Musikkabarett Unbegreiflich gut

Pigor & Eichhorn glänzen im Lustspielhaus

Von Oliver Hochkeppel

Hinterher macht eine Besucherin ihrer Empörung Luft: Es sei doch unbegreiflich, dass das Münchner Publikum Pigor und Eichhorn nicht das Lustspielhaus einrenne. Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Auch das neue Programm "Volumen 9" - die beiden zählen ja seit jeher einfach durch - beweist, dass Thomas Pigor ("singt") und Benedikt Eichhorn ("muss begleiten") das Maß der Dinge im deutschen Musikkabarett sind.

Warum also ist ihre Fangemeinde immer noch überschaubar? Dem Phänomen nähert man sich, wenn Eichhorn aus dem Buch "Warum Hits Hits werden" zitiert: Der Refrain muss nach 20 Sekunden kommen, eine gnadenlos schlichte harmonische Grundform braucht es, und Liebeoder Gegenstände als Thema. Das ist den beiden zum Glück schlicht zu blöd. Was sie auf die Bühne bringen, ist in Liedform gegossene Aufklärung: Wenn sie sich im (von Pigor vollverschleiert dargebotenen) "Burka Boogie" oder im swingenden "Gott ist tot" über religiösen wie antireligiösen Dogmatismus lustig machen; über das Brecht-Urheberrecht, das 2027 endet, reimend Kunstverbote geißeln; mit "Gammeln" einen 68er-Gegenentwurf zur modernen Tempobolzerei liefern; oder sich mit dem "Gastgeber"-Song mehr um deutsche Gastlichkeit verdient machen als alle Fernsehköche zusammen.

Selbst wenn sie einfach nur übers "Hipster-Bärte zählen in Berlin-Mitte" singen: Alles sprüht vor Musikalität, Intelligenz, Humor und darstellerischer Potenz. Auch noch die Überleitungen: Waren es beim letzten Mal "möglichst uninteressante" Drei-Minutenreferate, sind es diesmal Werbeblöcke. Und zwar, wie sich immer erst am Ende des "Spots" herausstellt, fürs Kabarett selbst. Einmal preisen sie mit einer wunderbaren Parodie ganz einfach den Kollegen Matthias Egersdörfer an, samt Angabe seiner Auftrittstermine. Die eingangs erwähnte Dame sollte sich also nicht wundern: Für diese unsere Schenkelklopfer-Welt sind Pigor & Eichhorn halt einfach zu gut.