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Musik:Popkolumne

Der Postpunk altert in der Regel gut. Darum kommt nicht immer Freude auf, wenn seine Helden neue Platten vorlegen. Manchmal aber doch.

Man fürchtet sich instinktiv immer sofort ein wenig, wenn alte Postpunk-Helden noch einmal ein Album veröffentlichen. Die zornige Zackigkeit und lassige Kühle ihrer alten Songs ist einfach zu gut gealtert und bis heute stilprägend, warum also mit neuem Material an altes nicht mehr herankommen? Von der 1977 in Leeds gegründeten Postpunk-Band Gang of Four gibt es zum Beispiel den Überhit "Damaged Goods", drahtig, funky, rotzig, ewig gut. Ein Platz in der ersten Reihe der Indie-Pop-Geschichte ist der Band, in der mit Andy Gill inzwischen nur noch ein Gründungsmitglied mitspielt, damit sicher. Das neue, dreizehntes Album, "Happy Now", fügt dem Erbe erwartungsgemäß nichts hinzu, was einem fehlen würde, wenn man nur frühen Platten kennt. Im Ganzen ist es jetzt alles zu breit, bassig und elektronisch. Aber dann doch auch immer wieder unpeinlich und zackig genug, dass man insbesondere das Debüt "Entertainment!" (natürlich nur echt mit dem Ausrufezeichen!

) sofort wieder einmal hören möchte. Die beiden Kalifornier Jonathan Rado und Sam France machen als Foxygen auch auf ihrem sechsten Studio-Album "Seeing Other People" aus unverdienten Alltagsdepressionen aller Art feinsten post-postmodernen Als-ob-Pop: "Face the facts, I'm never gonna dance like James Brown / I'm never gonna be black". Gar nicht so weit verbreitete Kunst im Indiepop: Sich von den Beschränkungen seiner Existenz gerade so weit runterziehen lassen, dass man noch mitwippen kann.

Im Hauptberuf ist Clifford Ian Simpson alias Kevin Abstract Mitglied der famosen amerikanischen Indie-Hip-Hop-Boygroup Brockhampton, der seit ein paar Jahren ja der schöne Stunt gelingt, den allergrößten Emo-Kitsch supercool klingen zu lassen. Auf seiner neuen, entspannt dahin schaukelnden Solo-Single "Baby Boy" singt er jetzt im Falsett "When I close my eyes I think about you all the time". Alles klar: Verlieren kann man eigentlich nur noch, wenn man die Angst vor den großen Gefühlen so klein kriegt, dass kein Song mehr daraus werden kann.

Passend dazu sei der im neuen Buch "Lyrik/Lyrics - Songtexte als Gegenstand der Literaturwissenschaft" erschiene Aufsatz "Geistersprache im Kinderzimmer" des Literaturwissenschaftlers Kai Sina empfohlen, der doch eigentlich auch eine sehr gute (und an so einem Ort eher unerwartete) Definition von Pop im Allgemeinen vorschlägt. Es geht zwar um Wiegenlieder als "Poetisches Instrument der Materialismus- und Nihilismusabwehr", aber der Gedanke, dass sich die Sängerinnen und Sänger deshalb auf das "Dilemma von Reflexivität und Naivität" einlassen müssen - dieser Gedanke umschreibt doch auch sehr gut, was Popmusik ausmacht.

Bevor Prince seine Memoiren, die den Titel "The Beautiful Ones" haben sollten, diktieren konnte, starb er im April 2016 an einer Überdosis des Schmerzmittels Fentanyl. Im Oktober wird nun ein Buch unter demselben Titel erscheinen, das an Leben und Werk des Meisters erinnert. Bis dahin soll der schöne Kommentar zum Buch reichen, den Prince bei einem Minikonzert anlässlich der Ankündigung seiner Memoiren einen Monat vor seinem Tod gab: "Die netten Leute von Random House haben mir ein Angebot gemacht, dass ich nicht ablehnen konnte. Ihr lest doch alle noch Bücher, oder?"

Es gibt eine neue Single der letzten großen alten Retrosoul-Königin Mavis Staples. "Anytime" klingt unwiderstehlich minimalistisch. Staples, Jahrgang 1939, zeigt da einmal mehr wie lässig man im Pop alt sein kann, wenn man die Kunst beherrscht, die Nostalgie mit der Neugier tanzen zu lassen, und zwar am besten dorthin, wo man noch nicht war: "Give me a one-way Ticket / to somewhere I've never been."

Blieben die Albumcharts der Woche. Ganz oben steht das Album "Trip" des 19-jährigen deutschen Popsängers Mike Singer, der über die Sozialen Medien als eine Art deutscher Justin Bieber bekannt wurde und jetzt über R'n'B- und Trap-Tonspuren von der Stange leidlich lasziv die Planstelle Teenieschwarm ausfüllt. Interessanter ist diese Woche ein Blick auf die Albentitel der Top-Ten. Neben Meisterleistungen der Namensgebung wie "Alles oder Dich" (Roland Kaiser), "Only Love, L", "Irgendwie anders" (Wincent Weiss) oder "Auf der Suche nach der Schnapsinsel" (Tote Hosen) steht da immerhin Billie Eilishs Melancholia-Frage "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?" schön quer