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Musiktheater:Hotel Desolat

Zeittotschlagen: "Il Viaggio a Reims" am Opernhaus Zürich.

(Foto: Monika Rittershaus)

Rossinis komische Oper "Viaggio a Reims" zeigt einen Querschnitt aller Gesellschaftsschichten beim Zeittotschlagen. In der neuen Regie von Christoph Marthaler am Opernhaus Zürich wird das Stück noch einmal absurder.

Von Reinhard J. Brembeck

Warten, warten, warten und nochmals warten. Baut Anna Viebrock, die grandiose Bühnenraumerfinderin, neuerdings Hotellobbys mit angeschlossenem Wellnessbereich? In Wirklichkeit handelt es sich um eine Kopie des Bonner Kanzlerpavillons, aber wer weiß das schon in Zürich? Ganz frisch wirkt der Klinkerstein-Glaswand-Säulen-Raum auch nicht mehr, aber das passt bestens zu den Europaabgeordneten samt Entourage, die in Zürichs Opernhaus gestrandet sind.

Auf der Bühne tummeln sich schon bald neben dem Chor und fünf meist stummen Tänzerschauspielern achtzehn (!) Individuen, die im Gegensatz zu echten Politikern, Ärzten und Hotelbetreibern vorzüglich singen können. Und mit virtuosem, empfindsamem und komischem Singen wird drei Stunden lang die Zeit totgeschlagen. Nichts von Belang wird sich ereignen. Außer dass jeder seine Ängste, Sehnsüchte und Spleens zur Schau stellt. Das richtige Leben eben.

Diese Oper gibt einen Querschnitt durch alle Gesellschaftsschichten, von damals wie heute

Gioacchino Rossini schrieb seine komische Oper "Il viaggio a Reims" (Die Reise nach Reims) 1825 für die Krönung des französischen Königs Karl X. Es war erste Versuch des Meisters, in Frankreich Fuß zu fassen und erzählt von einer bunt gewürfelten internationalen Gesellschaft, die aufgrund eines dummen Zufalls nicht zur Krönung nach Reims fahren kann. Der "Viaggio" ist ein erst vor 30 Jahren wiederbelebtes, aber durch und durch brillant gearbeitetes Gelegenheitsstück, eine zusammengewürfelte Folge neun großer, und oft allerbester, Rossini-Nummern. Sie bieten einen erschöpfenden Querschnitt durch alle Gesellschaftsschichten, damals wie heute. Damit ist der "Viaggio" ideal für den Regisseur Christoph Marthaler, diesen versonnenen Seismographen mitteleuropäischer Befindlichkeiten.

Marthaler lässt in Zürich die Hausdame (Liliana Nikiteanu) ob ihrer Knechtschaft einem akrobatischen, komischen Kratz-Zwang erliegen, während Serena Farnocchia als ihre Chefin am liebsten melancholisch gestimmte Melismen ausstößt. Sind doch Angestellte wie Gäste gleicherweise enervierend. Roberto Lorenzi als ihr Hotelarzt gibt den Kurpfuscher, seine Patienten plantschen autistisch unsteuerbar am Bühnenrand. Und Julie Fuchs singt als reiche Pariserin ihren Modeklamottenkaufzwang als einzigen Lebensinhalt betörend aus. Rossini hatte eben die grandiose Fähigkeit, jeden Text gegen die Wand zu vertonen. Die Musik überwältigt immer und lässt sich durch die Erfordernisse des Textes oder des Charakters nie vom eingeschlagenen Weg abbringen. So produziert man Komik.

Mittlerweile drängen sich Rednerpulte auf der Bühne, der Kampf der Abgeordneten um Redezeit und um die Gunst der Frauen weitet sich zu einem Sextett aus. Später steigert sich die Wirrnis zu einem Ensemble für vierzehn Sänger. Dirigent Daniele Rustioni managt solche Sängeraufläufe gut gelaunt aus dem Graben heraus, er peitscht, verwöhnt, drängt, befeuert. Dass er dabei manchmal zu laut, zu massiv wird, geht im Trubel unter. Marthaler setzt dagegen Minimalismus, kleine Gesten, die Slapstick mit absurdem Theater verbinden.

Scott Conner sieht aus und bewegt sich wie Monty Pythons John Cleese, seine Aktionen sind dezidiert sinnlos, seine Gesangstexte sind es genauso. Conner wahrt Würde. Dagegen verlässt sich Javier Camarena auf seine brillante, Schmachten und Tontrompeten vereinende Technik und seine wie nebensächlich eingestreuten, magisch megahohen Spitzentöne. Da dürfte er noch biederer aussehen, er könnte alle Frauen (auf der Bühne) haben. Nicht nur Anna Goryachovas dunkel gurrende Melibea, sondern auch Rosa Feolas versonnene Schauspielerin Corinna, die ein Selbstporträt Rossinis und Fremdkörper in all diesem trubeligen Stillstand ist. Ihre abschließende Herrscherlob-Hymne ist vom Text her dümmste Panegyrik, aber die Musik gehört zum schönsten, was ein Mensch je komponiert hat. Dass dabei die Übertitelanlage ihren Dienst versagt, ist einer der großen Marthaler-Einfälle.

So albert sich, so jammert sich der "Viaggio" ins Finale, das keines ist. Wie desolat Europa ist, das wusste schon Rossini. Da musste Marthaler gar nicht mehr viel Regietheater draufsetzen. Es wäre also nicht nötig gewesen, zuletzt die Wrackteile eines Flugzeugs auf die Bühne zu schleppen. Aber es zeigt doch sehr schön, dass sich in der schönsten Musik ein fauler Kern versteckt.

© SZ vom 08.12.2015

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