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Musiker Adam Ant:Problematischer Star von vorgestern

Jahrelang habe er ständig diese Fragen ertragen müssen, erzählt Adam Ant, wenn er dann nach wenigen Minuten in Fahrt kommt. Ob er überhaupt noch Musik mache, ob er jetzt Schauspieler sei, wie es weitergehe. "Es tut so gut, endlich eine simple Antwort darauf zu haben, ohne rumlabern zu müssen: Hier, das Album! Hier, meine Show!" 130 Konzerte hat er in den vergangenen zwei Jahren gespielt, in England, Holland, Australien, den USA. Um die Platte rauszubringen, wurde er Kleinunternehmer, gründete ein Label, denn - das erwähnt er natürlich nicht - besonders scharf war keine der großen Firmen, sich einen problematischen Star von vorgestern ans Bein zu binden.

"Am Anfang war jeder Abend wie ein Marathon", sagt Ant, die Handgelenkkette klappert, und im nächsten Moment werden wir weit zurück in die Erinnerung katapultiert, ins Punk-London der Siebziger, als er sich zum letzten Mal ähnlich frei fühlte wie heute. Als die Sex Pistols bei seiner ersten Band im Vorprogramm spielten, als er sich mit Vivienne Westwood und Malcolm McLaren anfreundete, der dann auch sein Manager wurde. Als die frühen Ants mit dem VW-Bus nach Berlin tuckerten, im SO36 spielten, und ihnen hinterher ein Unbekannter die Restaurantrechnung zahlte, weil er so beeindruckt war von dem Rudolf-Schwarzkogler-Anstecker, den der Kunststudent Adam an der Brust trug.

"Schlimm wird es, wenn man dann plötzlich einen Haufen Geld wert ist. Und die Leute, die dieses Geld verdienen, hektisch werden, weil sie nicht glauben, dass man lange oben bleibt." Allein der Popindustrie gibt er nicht die Schuld für sein Unglück, aber Adam Ant hatte viel Zeit zum Nachdenken: über die durchgeblitzten, pausenlosen Jahre als Sexsymbol und Glückspirat, die Filmkarriere in Los Angeles, die Stalker, die Übermotivation.

"Heute geht es mir vor allem um Beständigkeit"

Den Rest der Geschichte kann man in den bunten Blättern nachlesen. Adam Ant, in jeder Hinsicht öffentlichkeitserprobt, entschied sich für die Flucht nach vorn. Schrieb ein Buch, heuerte bei den Initiativen Sane und Mind, die über psychische Krankheiten aufklären, als Sprecher an. Räumte mal ein bisschen auf mit dem Mythos vom schicken Pop-Irrsinn.

Dass Fantasiefiguren einfach verschwinden, das kennt man. Dass sie aber plötzlich wieder auftauchen, als geschundene, vom Leben gezeichnete Charaktere, leicht zerzaust, aber lebendig - das erlebt man selten, und es fühlt sich ganz besonders an. Wenn er mit seiner neuen Band auf der Bühne steht, trägt Adam Ant wieder die Piratenjacke aus der großen Zeit. Und falls die 17 Stücke auf seinem neuen, wilden, verwirrenden Album "Adam Ant Is the Blueblack Hussar in Marrying the Gunner's Daughter" an irgendetwas erinnern, dann an die anarchischen, ganz frühen Tage. "Als langsam die Ideen für Songs zurückkamen, als ich plötzlich eine Zeile, eine Strophe hatte, das war das Heilsamste überhaupt", sagt er. Seine Platte, mit all ihren Macken, ist kein von fremder Hand kuratiertes Selbst-Tribut wie die Spätwerke von Johnny Cash oder Heino. Sondern ziemlich genau das, was gewachsen ist in den Jahren, in denen Adam Ant sich erst wie ein Zombie fühlte. Und plötzlich wieder wie ein Künstler.

In der Zimmerecke steht schon das große Plakat für den 11. Mai. Da hat er das Londoner Roundhouse gebucht, eine 5000er-Halle, die muss er erst mal vollkriegen: Adam Ant, der wiedergeborene Popstar, auf dem besten Weg, wieder eine anständige Fallhöhe zu erreichen. Dann noch eine USA-Tour, und ja, genau, von den Plattenverkäufen erwarte er auch noch einiges - fast wie damals. Kurz glaubt man, man müsse den Mann schütteln, wieder zur Vernunft bringen. Aber er kann ja alles erklären. "Heute geht es mir vor allem um Beständigkeit", sagt er.

© SZ vom 16.03.2013/mkoh

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