bedeckt München 17°
vgwortpixel

Musikleben unter Auflagen:Sechs Meter Abstand für Sänger

Coronavirus - 1-zu-1-Konzerte im Flughafen Stuttgart

Es wird vieles ausprobiert für den Konzertbetrieb der nächsten Wochen und Monate - nicht nur die "1-zu-1-Konzerte" im Flughafen Stuttgart.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Spuckschutz, Freiluftmusik, Mozart-Trucks: Die Veranstalter klassischer Konzerte lassen sich berufsbedingt viele kreative Lösungen einfallen.

Einmal winken bitte, heißt es von Ende nächster Woche an im nordrhein-westfälischen Borken. Nicht mit den Händen, sondern mit den Scheinwerfern. Es wird das Zeichen sein für den Applaus bei "Drive & Live", wie dort so einiges anders sein wird als sonst in klassischen Konzerten. Die Hörer bleiben in ihren Autos, den Ton bekommen sie über eine eigene UKW-Frequenz ins Radio zugespielt.

Die Besetzung freilich ist durchaus hochkarätig, jedenfalls hochkarätiger als in regulären Jahren bei der "Musiklandschaft Westfalen", deren Intendant Dirk Klapsing die Konzerte bis vorerst Mitte Juli geplant hat. Unter anderem suchen die Pianisten Martin Stadtfeld und Justus Frantz, der Geiger Christian Tetzlaff, der Schlagzeuger Martin Grubinger und ein gemischtes Ensemble aus Wiener und Berliner Philharmonikern ihre Zuflucht im Format des Autokinos, das sich gerade auch beim Filmbereich gesteigerter Beliebtheit erfreut. Alle Angefragten hätten sofort zugesagt, erzählt Klapsing, weitere Künstler warteten bereits. Ähnliche Konzerte gibt es auch in anderen Ländern, die English National Opera will in London von Anfang September an sogar Vorstellungen von Opern in Kurzversionen im Autokino anbieten.

Dabei wirkte es lange Zeit, als müsse die Opern- und Konzertszene erst einmal den Schock darüber verarbeiten, dass sie wohl am längsten von allen Bereichen von der Corona-Krise betroffen sein wird, wenn sie weiterhin nicht nur auf Streaming aus leeren Sälen setzen will. Absage folgte auf Absage, während man auf Signale aus der Politik wartete, die nicht kamen - oder höchstens in Gestalt der ominösen "Großveranstaltungen", die schon dem Begriff nach eher Sportveranstaltungen oder allenfalls große Popfestivals meinen. Doch während allerorten Lockerungen ausgerufen werden, scheint Bewegung auch in die Musikszene zu kommen.

Sieben nordrhein-westfälische Opernhäuser haben klarere Regelungen gefordert, 40 deutsche Festivals haben sich erstmals zu einem Forum zusammengeschlossen. Sie fordern, dass die Politik ihnen statt vager Besucherzahlen Hygiene- und Abstandsbestimmungen an die Hand gibt, deren individuelle Umsetzung aber der Kreativität von berufsbedingt kreativen Menschen überlässt. Sie haben inzwischen wohl gleichzeitig realisiert, dass sie hier mit eigenen Konzepten und Ideen den Politikern ein wenig auf die Sprünge helfen müssen. Schließlich bekommen diese es im Moment mit Wünschen aus allen Bereichen und teilweise besser organisierten Lobbys zu tun, und viele von ihnen sind mit den Bedingungen des Opern- und Konzertbetriebs nicht unbedingt vertraut. So verweisen die Festivals etwa darauf, dass eine Open-Air-"Großveranstaltung" sich unter den gegenwärtigen Bedingungen deutlich leichter realisieren ließe als etwa ein Kammerkonzert mit 50 Besuchern in einem kleinen Raum.

Eine Charité-Studie gibt Empfehlungen für die Wiederaufnahme des Kulturbetriebs

"Widerstand. Wachsen. Weitergehen" lautet das Motto des Mozartfests in Würzburg, das Ende Mai beginnen soll. Gemünzt war das eigentlich auf das Verhältnis zwischen Mozart und Beethoven, für die Intendantin Evelyn Meining freilich hat es nun eine solche Aktualität gewonnen, dass sie es in der Stadt plakatieren lassen wird. Neben Radio- und Streamingformaten wird das Mozartfest unter anderem einen Lkw rausschicken, auf dem Musiker an geeigneten Orten zu den Zuschauern kommen. Und sie hofft, dass sie Ende Juni vielleicht doch noch ein paar Orchesterkonzerte wird organisieren können.

Dass das nicht ganz abwegig ist, zeigt das Beispiel des Brucknerhauses in Linz. Dort hat man für Anfang Juli zwei Orchesterkonzerte angekündigt, womit man zwei Wochen früher dran wäre als die bislang nicht abgesagten Salzburger und Bregenzer Festspiele. Er habe nicht nur abwarten wollen, sagt Intendant Dietmar Kerschbaum, sondern der österreichischen Bundesregierung "einen Denkanstoß geben" wollen. Auch wenn formal noch eine Regelung kommen muss, die einen Platz von 20 Quadratmetern für jeden Menschen vorsieht, ist Kerschbaum sicher, dass die Konzerte stattfinden werden. Auf der großen Bühne des Linzer Brucknerhauses könnten die vierzig bis fünfzig Orchestermusiker Abstand zueinander halten. Die Konzerte sollen mehrfach am Tag gespielt werden, auf den Eintrittskarten wird für jeden Besucher eine Tür und eine Einlasszeit ausgewiesen, was Ballungen beim Publikumsverkehr verhindert.

Die Berliner Charité hat soeben eine Studie präsentiert, nach der zwischen Streichern ein Abstand von 1,50 Metern, bei Bläsern zwei Metern und der Einsatz eines Spuckschutzes aus Plexiglas ausreichen. Mit Verweis auch auf die heilenden Wirkungen von Musik empfiehlt die Studie daher eine Wiederaufnahme des Kulturbetriebs. Wie es im Auditorium zugehen könnte, lässt sich dem Positionspapier der Musikfestivals oder den musikmedizinischen Empfehlungen der Deutschen Orchestervereinigung entnehmen: Verkürzung der Konzerte auf eine gute Stunde ohne Pause, Vergabe der vorab online gebuchten Sitze mit großen Abständen, keine Garderoben, dafür mehr Toiletten, die nach jedem Besucher desinfiziert werden.

Ob freie Konzertveranstalter mit weniger Besuchern genug einnehmen, dürfte fraglich sein. Dafür müssten auf jeden Fall Saalmieten reduziert werden und die Künstler zu deutlich verringerten Gagen auftreten. Für die staatlich und städtisch finanzierten Institutionen dagegen spielen Einnahmen eine geringere Rolle, sofern sie Unterstützung in der Politik finden. So lobt Evelyn Meining die Stadt Würzburg, die in diesem Jahr finanzielle Defizite beim Mozartfest ermögliche.

Die Abstandsregeln sind eine Chance für das barocke und frühklassische Repertoire

Tatsächlich scheint sich auch bei den Verantwortlichen in den Ländern langsam herumzusprechen, dass man den Opern-, Theater- und Konzertbetrieb nicht auf Dauer wird strangulieren können. Schließlich ist er nicht zuletzt für viele Regionen via Umwegrentabilität ein wichtiger Wirtschafts- und Tourismusfaktor. So hat Hessen Veranstaltungen bis zu 100 Besuchern wieder zugelassen. Nordrhein-Westfalen hat am Donnerstag angekündigt, noch im Mai Konzerte, zunächst bevorzugt open air, zu erlauben.

Heribert Germeshausen, der als Intendant der Oper Dortmund den Zusammenschluss der NRW-Opern angestoßen hatte, betrachtet es dennoch als unwahrscheinlich, dass er gleich wieder Stücke mit großem Chor und Orchester wird spielen können. Abstände im momentan geforderten Maß - bei Sängern sieht die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft derzeit sechs Meter vor - wären hier kaum realisierbar. Sollte sich das ändern, hat der Dortmunder Intendant genug große Stücke im Repertoire, die er kurzfristig wieder hochfahren kann. Für die ersten Premieren aber hat er mit kleineren Formaten vorgesorgt. So plant er etwa Mozarts "Entführung aus dem Serail" als ein gekürztes Puppenspiel mit sechs Musikern im Graben und Sängern, die um die Spielfläche herum sitzen, oder ein Pasticcio aus Barockopern mit dem ziemlich aktuellen Titel "Sehnsucht".

Überhaupt wird das barocke und frühklassische Repertoire, das häufig ohne Chor und mit kleineren Orchestern auskommt, wohl gestärkt aus der Krise hervorgehen. Auch bei der deutschen Generalmusikdirektorenkonferenz, die in den vergangenen Tagen getagt hat, stehen Barock und Frühklassik hoch im Kurs, neben zeitgenössischen Werken, die sogar eigens für die momentanen Bedingungen komponiert werden könnten. Chöre könnten eventuell aus Nebenräumen zugespielt werden. Außerdem hofft man auf Veranstaltungen unter freiem Himmel, solange das Wetter noch halbwegs mitspielt.

Vollständig befriedigend wird vieles davon für echte Klassikfans nicht sein, ebenso wenig wie der Klang eines live durch die Windschutzscheibe zu sehenden Pianisten aus einem Autoradio. Aber die Sehnsucht nach lebendiger Musik in Echtzeit dürfte inzwischen so groß geworden sein, dass viele all diese Einschränkungen wohl vorerst in Kauf nehmen werden.

© SZ vom 08.05.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite