinem ganzen Umfang zugänglich sein. Von Gallimard ist zu hören, der Verlag halte am Publikationsprojekt zu einem noch nicht feststehenden Termin fest. Im Jahr 2031 werden die Rechte auf Céline verfallen. Es sei angemessen, das Gesamtwerk in einer zuverlässigen Ausgabe aufzulegen, bevor jeder nach Belieben darüber verfügen könne. Herausgeber und Vorwortautor stehen schon fest. Es handelt sich um den Céline-Spezialisten Régis Téttamanzi und den Literaturkritiker Pierre Assouline. Serge Klarsfeld geht davon aus, dass die französische Gesetzeslage ausreicht für ein präventives Publikationsverbot.

© SZ vom 22.12.2017

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