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Musik:Jelena Kuljić und ihre Band KUU!

KUU! / Jelena Kuljic 

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Diese Stimme ist ein Ereignis: Jelena Kuljić, Sängerin bei "KUU!"

(Foto: © ACT / Heidi Abt)

Diese Band macht kubistische Rockmusik, falls es so etwas gibt. Das neue Album "Lampeduse Lullaby" hat eine wunderbare, harte Poesie.

Von Egbert Tholl

Hey, hast du Angst, deine Identität zu verlieren? Sexuell, sozial? Hörst du mich? Es ist eine Freude, etwas Neues zu lernen!

Das muss man sich jetzt alles auf Englisch gesungen vorstellen, von einer Stimme, die sich mit einer ganz eigenartigen Eigenständigkeit über einen stockenden, rumpelnden Klangapparat bewegt. Das Schlagzeug und die zwei Gitarren verhalten sich so, als hätten sie vor langer Zeit einmal einen konzisen Song zusammengebaut, den dann in viele kleine Blöcke zerteilt, die sie nun mit Ingrimm und völliger Freiheit übereinanderwerfen. Dieser Song, "Scream", ist nun, falls es das gibt, kubistische Rockmusik, über der eben diese Stimme liegt, mal dunkel grollend, dann auf jedem Wort als Einzelereignis insistierend, dabei unendlich schön, frei.

Jelena Kuljić gehört diese Stimme, die ein Ereignis ist. Aber dieses ist die ganze Platte der Band KUU!. Diese besteht aus Kuljić und drei Musikern, die in sehr unterschiedlichen, aber nie simplen Gefilden der Musik unterwegs sind. Der eine Gitarrist, Frank Möbus, ist von der Band Der rote Bereich, der andere, Kalle Kalima, hat mit Simon Stockhausen gearbeitet, der Schlagzeuger, Christian Lillinger, mit dem Siemens-Musikpreisträger Beat Furrer. Und alle mit vielen anderen.

So großartig die Band als disparates, aber doch geschlossenes Instrument fungiert, über allem singt, schwelgt, schimpft, röhrt Jelena Kuljić. Seit Beginn der Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen ist sie dort im Ensemble, ein strahlend heller, sehr freundlicher Stern. In Serbien wurde sie 1976 geboren, machte in der Heimat Punk und ging zum Jazzstudium nach Berlin. Sie vereint auf abenteuerliche Weise Singen und Performen, ihr Gesang ist vokale Darstellungskunst.

Das Album heißt "Lampedusa Lullaby" (Act), sein Vorgänger, gut vier Jahre alt, hieß "Sex gegen Essen". Da weiß man gleich Bescheid. Lampedusa ist keine Insel mehr, die man in Sonnenuntergängen besingen kann, sie steht für Flüchtlingselend, Tod, Illegalität. Darum geht es hier, zum Teil, aber Poesie hat das auch, eine dunkle, schwere, raue Poesie. Die wird eingebettet in einen Sound, der an den Art Rock der frühen Siebziger erinnert, an Psychedelisches, Jazz, Punk. Aber immer so, als hätten die vier alte Platten gehört, dann vergessen und müssten nun etwas ganz Neues, ungeheuer Kraftvolles völlig frei erfinden.

© SZ vom 08.09.2018

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