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Musica-viva-Konzerte:Hypnotische Energie

Musica Viva Konzerte
Bayerischer Rundfunk

Credit: Astrid Ackermann

Eine Belastungsprobe für Gehör und Gehirn: Enno Poppe und das Ensemble Mosaik mit Poppes Stück „Rundfunk“.

(Foto: Astrid Ackermann)

Unter den in München präsentierten Werken von Enno Poppe, Miroslav Srnka und Pierre Boulez fordert Poppes "Rundfunk" Gehör und Gehirn besonders heraus.

Es ist ein Glück, dass es in der Nähe des Funkhauses des Bayerischen Rundfunks in München einen Biergarten gibt. Denn wenn man dort gerade "Rundfunk" von Enno Poppe gehört hat, braucht man erst mal ein großes Bier. Dabei klingt die Idee zu dem Stück, das im vergangenen Herbst bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt wurde und nun im Rahmen der Musica Viva zu hören war, eher nostalgisch, nach einer Art historisch informierter Aufführungspraxis für Klänge der Sechziger- und Siebzigerjahre. Der Komponist hat festgestellt, dass der Sound der älteren Synthesizer heute kaum noch wiederbelebt werden kann, weil sich Exemplare davon allenfalls in Museen finden. Also setzt sich Poppe gemeinsam mit Musikern des Ensemble Mosaik an neun moderne Synthesizer, welche die älteren Klänge reproduzieren. Doch entweder sind die Sechzigerjahre tatsächlich entschieden verrückter gewesen als unsere Zeit, oder es liegt an Poppes flirrender Textur aus kleinsten Motivpartikeln, dass "Rundfunk" zu einer Belastungsprobe für Gehör und Gehirn wird, die einer einstündigen Wurzelbehandlung beim Zahnarzt gleicht. Poppes Musik, keine Frage, hat Kraft, auch die zur Provokation - und prägt damit die letzte Musica Viva der Saison.

Dabei hatte der zweitägige Rundblick aus wie üblich neueren und älteren Stücken am Tag zuvor im Herkulessaal ziemlich kontemplativ begonnen, mit einer Uraufführung des tschechischen Komponisten Miroslav Srnka, der in München spätestens seit der Oper "South Pole" für die Bayerische Staatsoper ein guter Bekannter ist. "Speed of Truth" heißt sein neues Werk für Soloklarinette, Chor und Orchester, das sich der viel diskutierten Frage nach dem Wahrheitsbegriff in Zeiten der digitalen Beschleunigung widmet. Dafür hat er zum einen Sätze über Wahrheit aus dem Internet und von Graffiti aufgelesen, die, oft zu Unrecht, diversen Geistesgrößen zugeschrieben werden, zum anderen einen solchen Satz mit einem Übersetzerprogramm durch mehrere Sprachen geschickt, wobei die merkwürdigsten Entstellungen herausgekommen sind. Das Ergebnis zerlegt der glänzend präparierte Chor des Bayerischen Rundfunks unter Leitung der Dirigentin Susanna Mälkki nun noch einmal in manchmal nur geflüsterte, häufig wiederholte Laute, während das BR-Symphonieorchester durch vier Marimbas, zwei Klaviere und vier Akkordeons aufgehellte Glitzerflächen beisteuert. Trotz des hysterieträchtigen Themas hat Srnka eher ein ruhiges Stück komponiert, das vor allem in den geradezu innigen choralhaften Passagen überzeugt oder wenn einzelne Chorklänge von Jörg Widmann aufgegriffen und weitergeführt werden. Der Klarinettist steuert hier faszinierend Leises bei, besonders auch in den mehrstimmigen Passagen aus Multiphonics, in denen er die einzelnen Register farblich gegeneinander auszudifferenzieren vermag.

Weshalb es nur gerechtfertigt ist, dass der auch als Komponist bekannte Widmann anschließend noch einmal mit sich selbst im Doppel auftreten darf. "Dialogue de l'ombre double" heißt der Klassiker von Pierre Boulez, der wegen seiner Anforderungen dennoch selten zu hören ist. Nicht nur der Solopart ist schließlich "hypertroph virtuos", wie der unerschrockene Widmann selbst im Programmheft konstatiert, der Klarinettist muss zuvor auch noch einen weiteren Part aufzeichnen, der vom SWR-Experimentalstudio aus sechs kreisförmig um den Herkulessaal angeordneten Lautsprechern zugespielt wird. Besonders in den Übergängen zwischen Live- und Elektronikpassagen entsteht jener faszinierende "Dialog des doppelten Schattens", den der Titel des Werks meint.

Dennoch bleibt das Stück aus dem Jahr 1985 eine vergleichsweise kühle Versuchsanordnung gegen die drei kraftvollen Stücke, die Enno Poppe diesmal mitgebracht hat. "Fett" heißt das jüngste, von den BR-Symphonikern und Susanna Mälkki als deutsche Erstaufführung präsentiert, das seiner Überschrift - Poppe liebt solche scheinkonkreten, der Dingwelt entnommenen Titel - durchaus gerecht wird. Riesige Akkordtürme aus bis zu vierzig Stimmen hat er hier angelegt, die in schnellem Wechsel zwischen einzelnen Orchestergruppen hin- und hergeschoben werden. Durchbrochen und ergänzt von größeren Linien entfalten sie mit ihren mikrotonalen Schwebungen eine eigentümliche Strahlkraft, die sie schwer, aber nicht düster wirken lässt. Eher gleicht "Fett" einer gigantischen Waage, die unaufhörlich mal zur einen, mal zur anderen Seite wippt.

Denn Poppe ist durchaus kein berserkernder, sich im rein Dionysischen verlierender Provokateur, sondern mindestens ebenso sehr ein Apolliniker, der seine Kompositionen oft nach mathematischen Prinzipien baut. Die Makroebene entwickelt er aus der genauen motivischen Arbeit auf der Mikroebene, was seinen Werken erst das Obsessive gibt, ihre hypnotische Energie. Das Formgerüst stellen oft wiedererkennbare (und im Fall des eingangs erwähnten "Rundfunk" eben enervierende) Wiederholungen, die Poppe durch präzis kalkulierte Überraschungen bricht. Das erlaubt ihm, was in der zeitgenössischen Musik Seltenheitswert besitzt: das Agieren auf der Langstrecke, in der Großform. Am deutlichsten wird das bei der Musica Viva im 80-minütigen "Speicher", den das Ensemblekollektiv Berlin unter Poppes eigenem Dirigat im BR-Funkhaus vorstellt. Zwischen 2008 und 2013 hat Poppe diesen Speicher mit sechs Stücken in unterschiedlichsten Besetzungen aufgefüllt, die, gehört, dennoch eine Einheit ergeben. Im virtuosen Spiel mit unterschiedlichsten Tempi und Dynamiken entstehen auch hier große Steigerungen, doch das Stück endet mit traumverlorenen Liegeklängen in den hohen Registern. Zart sein kann Poppe also auch.

© SZ vom 08.07.2019
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