Musik Im schäbigen Motel

Frank Castorf inszeniert in Bayreuth Wagners "Ring". Star des "Rheingold"-Abends ist Dirigent Marek Janowski.

Von Wolfgang Schreiber

"Wandel und Wechsel liebt, wer lebt . . ." Gott Wotan, räsonierender Weltenbummler und Hallodri in Sachen Liebe und Macht, kennt die Tiefen und Untiefen des Daseins. Ausgerechnet ihn versucht Gattin Fricka, vergeblich, unter Kontrolle zu halten. Einen rabiaten Wandel für Wagners "Ring des Nibelungen" herbeizuführen, durch schrille Szenarien und Charakterprofile von heute, dafür wurde 2013 Berlins Volksbühnen-Wotan Frank Castorf nach Bayreuth gelockt. Im vierten Jahr zeigen er und sein einfallsreicher Bühnenbildner Aleksandar Denić ihre Lesart der vier Stücke.

Für den Klangwandel und Wechsel im Bayreuther Orchesterabgrund ist ein neuer Dirigent zuständig. Marek Janowski, gebürtiger Pole, 77 Jahre alt, leitet nach Kirill Petrenko den "Ring". So viel lässt sich nach dem Vorabend des "Rheingold" schon sagen: Janowski kommt mit der schwierigen Beziehung der Bühne zum verdeckten Orchester im Festspielhaus glänzend zurecht. Auch weil er wie Hartmut Haenchen, der "Parsifal"-Dirigent am Abend davor (siehe SZ vom 27. Juli), ein Musiker mit denkbar großer Wagner-Erfahrung ist. Dafür muss er gar kein StarDirigent sein. Erst vor Kurzem hat Marek Janowski mit seinem Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester den kompletten Wagner konzertant gestemmt und aufgenommen. Dem Regietheater steht er gewöhnlich eher skeptisch gegenüber. Aber die Herausforderung, die Trash-Inszenierung Castorfs in Bayreuth zu dirigieren, war wohl zu verführerisch.

Es gelingt ihm. Janowski kann beispielsweise die aus magischer Tiefe in die Höhe und Dichte steigende Klangwanderung des "Rheingold"-Vorspiels souverän ruhig, immens sorgfältig disponieren und sich den folgenden Jux- und Rededuellen zwischen den Rhein-Sexpuppen und dem maßlos gierigen Nibelung Alberich (Albert Dohmen) mit pointensicherer Genauigkeit widmen. Hatte Kirill Petrenko die Klang-Bewegungen in analytischer Schärfe mit präzisem Furor aufgeladen, so interessiert sich Janowski, nur scheinbar milder, für eine Balance von Klang und Bewegung. Für die hochdramatischen Steigerungen, so im wüsten Konflikt Alberichs mit Wotan (zupackend: Iain Paterson) um den Besitz des Rings, bleiben ihm genügend Kraftreserven, die symphonischen Attacken ins Katastrophische zu steuern. Den taumelnden Untergangsappell der Erda (abgründig: Nadine Weissmann) lotet das Orchester dann prägnant aus. Janowskis Tempi und Akzente zielen rational aufs Fließen des Klangstroms; nichts wird, bei aller emotionalen Aufladung, willkürlich zerdehnt.

Vermuten lässt sich: Gerade die vulgär-realistische, im schäbigen "Golden Motel" der Fünfzigerjahre-Südstaaten angesiedelte Inszenierung, die das Verbrecherische der Figuren zynisch betont und den Sängern alle Körpervirtuosität abverlangt, übt auch auf deren Stimmgestaltung eine aktivierende Wirkung aus. Die Live-Videos, zu sehen sind szenische Turbulenzen und hochgezoomte Mienen, erhöhen für Sänger wie Zuschauer die Spannung. So erregend brutal hat man jedenfalls den tödlichen Goldbarrenstreit der Riesen Fafner und Fasolt (Karl-Heinz Lehner, Günther Groissböck) noch nicht erlebt. Und die schrillen Aktionen von Loge (Roberto Saccà) oder Mime (Andreas Conrad) sind so atemberaubend dreist, so stimmgewaltig wie die von Fricka (Sarah Connolly) oder Freia (Caroline Wenborne).

Das Publikum hat sich an den frechen Glamour der Castorf-Regie möglicherweise schon gewöhnt. Das Regieteam wird sich erst nach der "Götterdämmerung" dem Protest oder dem Jubel stellen. Aber was für ein Triumph schon jetzt für Marek Janowski, diesen späten Bayreuth-Novizen!