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Musik:Klassikkolumne

Reinhard J. Brembeck stellt ungleiche Paare in der klassischen Musik vor: Etwa den Tenor Benedikt Kristjánsson, der isländische Volkslieder mit Schubert kombiniert.

Dass die CD verschwindet, ist eine oft zu hörende Behauptung, die der Klassikkritiker aber keinesfalls bestätigen kann. Täglich gehen bei ihm mehrere CDs postalisch ein, an guten Tagen können es mehrere Pakete mit dreizehn, siebzehn oder mehr Platten sein. Die zu hören, dazu reicht eine Standardlebenszeit schlicht nicht aus. Also braucht es Kriterien zur Auswahl. Doch woher sie nehmen? Manchmal kommt einem dann der Zufall des Tagesgeschäfts zu Hilfe. Haben nicht unlängst die Salzburger Osterfestspiele den Münchner Nochopernintendanten Nikolaus Bachler als neuen künstlerischen Leiter verpflichtet, zum Unmut von Christian Thielemann, der dort als Hauptdirigent fungiert. Die beiden passen nicht zueinander. Thielemann der konservative Meister-Wagnerianer, Bachler, der Regietheaterweiterdenker.

Allein was tut's, Paarbeziehungen müssen nicht notwendig harmonisch und schon gleich gar nicht naheliegend sein, um trotzdem fruchtbringend zu wirken oder zu inspirieren. Denn die Wiederholung des Bekannten geht immer mit einem Substanzverlust einher. Der Eindruck, den das Verdi-Requiem beim ersten Hören vermittelt, stellt sich bei den Wiederholungen nicht ein, da man schon weiß, wie es geht und was kommt, während man beim ersten Mal zittert und Angst hat, ob der Komponist das Niveau durchgehend beibehält und vielleicht sogar noch steigert. Deshalb kann es belebend wirken, wenn ein bekanntes Meisterwerk einer völlig anderen Musik gegenübergestellt wird. Denn die daraus resultierende Verblüffung führt dazu, dass man das Bekannte plötzlich wie zum ersten Mal hört.

Doch zurück zu den ungleichen Paaren. Benedikt Kristjánsson ist Isländer und Liedersänger, Tenor. Also spannt er auf seiner Themen-CD "Drang in die Ferne" (Genuin) isländische Volkslieder, ohne Begleitung gesungen, mit Liedern von Franz Schubert zusammen. Die Einsamkeit in dieser Folklore, der sich aufdrängende Naturbezug, die Melancholie: Das findet sich nicht bei Schubert, aber es erkennt Schubert als einen entfernten Geistesverwandten an. Eine ganz andere Paarbeziehung bei Schubert dagegen entdeckt der Pianist

András Schiff, der geradezu abonniert ist auf die Musik von Bach bis Schubert. Meist spielt Schiff auf einem modernen Flügel, abgeklärt, mittig. Gelegentlich spielt er aber auch auf Hammerklavieren, den klapprig kurzatmigen Instrumenten um 1800. So musiziert er jetzt für die CD "Franz Schubert. Sonatas & Imprompus" (ECM) auf einem um 1820 von Franz Brodmann in Wien gebauten Fortepiano. Und im Finale der späten c-Moll-Sonate versteigt sich das Paar Schiff-Brodmann dann zu einer elegant keuchenden Hetzjagd.

Paarweise angeordnet sind die "Sei Solo", die Johann Sebastian Bach für Geige geschrieben hat. Mikhail Pochekin hat diese drei Zweiergruppen in einer grandiosen Einspielung vorgelegt, die die rhetorische Klarheit der historischen Aufführungspraxis mit der musikantischen Lust eines modernen Virtuosen verbindet (Solo Musica /Sony). Und der Komponist Olivier Messiaen lässt sich immer nur zusammen mit einem seiner Vögel denken, dreizehn seiner Begleiter hat er im Klavierzyklus "Catalogue d'oiseaux" portraitiert, am liebsten erlebt man den Meister zusammen mit dem Pirol, zumindest wenn Ciro Longobardi Klavier spielt (Piano Classics). Aber was ist mit Anton Bruckners unvollendeter Neunter Sinfonie, die sich dem allgemeinen Bewusstsein als Dreisätzer eingegraben hat. Ist das Ende mit dem langsamen Satz nicht etwas unbefriedigend, auch weil hier das in der Sinfonie übliche Prinzip von zwei mal zwei Satzpaaren fehlt? Gerd Schaller hat, nicht als Erster, die Skizzen für den Schlusssatz vervollständigt und den so entstandenen kühnen Viersätzer grandios dirigierend aufgenommen (Hänssler).

Nächte sollte man nur paarweise verbringen. Davon berichtet Hector Berlioz in seinen "Les Nuits d'éte". Traditionell singt diese sechs sehnsüchtig Beschwörungen eine Frau. Doch jetzt erheben zwei Männer Anspruch auf diesen Zyklus. Ian Bostridge (Seattle Symphony Media) singt ihn mit vielfach aufgespleißter Stimme als ein Panoptikum der Verzweiflungen, Stéphane Degout (harmonia mundi) dagegen männlich auftrumpfend, er hat mit François-Xavier Roth und dessen Ensemble "Les Siècles" die derzeit besten Berlioz-Deuter als Begleiter. Und die Frauen? Dorothee Oberlinger ist schon seit Jahren mit ihrer Blockflöte verwachsen und dieses Duo hat sich jetzt auf eine spezielle Reise durch die Nacht begeben: "Night Music" (deutsche harmonia mundi) beginnt mit einem sephardischen Stück und endet mit "Round Midnight" von Thelonius Monk.