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Musikfilm:"Das war überkrass!"

Wie die Rapper Dr. Dre und Ice Cube sich im Film "Straight Outta Compton" selbst historisieren.

Von Jan Kedves

Eine bizarre Vorstellung: Zehn Sprecher stehen im Synchronstudio und übertragen die Dialoge von "Straight Outta Compton" ins Deutsche, oder Halbdeutsche, oder wie man das nennen soll: "Yo, was'n los, Nigger?"

Wir sind in einer Szene, in der die drei berühmtesten Akteure der Rap-Crew N.W.A - Ice Cube, Eazy-E und Dr. Dre - zum ersten Mal zusammen im Studio stehen. Dr. Dre sagt zu Eazy-E: "Wieso kickst'n du eigentlich nicht den Shit?", womit gemeint ist: Warum rappst du nicht auch mal? Eazy-E will eigentlich nur als Finanzier dabei sein, mit dem Geld, das er als Drogendealer beiseitegeschafft hat. Für ihn ist Gangsta-Rap eine Investition. Trotzdem stellt er sich in die Kabine. Rhythmusgefühl hat er nicht, aber Dr. Dre bringt es ihm bei. Ein paar Einstellungen später hat er Blut geleckt: "Hey, Dre, das war überkrass, das war Dope!"

Compton Film

Corey Hawkins als junger Scratch-Meister Dr. Dre in "Straight Outta Compton".

(Foto: Universal)

Ja, man bekommt in der Synchronfassung von "Straight Outta Compton" tatsächlich genau diese grässliche Mischung aus unübersetzbarem und daher im englischen Original belassenen Rap-Slang und Deutsch. Letzteres ist ein schräges Gemisch aus heutiger und sehr gestriger Kraftsprache. An einer Stelle sagt wirklich jemand "Wichsgriffel".

Wer sich für die Geschichte von Gangsta-Rap interessiert oder für die frühen Tage von Dr. Dre und Ice Cube, für den kultisch verehrten, 1995 an den Folgen von Aids gestorbenen Eazy-E, oder allgemein für den Süden von Los Angeles in den Jahren vor den Rodney-King-Ausschreitungen, muss also die Originalfassung sehen. Hier hört man keine weißen Synchronsprecher mit dem N-Wort jonglieren, und auch ansonsten ist "Straight Outta Compton" dann durchaus unterhaltsam und lehrreich. Was dem Regisseur F. Gary Gray am besten gelingt, ist die Darstellung von Gewalt. Wie sie entsteht, wie sie Gegengewalt provoziert. Die Schlüsselszene, 1988: N.W.A haben mit dem weißen Plattenmanager Jerry Heller, der Samt-Jogginganzüge trägt (also sehr abgehalftert ist), jemanden gefunden, der an sie glaubt. Während der Aufnahmen zum Debütalbum "Straight Outta Compton" machen sie vor dem Studio Pause. Prompt fährt ein Streifenwagen vor, ein schwarzer Beamter befiehlt allen, sich auf den Asphalt zu legen, ein weißer Beamter schaut zu. Erst Jerry Heller (Paul Giamatti) kann die Polizisten überreden, die Rapper gehen zu lassen. Zum Abschied beschimpft Ice Cube (großartig: Ice Cubes 24-jähriger Sohn O'Shea Jackson Jr.) den schwarzen Beamten wüst. Der antwortet: "Geh wieder rein zu deinem Massa!" Weiße gegen Schwarze. Schwarze gegen Schwarze. Alle gegen alle: Das ist der Grundtenor des Films. Angesichts der "Black Lives Matter"-Bewegung - einer Kampagne nach den Todesfällen von Schwarzen durch Polizeigewalt - wirkt sie gespenstisch aktuell. "Straight Outta Compton" zeigt denn auch, wie N.W.A als Reaktion auf erwähnte Schikane ihren Hit "Fuck tha Police" schreiben. Der Song ist kein Aufruf zur Gewalt, sondern ein Panorama der Sozialkritik. Unter anderem mit der Zeile "Black police showing out for the white cop", sprich: schwarze Polizisten greifen in Anwesenheit weißer Vorgesetzter besonders hart.

Um ihren "Sklavenhaltern" zu gefallen. Eine andere Form der Gewalt spart "Straight Outta Compton" indes völlig aus: die gegen Frauen. Es gab in den USA einen mittleren Skandal um den Film, weil er mit keiner Einstellung andeutet, dass Dr. Dre 1991 auf einer Party die TV-Moderatorin Dee Barnes angegriffen hat und deswegen vor Gericht stand. Barnes meldete sich mit einem Text bei Gawker zu Wort, Dr. Dre entschuldigte sich in der New York Times bei allen Frauen, denen er als junger betrunkener Mann "wehgetan" habe. Dass nichts davon in "Straight Outta Compton" vorkommt, wundert einerseits nicht: Ice Cube und Dr. Dre haben den Film koproduziert, sie arbeiten also mit eigenem Geld an der Historisierung ihrer Biografien. Wenn Dr. Dre weiterhin erfolgreich "Beats by Dre"-Kopfhörer verkaufen will, darf er auf der Leinwand keine Frauen misshandeln.

Andererseits steht diese Auslassung in direktem Widerspruch zum Credo "Unsere Kunst spiegelt nur die Realität wider", mit dem N.W.A sich früher immer gegen die Vorwürfe verteidigten, in ihrer Musik Gewalt zu glorifizieren. "Keep it real" lautete seitdem der Anspruch aller Gangsta-Rapper. "Straight Outta Compton" ist nicht so ganz "real".

Straight Outta Compton, USA 2015 - Regie: F. Gary Gray. Buch: Jonathan Herman, Andrea Berloff. Mit: O'Shea Jackson Jr., Corey Hawkins, Paul Giamatti. Universal, 147 Minuten.

© SZ vom 26.08.2015

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