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Musiker Adam Ant:Martialisch romantisch

Adam Ant war in den Siebzigern und Achtzigern ein Superstar, der aufregendste britische Freibeuter der Popmusik. Dann kam der Absturz, der ihn 2003 sogar sechs Monate in die Psychatrie führte. Jetzt will er noch einmal zurück ins Licht.

Solche Geschichten fangen ja immer damit an, dass den Eltern vor Schreck das schon gekaute Abendessen aus dem Mund fällt. Dass es scheppert im Karton, und zwar so richtig, weil die Kinder endlich die Botschaft kapiert haben, die der Mann im Fernsehen ihnen sendet. Es ist Ende 1980, Reagan gewinnt die Wahl, John Lennon wird erschossen, in Brokdorf kracht's mal wieder, und der Typ auf dem Bildschirm heißt Adam Ant. Ein Wilder, ein Popstar, wie man ihn auf dieser Erdhalbkugel noch nicht gesehen hat, trotz Bowie, Punk oder Londoner Kunstschulgedöns. Obwohl das alles die Einzelteile des Phänomens sind.

Adam Ant, der Pirat mit Kriegspfad-Streifen im Gesicht, mit Zöpfchen, Fetisch-Lederhose, Sex, Fantasie. Mit Schlachtgeheul, Kinderliedern und seiner apokalyptischen Eingreiftruppe, deren zwei Schlagzeuger alles wegtrommeln, was öde Jeans- und Gitarrenträger dufte finden. Adam and The Ants sind im Fernsehen, die schönsten, aufregendsten Freibeuter, die Könige dieser seltsamen Übergangsphase zwischen vor- und nachrevolutionärer Zeit, knapp zwei Jahre lang. Verkaufen 15 Millionen Platten, haben Hits wie "Stand And Deliver" und "Antmusic", hauen einen Stein in die Landschaft. Seit über 30 Jahren hat keiner gewagt, sie zu imitieren.

Wenn dieser Adam Ant nun plötzlich vor einem stünde, in echt, dieser martialisch-romantische Charakter, mit einer Pistole im Anschlag - was würde man tun? Lachen? Wegrennen?

Die Gäste der Londoner Kneipe, in die er am 12. Januar 2002 marschierte, erkannten ihn wohl gar nicht. Im Polizeibericht stand später, Stuart Goddard - wie Adam Ant wirklich heißt - habe Streit angefangen, und kurz darauf eines der Fenster eingeschmissen, von außen, mit einem alten Stromgenerator. Bei der anschließenden Hetzjagd habe er eine Waffe auf seine Verfolger gerichtet und versucht, mit einem Taxi zu fliehen. Ein gutes Jahr später der nächste Vorfall. Erst wirft er mit Steinen auf Nachbarhäuser, läuft dann in sein Stammcafé, lässt vor versammeltem Saal die Hose herunter.

Ein halbes Jahr in der Geschlossenen

Sechs Monate geschlossene Psychiatrie, lautet das Urteil. Die private und öffentliche Kernschmelze für den früheren Superking, der in den Achtzigern und Neunzigern noch eine respektable Solokarriere gehabt hatte. Er ist zurück auf Seite eins, kahlköpfig, fett von den Tabletten. Adam Ant, nicht einfach nur crazy, nicht nur der neue Depp der britischen Presse, sondern der rasende Irre von London. Dass er unter einer heftigen bipolaren Störung leidet, unter dem, was man früher manische Depression nannte, hat er schon länger gewusst. Jetzt wissen es alle. Und: Auch der Musiker Adam Ant verstummt nun. Ganz.

Deshalb ist es umso überraschender, dass man im Frühjahr 2013 einen grandiosen Grund hat, um an der Tür von Adam Ants schmalem Haus in einer Seitenstraße in London-Kensington zu klingeln. Der Begriff Comeback ist ja ein schlimmes Klischee der Popbranche, aber hier stimmt er wirklich: Ant, mittlerweile 58, hat sich seit 2010 wieder auf Konzertbühnen gewagt. Hat jetzt sogar eine neue Platte gemacht, die erste seit 18 Jahren, genannt "Adam Ant Is the Blueblack Hussar in Marrying the Gunner's Daughter". Rückkehr aus der Matratzengruft. Therapiekunst. Oder ein echter, fast pophistorischer Relaunch.

Man wartet in einem unfassbaren Wohnzimmerchen, bis oben zugemüllt mit Büchern, Kram, Resten eines Starlebens. An der Wand die goldenen Schallplatten, in den vollen Regalen unter anderem der "Goldene Otto"-Award der Zeitschrift Bravo von 1981 und ein gerahmtes Oben-ohne-Foto der Schauspielerin Jamie Lee Curtis, aus der Zeit, als Adam Ant und sie ein Paar waren. Dann schlurft er aus dem Keller herauf, in Freizeitkleidung, mit Brille, Husarenschnurrbart und der Art von Schiebermütze, die deutlich signalisiert, dass unter ihr eine Glatze versteckt wird. Ganz genau: ein alter Pirat.

Problematischer Star von vorgestern

Jahrelang habe er ständig diese Fragen ertragen müssen, erzählt Adam Ant, wenn er dann nach wenigen Minuten in Fahrt kommt. Ob er überhaupt noch Musik mache, ob er jetzt Schauspieler sei, wie es weitergehe. "Es tut so gut, endlich eine simple Antwort darauf zu haben, ohne rumlabern zu müssen: Hier, das Album! Hier, meine Show!" 130 Konzerte hat er in den vergangenen zwei Jahren gespielt, in England, Holland, Australien, den USA. Um die Platte rauszubringen, wurde er Kleinunternehmer, gründete ein Label, denn - das erwähnt er natürlich nicht - besonders scharf war keine der großen Firmen, sich einen problematischen Star von vorgestern ans Bein zu binden.

"Am Anfang war jeder Abend wie ein Marathon", sagt Ant, die Handgelenkkette klappert, und im nächsten Moment werden wir weit zurück in die Erinnerung katapultiert, ins Punk-London der Siebziger, als er sich zum letzten Mal ähnlich frei fühlte wie heute. Als die Sex Pistols bei seiner ersten Band im Vorprogramm spielten, als er sich mit Vivienne Westwood und Malcolm McLaren anfreundete, der dann auch sein Manager wurde. Als die frühen Ants mit dem VW-Bus nach Berlin tuckerten, im SO36 spielten, und ihnen hinterher ein Unbekannter die Restaurantrechnung zahlte, weil er so beeindruckt war von dem Rudolf-Schwarzkogler-Anstecker, den der Kunststudent Adam an der Brust trug.

"Schlimm wird es, wenn man dann plötzlich einen Haufen Geld wert ist. Und die Leute, die dieses Geld verdienen, hektisch werden, weil sie nicht glauben, dass man lange oben bleibt." Allein der Popindustrie gibt er nicht die Schuld für sein Unglück, aber Adam Ant hatte viel Zeit zum Nachdenken: über die durchgeblitzten, pausenlosen Jahre als Sexsymbol und Glückspirat, die Filmkarriere in Los Angeles, die Stalker, die Übermotivation.

"Heute geht es mir vor allem um Beständigkeit"

Den Rest der Geschichte kann man in den bunten Blättern nachlesen. Adam Ant, in jeder Hinsicht öffentlichkeitserprobt, entschied sich für die Flucht nach vorn. Schrieb ein Buch, heuerte bei den Initiativen Sane und Mind, die über psychische Krankheiten aufklären, als Sprecher an. Räumte mal ein bisschen auf mit dem Mythos vom schicken Pop-Irrsinn.

Dass Fantasiefiguren einfach verschwinden, das kennt man. Dass sie aber plötzlich wieder auftauchen, als geschundene, vom Leben gezeichnete Charaktere, leicht zerzaust, aber lebendig - das erlebt man selten, und es fühlt sich ganz besonders an. Wenn er mit seiner neuen Band auf der Bühne steht, trägt Adam Ant wieder die Piratenjacke aus der großen Zeit. Und falls die 17 Stücke auf seinem neuen, wilden, verwirrenden Album "Adam Ant Is the Blueblack Hussar in Marrying the Gunner's Daughter" an irgendetwas erinnern, dann an die anarchischen, ganz frühen Tage. "Als langsam die Ideen für Songs zurückkamen, als ich plötzlich eine Zeile, eine Strophe hatte, das war das Heilsamste überhaupt", sagt er. Seine Platte, mit all ihren Macken, ist kein von fremder Hand kuratiertes Selbst-Tribut wie die Spätwerke von Johnny Cash oder Heino. Sondern ziemlich genau das, was gewachsen ist in den Jahren, in denen Adam Ant sich erst wie ein Zombie fühlte. Und plötzlich wieder wie ein Künstler.

In der Zimmerecke steht schon das große Plakat für den 11. Mai. Da hat er das Londoner Roundhouse gebucht, eine 5000er-Halle, die muss er erst mal vollkriegen: Adam Ant, der wiedergeborene Popstar, auf dem besten Weg, wieder eine anständige Fallhöhe zu erreichen. Dann noch eine USA-Tour, und ja, genau, von den Plattenverkäufen erwarte er auch noch einiges - fast wie damals. Kurz glaubt man, man müsse den Mann schütteln, wieder zur Vernunft bringen. Aber er kann ja alles erklären. "Heute geht es mir vor allem um Beständigkeit", sagt er.

© SZ vom 16.03.2013/mkoh

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