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Nachkriegsliteratur:Geschichten, die das Publikum wollte

In seiner neuen Studie analysiert der Germanist Christian Adam die Entwicklung des Buchmarktes in Deutschland nach 1945: "Der Traum vom Jahre Null."

1945 gabelte sich die deutsche Literaturgeschichte. Eine kulturpolitische Grenze durchzog von nun an das Land. Im Westen kassierten vor allem jene Autoren Literaturpreise, die geblieben waren, allen voran die 'Inneren Emigranten' sowie einige eifrig engagierte Nazis. In Ostdeutschland hingegen ging beinahe die Hälfte aller Auszeichnungen an Autoren, die während des Dritten Reichs emigrieren mussten oder deren Schriften verboten worden waren. Ideologisch divergierten die Teilstaaten offenbar. Genau in dieser Differenz lag jedoch zugleich die große Gemeinsamkeit nicht nur zwischen Ost und West, sondern vor allem auch zwischen der Zeit vor und nach 1945: Alle Akteure betrieben Politik mit Mitteln der Literatur.

Noch deutlicher werden die Parallelen und Kontinuitäten, wenn man den Blick statt auf den literarischen Höhenkamm auf die Bücher lenkt, die tatsächlich gelesen wurden, und zwar massenhaft: So waren von sechzehn Werken, die nach dem Krieg bis in die 1960er Jahre im Westen eine Millionenauflage erlebten, zehn bereits vor 1945 auf dem Markt, sechs von ihnen sogar schon vor 1933. Karl Aloys Schenzinger, der 1932 auch den "Hitlerjungen Quex" verbrochen hatte, brachte es mit seinem Rohstoffroman "Anilin" (1937) bis 1945 auf eine Auflage von einer Million; bis 1951 kamen weitere 600 000 Exemplare dazu - nun allerdings ohne vorangestellte Empfehlung des "Reichsministers Dr. Frick". Der Germanist Christian Adam hat solchen Phänomenen seine neue Studie gewidmet: eine Parade von Büchern, Autoren und Verlegern mit Hintergrundreportagen zu den politischen Verstrickungen.

Die Alliierten sahen in Büchern das entscheidende Medium zur langfristig wirksamen Umerziehung der Deutschen, und eben diese Auffassung teilten sie mit dem Regime, das sie besiegt hatten. Goebbels dokumentierte gerade durch Zensur, Verbot und Verfolgung, welche Macht er der Literatur im Guten wie im Schlechten zuerkannte. 1948 bestätigte eine statistische Untersuchung die Einschätzung des Propagandaministers, freilich unter umgekehrten Vorzeichen: "Ehemalige Nazis waren mit Sicherheit als Buchleser viel unersättlicher als Nicht-Nazis, und diese Erkenntnis unterstreicht, wie wünschenswert es ist, diese Leute mit Literatur, die für Zwecke der Umerziehung geeignet scheint, zu erreichen". Tatsächlich war der Bücherhunger während des zweiten Weltkriegs und kurz danach geradezu unstillbar. In beiden Phasen kannten Verleger eine Sorge nicht: Absatzschwäche. Was gedruckt wurde, wurde auch verkauft.

Die in der Sowjetzone eingeführte Vorzensur blieb noch bis 1989 erhalten

Das triviale Reiz-Reaktion-Schema der kulturpolitischen Erziehungsmaßnahmen führte zunächst zu "Aussonderungen" sowie zu sehr unterschiedlichen Kontrollbestimmungen in den jeweiligen Besatzungszonen. Wurde etwa die Vorzensur unter amerikanischer Aufsicht bereits im Oktober 1945 aufgehoben, so liberalisierten die britische und französische Verwaltung erst zwei bzw. drei Jahre später ihre Vorschriften. In der Sowjetzone blieb die Vorzensur bis 1989 erhalten. Auch die Genehmigungsverfahren für Verlagsgründungen waren unterschiedlich. Am Ende der DDR existierten 78 staatlich lizensierte Verlage, im Westen versuchten allein bis zur Währungsreform 850 Verlage ihr Glück.

Die zugrundliegenden Deutungsmuster spiegelten sich in der Einschätzung von Bestsellern: Im Westen galten sie als Produkt des freien Markts, im Osten hingegen fürchtete man den kapitalistischen Trend zum Kunstgewerblichen und plante die massenhafte Verbreitung wertvoller Literatur. Hier, so Johannes R. Becher, befand man sich in guter "Literaturgesellschaft", dort in den Fängen eines "Literaturbetriebs". Zwischen den Systemen gab es jedoch viel Austausch, und so nutzte man die "Grenzgänger" aus der Literaturbranche gern auch für geheimdienstliche Zwecke.

Natürlich wurde geschwiegen und verschwiegen - im Westen mehr, im Osten weniger. Die braune Gedanken- und Vokabelbrühe suppte in die Nachkriegszeit, nicht zuletzt in den beliebten Heimatromanen. "Das Publikum der Nachkriegszeit", so Adams wiederholtes Fazit, "bekam die Geschichten, die es wollte, verdiente und verstand - nicht zuletzt, weil es die Sprache, in der sie erzählt wurden", bereits gut kannte". Es wurde fleißig retuschiert, etwa in Remarques "Zeit zu leben und Zeit zu sterben" all jene Passagen, die "ehemalige deutsche Soldaten kränken würden", wie der "Spiegel" 1954 bemerkte. Selbst in dieser bereinigten Fassung blieb der Roman noch eine Ausnahme, weil er das Schweigen über die Konzentrationslager brach. Subtile Andeutungen kamen in diesem Umfeld nicht an: Als sich die Literaturkritik mit Annemarie Selinkos "Desirée", dem "erfolgreichsten Nachkriegsbuch überhaupt", befasste, überlas sie einfach, dass die ehemals im Widerstand aktive Autorin darin zwischen den Zeilen die Menschenrechte feierte und verteidigte.

Heinz G. Konsalik erzielte eine Weltauflage von 83 Millionen Büchern

Angesichts von Geschichtsklitterungen und unheilvollen Kontinuitäten gab es jedoch auch erstaunlich Erfolge: Theodor Pliviers "Stalingrad"-Roman (600 000 Exemplare) dokumentierte auf moderne Weise das Grauen des Kriegs; Eugen Kogons "Der SS-Staat" (260 000 Exemplare) breitete die Verbrechen der Vernichtungslager aus; Hans Scholz' "Am grünen Strand der Spree" (250 000 Exemplare) quasselte in eigentümlicher Unbekümmertheit über Kriegsverbrechen; und das "Tagebuch der Anne Frank" kam bis 1962 auf eine Auflage von 800 000 Exemplaren. Freilich verblassen diese Zahlen gegenüber dem Umsatz eines ehemaligen "Ostfront-Berichterstatters": Heinz G. Konsalik erzielte bis zu seinem Lebensende eine Weltauflage von 83 Millionen Büchern. Er verdankte diesen unglaublichen Erfolg auch Werken wie "Der Arzt von Stalingrad" (415.000 Exemplare), das "als Fortsetzung der Landser-Sprache mit den Mitteln der Unterhaltungsliteratur" arbeitete und von den Deutschen als Opfer erzählte - wie sie in ihre missliche Lage geraten waren, spielte dabei keine Rolle.

Christian Adam addiert solche Miniaturen zu einer Literaturgeschichte der Nachkriegszeit von unten. Besonders erhellend wird es immer dann, wenn er übergreifende Ordnungen beschreibt. Dass etwa "der Westen das personelle Erbe des 'Dritten Reichs' annahm, der Osten das strukturelle", ist doch eine recht steile These. Auch die Kontinuitäten über 1933 hinaus bleiben bemerkenswert. So erwiesen sich bereits nach der Machtergreifung der Nazis die Lesegewohnheiten als relativ stabil. Diskreditierte und verfolgte Bücher wurden weiter gelesen. Was einmal in den privaten Buchregalen lagerte, blieb dort ungeachtet der politischen Wende stehen. Etwa ein Viertel der meistverkauften Bücher der Nachkriegszeit waren Longseller. Und in den Bildungsnormen überdauerten ohnehin die antimodernistischen Frontstellungen des späten 19. Jahrhunderts. Für eine "Mentalitätsgeschichte" des Lesens sind solche Befunde zur "longue durée", zum robusten Eigensinn von Literatur und ihrer Vertriebsformen ebenso wichtig wie die Bereitschaft der Akteure, ihre Fähnlein in den Wind zu hängen.

Christian Adam: Der Traum vom Jahre Null. Autoren, Bestseller, Leser: Die Neuordnung der Bücherwelt in Ost und West nach 1945. Verlag Galiani Berlin, Berlin 2016. 448 Seiten, 28 Euro.