Musiklegende Holger Czukay Die anarchische Methode

SZ: Sie teilen also nicht den Kulturpessimismus, dass früher alles besser war.

Czukay: Nein, ich bin immer noch total neugierig.

SZ: War Karlheinz Stockhausen ein starker Einfluss für Can?

Czukay: Enorm. Wir haben ihn aber - im kreativen Sinne - umgebracht. Sonst hätten wir nicht anfangen können. Wir sagten: Alles, was Stockhausen gemacht hat, ist das, was wir nicht machen werden.

SZ: Was wollten Sie?

Czukay: Primitive Musik spielen.

SZ: Das hätte Stockhausen nicht erlaubt.

Czukay: Stockhausen hatte etwas gegen Wiederholungen. Für uns war das ein Hauptbestandteil. In der Wiederholung liegt die Faszination. Wenn du etwas hast, was sich wiederholen lässt und dich nicht langweilt, dann hast du einen Edelstein gefunden.

SZ: Can hat sich oft wiederholt.

Czukay: Wir konnten sehr lange an einem Stück spielen, aber wir haben zum Schluss immer gewusst, ob es das war oder nicht. Das ist manchmal dramatisch gewesen, wenn der Schlagzeuger den Gitarristen fertiggemacht hat und der wiederum wütend in die Saiten griff, um ihn aus seinem Rhythmus zu bringen.

SZ: Sie haben in der Musik gekämpft?

Czukay: Das war immer Kampf. Man kann auch mit sich alleine kämpfen. Beethoven hat mit sich gekämpft. Ich bin auch so einer.

SZ: Sind Sie immer noch so ein überzeugter Kurzwellenfan?

Czukay: Aber ja, die Kurzwelle ist ein Generator, sie erzeugt Töne wie ein Instrument.

SZ: Can hat sich mal einen Sänger aus der Kurzwelle geborgt.

Czukay: Wir hatten Mitte der 70er Jahre keinen Sänger, und da habe ich gesagt: "Lasst uns doch einen aus der Kurzwelle holen!" Ich habe dann dagesessen und die Kurzwellenstimmen mit einer Morsetaste an die Musik angepasst.

SZ: Sie könnten auch mit einem Mikrophon hier in Weilerswist auf die Kölner Straße gehen und sich dort Ihre Stimme holen.

Czukay: Das ist im Prinzip das Gleiche. Es ist eine ewige Suche. Czukay ist ja polnisch und bedeutet Suche. Deshalb habe ich den Namen wieder angenommen.

SZ: Sie heißen gar nicht Czukay??

Czukay: Ich heiße Schüring! Früher hieß ich Czukay, aber wegen der Nazis, die unbedingt nur Arier haben wollten, hat mein Großvater einen tollen Familienstammbaum entwickelt, um den Namen Czukay loszuwerden. Das haben die Nazis geglaubt.

SZ: Deshalb haben Sie überlebt?

Czukay: Wahrscheinlich. Aber ich will das nicht hoch hängen. Wir hatten einen anderen Namen. Und keine Probleme.

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