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Musik:Klänge für eine bessere Welt

Peter Dostál-Berg
Schofar Spieler

Peter Dostál-Berg ist der vielleicht einzige Schofar-Spieler der Welt, der auf dem aus Widder- oder Antilopen-Horn gefertigten Instrument Melodien spielen kann.

(Foto: oh)

Peter Dostál-Berg entlockt dem Schofar Melodien, die die Menschen verbinden sollen

Von Dirk Wagner

Eine etymologische Verwandtschaft der Begriffe "aufhören" und "zuhören" deuten folgende zwei Sätze an: "Hört auf, hier sind Menschen", wie der brave Soldat Schwejk in Jaroslav Hašeks Roman den schießenden Soldaten zuruft. Und "Hört zu, hier sind Menschen", wie die ähnlich friedensstiftende Aufforderung der ebenfalls aus Böhmen stammenden Musiker Peter Dostál-Berg und Karel Lorenc lautet.

Letzterer singt im Münchner Synagogenchor Schma Kaulenu, was auf Deutsch "Höre unsere Stimme" heißt. Und Ersterer ist der vielleicht einzige Schofar-Spieler der Welt, der auf dem aus Widder- oder Antilopen-Horn gefertigten Blasinstrument Melodien spielen kann. Diese Urform einer Naturtrompete wurde bereits im Altertum gespielt. Noch heute werden darauf in Synagogen ritualisierte Signale intoniert. Doch Peter Dostál-Berg, Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde München, belässt es nicht bei den im Gottesdienst verwendeten Signalen. Der mütterlicherseits mit dem Komponisten Alban Berg verwandte Trompeter spielt darauf auch Songs der Beatles, Lieder aus Verdi-Opern oder Kompositionen von Bach. Den Weg vom signalisierenden Klang zu ganzen Melodien, die auch mehrere Musiker unisono spielen, nennt Dostál-Berg Menschwerdung oder Zivilisation. Denn erst die Fähigkeit, zu musizieren, unterscheide den Menschen vom Tier. Dem Schofar-Spiel schreibt er eine befriedende Funktion zu. Denn, so behauptet Dostál-Berg: "Wer das Schofar hört, kann nicht gewalttätig sein."

Die Melodien, die er auf dem Schofar bläst, entstehen bereits im Kopf. Als Gedanken, den er über seinen Atem aufs Instrument überträgt. Ohne Druck, mit dem viele Jazzmusiker seiner Meinung nach die Trompete blasen. Sondern natürlich atmend, als würde er singen. Genauso spielt der gebürtige Tscheche im Übrigen auch die Tromba Soprana, eine fast in Vergessenheit geratene Hohe Trompete aus der Barockzeit, die er im Archiv des Fürsten Karl Schwarzenberg entdeckt hatte und nachbaute. Schon in seiner Hochphase galt das Instrument, für das auch Mozart oder Bach komponierten, als besonders schwer zu spielen. Darum ist Dostál-Berg vielleicht auch hier der einzige, der jenem Instrument den samtenen Klang einer menschlichen Stimme zu entlocken weiß. In Konzerten kombiniert er es auch mal mit dem aus einem abgeschnittenen Widder- oder Antilopen-Horn gefertigten Schofar.

Eine ganz besondere Wirkung erzielt sein Schofar-Spiel indes, wenn es ganz den alten Schriften folgend wie einst im Tempel von Jerusalem vom Sänger Karel Lorenc stimmlich begleitet wird. Nur dass einst im Tempel 120 Sänger und Schofar-Bläser gemeinsam musiziert haben sollen. Deren Wirkung kann das Zusammenspiel von Dostál-Berg und Lorenc freilich nur andeuten. Und doch hat auch deren Zweiklang die Besucher der 850-Jahr-Feier der Stadt München auf dem Marienplatz ebenso fasziniert wie vor wenigen Monaten die Zuschauer in der Philharmonie. Der muslimische Oud-Spieler Mehmet Cem Yesilcay vom Pera Ensemble hatte die beiden damals zusammen mit den christlichen Chören der Dommusik München zu einem interreligiösen Konzert geladen, in welchem nun das Schofar als Ur-Instrument aller abrahamitischen Religionen erklang. "Dieser Klang hat etwas archetypisches, sehr harmonisierendes", schwärmt Lorenc, der es als eine besondere Herausforderung erachtet, sich als Sänger auf die Energie des Schofars einzulassen: "Der Ton des Schofars klingt ja nicht musikalisch. Erst Peter macht aus seinen Tönen Musik."

Diese Musik verstehen die beiden als Friedensbotschaft an alle Menschen. "Denn sie kennt keine religiösen, kulturellen oder sprachlichen Unterschiede. Sie ist eine universelle Botschaft", sagt Dostál-Berg, der davon überzeugt ist, dass jeder Mensch eine Aufgabe zu erfüllen hat, damit die Welt besser wird. Obwohl er als junger Mann als Eishockeyspieler in der tschechischen Nationalmannschaft brillierte, sieht er seine Aufgabe mit seinem musikalischen Talent verbunden, das er zusammen mit Lorenc nun in den Dienst der Weltverbesserung stellt. So wollen die beiden künftig einmal im Monat den Sabbat auf dem Jakobsplatz einläuten. Jedes Mal mit einem neuen Lied. So also, wie es in den Psalmen gefordert wird. Und zwar für Juden und Nicht-Juden. Das Rabbinat habe schon zugestimmt, sagt Lorenc. Am 20. Oktober zur Dämmerung könnte also erstmals ein neues Lied vom Schofar begleitet für alle Menschen vor der Synagoge auf dem Jakobsplatz erklingen. Eine Gemeinschaft stiftend, der dann alle "angehören", die sich jenes Lied "angehört" haben werden. Auch hier weist schon wieder die Etymologie den Weg.

© SZ vom 25.08.2017
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