bedeckt München 19°

Musikfilm:Rock 'n' Roll ist Risiko

Ein herrlicher irischer Musikfilm über die wilden achtziger Jahre: die Komödie "Sing Street" porträtiert ein paar Schuljungs, die eine Band gründen, um die hübschen Mädchen zu beeindrucken.

Von Anke Sterneborg

Da sitzt diese tolle junge Frau mit roten Lippen, großen Goldkreolen und toupiertem Lockenschopf direkt gegenüber der Schule auf der Treppe und scheint völlig unerreichbar zu sein für den 14-jährigen Conor.

Todesmutig geht er trotzdem auf sie zu und verwickelt sie in einer rührenden Mischung aus Scheu und Chuzpe ins Gespräch. Warum sie nicht in der Schule sei, fragt er. "Ich bin Model" erwidert sie, als wolle sie sich diesen Traum einfach mal auf der Zunge zergehen lassen. Mit großspuriger Entschlossenheit bietet er ihr daraufhin eine Rolle im Musikvideo seiner Band an, in der berechtigten Hoffnung, dass ihn die Musik ein paar Coolness-Grade näher an dieses Traumwesen heran bringt. Triumphierend kehrt er zu seinem nerdigen Kumpel zurück und raunt ihm zu: "Wir müssen eine Band gründen!"

Das Besondere an den Filmen von John Carney ist, wie er noch den hoffnungslosesten Losern Perspektiven eröffnet. Ein kleiner Junge aus prekären Verhältnissen, ein kiffender Taugenichts und ein bulliger Skinhead-Schläger, sie alle bekommen im Musikfilm "Sing Street" eine Chance. Dass Musik eine wunderbare Medizin gegen schwierige Lebenslagen jeder Art ist, hat das Kino immer wieder durchgespielt. Niederschmetternde Lebenssituationen lassen sich allemal besser ertragen, wenn sie in Songtexten poetisch überhöht, von Rhythmus und Melodie in Schwingung versetzt und mit rockiger Wut verscheucht werden.

SING STREET

"Jesus, was habt Ihr denn da an?", müssen sich die Jungs der Band Sing Street bald von hübschen Mädchen fragen lassen.

(Foto: Studiocanal)

Parallel zum persönlichen Coming of Age formiert sich hier die titelgebende Popband Sing Street: erste Proben, erste Auftritte, erstes, selbstproduziertes Musikvideo. Die Jungs machen sich auf die Suche nach den richtigen Worten, den passenden Bandmitgliedern, dem coolsten Look. Sie experimentieren mit wechselnden Frisuren und Moden, mit Taubenschiss-Haarsträhne und Struwwelpeter-Mähne, mit langen Mänteln und Rüschenblusen, Samtanzug und Cowboyhut. Immer ganz nah dran an ihren Idolen, von Duran Duran über The Cure und Spandau Ballet - wir stecken mitten in den wilden Achtzigern.

"Jesus, was habt ihr denn da an?", fragt die angebetete Raphina entsetzt. "Ja, daran arbeiten wir noch", räumt Conor ein. Doch das Entscheidende ist, dass die Jungs nicht am Jetzt und Hier verzweifeln, sondern in die Zukunft streben, dass sie experimentieren und improvisieren mit dem was sie haben und dabei so entwaffnend sympathisch und mitreißend sind, dass man sie einfach lieben muss. Was auch sehr viel mit den Schauspielern zu tun hat, die ihren jugendlichen Sturm und Drang mit den Schmerzen des Coming of Age unterfüttern, inklusive radikaler Musikideologie: "Keine Frau kann ernsthaft einen Mann lieben, der Phil Collins hört," heißt es einmal. "Rock'n' Roll ist Risiko! Man riskiert bei jedem Auftritt, sich lächerlich zu machen ."

Nach dem hübschen New York-Abenteuer "Can a Song Save Your Life?" mit Keira Knightley und Mark Ruffalo kehrt Regisseur John Carney mit "Sing Street" in seine Heimat Dublin zurück, wo auch sein famoses Filmdebüt "Once" gespielt hat. Zwischen nostalgischer Verklärung und selbstironischem Witz rekapituliert er nun die verqueren Mittachtziger Jahre seiner eigenen Jugend.

Ein weiteres Mal zelebriert Carney bittersüße Lebensbewältigung durch Musik. Harsche Spülstein-Realität überführt er sanft ins Musicalmärchen, allein durch den Drive der Jugend und den Schwung der Songs.

Sing Street, Irland/GB/USA 2016 - Regie, Buch: John Carney. Kamera: Yaron Orbach. Mit: Ferdia Walsh-Peelo, Lucy Boynton, Mark McKenna Jack Reynor, Aidan Gillen, Maria Doyle Kennedy, Kelly Thornton. StudioCanal, 106 Minuten.

© SZ vom 25.05.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite