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Museumsneubau:Wenn Wunder Wunder bewirken

Die Kunsthalle Mannheim kann sich in dem von Gerkan, Marg und Partner entworfenen Neubau ganz neu definieren. Auch neue Darbietungsformen werden erprobt. Außerdem erforscht das Haus seine Geschichte.

Über Ereignisse dieser Größenordnung und Bedeutung kann man als Architektur- oder Kunstkritiker nur selten berichten. Die Kunsthalle Mannheim, die vor vier Jahren das schöne Monument ihrer Gründung, den von Hermann Billing im Jugendstil entworfenen Museumsbau, nach einer denkmalgerechten Generalsanierung wieder beziehen konnte, kann in diesen Tagen den vom Hamburger Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner errichteten stattlichen Museumsneubau einweihen. Dieser Würfel wird nicht nur die Darbietungsmöglichkeiten des dahinterliegenden Altbaus um fast utopische Dimensionen erweitern, er wird mit seinem Nebeneinander freigestellter einzelner Raumkuben auch ganz neue Formen des Umgangs mit Werken der bildenden Künste möglich machen.

Und da der Neubau nicht mehr nur, wie sein in den Achtzigern errichteter unglücklicher Vorgänger, als rückwärtiges Anhängsel an den Altbau gemeint ist, sondern sich zum Friedrichsplatz, dem Hauptplatz der Stadt, hin öffnet, wird die im Straßenraster eingeklemmte Kunsthalle, die den städtischen Wahrzeichen bislang den Rücken zugekehrt hat, prominent ins Blickfeld der Öffentlichkeit gehoben.

Dass dieses Wunder möglich wurde, ja dass sich die Stadt überhaupt zum Totalabriss des ausstellungstechnisch unbefriedigenden Erweiterungsbaus entschloss, war einem anderen Wunder zu verdanken. Als 2011 die Streitereien über die fällige Sanierung der Kunsthallen-Gebäude einen Neubau hinter dem Jugendstil-Tempel immer unwahrscheinlicher werden ließen, stellte der Unternehmer Hans-Werner Hector, einer der Mitbegründer der Firma SAP, mit der großzügigen Spende von 50 Millionen Euro die lokalen Museumsüberlegungen auf ein völlig neues Niveau.

Von da an lief in Mannheim alles beneidenswert gut. Die von der Stadt und Hector gegründete Stiftung schrieb nicht nur den internationalen Architekten-Wettbewerb aus, sie schaffte es als privater Bauherr auch, die kalkulierten Baukosten von 68,3 Millionen Euro verblüffend exakt einzuhalten, was angesichts der bei öffentlichen Bauten üblichen Kostenexplosionen wie ein weiteres Wunder wirkt.

Die Innenstadt von Mannheim ist seit dem frühen 17. Jahrhundert in gleichförmige Rechtecke - "Quadrate" - aufgeteilt. Die Hamburger Architekten Gerkan, Marg und Partner haben dieses städtebauliche System mit den innerhalb des Mauerrings aufgereihten Häuserblöcken zum Grundprinzip ihrer Museumsordnung gemacht.

Innerhalb des von ihnen vorgeschlagenen mächtigen Kubus, dessen Außenhaut nur zum Friedrichsplatz hin portalartig geöffnet ist, haben sie sieben Einzelkuben so an den Außenwänden entlang aufgereiht, dass zwischen den benachbarten Blöcken schmale Gassen übrig blieben, die Ausblicke ins Freie eröffnen. In der Mitte zwischen den Ausstellungskuben aber tut sich wie ein Platz das rechteckige Atrium auf, das durch die Glasdecke hindurch bis zum Himmel geöffnet ist.

Kunsthalle Mannheim

So sieht für die Architekten die Idealansicht ihres Museums in Mannheim aus. Die Aufnahme zeigt das Haus nach der baulichen Fertigstellung, aber vor dem Einzug der Bildwerke und der Menschen.

(Foto: Hans-Georg Esch/gmp)

Der neue Museumsbau mit seinen Häusern, Gassen und dem Platz lässt sich also wie eine Stadt in der Stadt erleben. Nach außen sorgt ein goldbronzefarbenes Metallgewebe, das die Kuben zu einem einheitlichen Würfel zusammenschließt, für einen unaufgeregten, sachlichen Auftritt des Museums in der Stadt. Vom regen Leben im Inneren aber geben die Fensterbänder bei Tag und Nacht eine verlockende Ahnung.

Vereiste Gipfel treffen auf glühenden Sonnenuntergang, Kaltes auf Heißes

Die Besucher, die das Haus betreten, gehen auf die Serviceräume zu und werden dann seitlich in das helle Atrium geleitet, von dem aus alle Museumstrakte, aber auch alle Zugangswege zu sehen sind. Ein gläserner Lift und seitliche Treppenläufe führen hinauf in die beiden Obergeschosse, in denen die einzelnen Ausstellungskuben durch Brücken und Stege miteinander verbunden sind. Am hinteren Ende des Atriums öffnet sich die Passage, die auf zwei Ebenen hinüber in die Ausstellungsräume des Altbaus führt.

Wie sinnvoll die Unterteilung des äußerlich geschlossenen Großkubus in sieben einzelne Häuser ist, wird vor allem bei den Räumlichkeiten klar, die das Ausstellungsgeschehen ergänzen. So konnten der Vortragssaal, das Restaurant, der Museumsladen, die Verwaltungsräume und die Restaurierungswerkstätten jeweils in eigenen Kuben untergebracht, also räumlich schlüssig voneinander getrennt werden.

Aber auch in den Ausstellungstrakten macht die strenge Raumaufteilung Sinn, ja sie erzwingt klare Entscheidungen. Aus diesem Grund hat die Museumsleitung die Erdgeschossräume der drei auf der Ostseite miteinander verbundenen Kuben für Sonderausstellungen reserviert. Hier ist bis 9. September eine große Werkschau des amerikanischen Fotokünstlers Jeff Wall zu sehen. Die Werke aus den eigenen Sammlungen aber sind auf die Räume in den beiden Obergeschossen des Neubaus und auf die renovierten Säle im Altbau verteilt und sollen dort künftig ungefähr im Halbjahresrhythmus neu zusammengestellt, also nach wechselnden Prinzipien anders beleuchtet werden.

Für die erste Präsentation der Sammlung in den neuen Räumen hat sich das Museumsteam einige markante Pointen ausgedacht. So stehen in einem der großen weißen Säle drei bis zu zehn Meter breit ausladende Materialbilder von Anselm Kiefer, auf denen sich vereiste Hochgebirgsgipfel dramatisch in den Himmel bohren, einer weinrot gestrichenen Wand gegenüber, auf der als einziges Objekt in beträchtlicher Höhe ein vergleichsweise winziges Bildchen hängt: Auf dem Gemälde "Abend" hat Caspar David Friedrich das goldene Leuchten beschwört, das kurz nach einem Sonnenuntergang den Himmel zum Glühen brachte und den Erdhorizont auf den unteren Bildrand hinabgedrückt hat. Großes prallt hier also auf Kleines, Kaltes auf Heißes - Anselm Kiefer kann sich dabei ganz gut halten. Dass ihm die Ehre dieser Begegnung zuteil wurde, müsste ihn freuen.

Ganz anders funktioniert die Konfrontation, die dem berühmtesten Werk der Kunsthalle widerfährt: "Die Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko", das monumentale Hauptwerk von Edouard Manet, sieht sich nun für einige Monate einer aus Holz gebastelten "Arena" gegenüber, einem bis zur Decke reichenden, extrem steilen Stufengebilde, auf dessen Bretter man sich setzen kann.

Im Atrium lässt Alicja Kwade eine Bahnhofsuhr und einen Fels über den Besuchern kreisen

Die amerikanische Bildhauerin Rita McBride möchte mit dieser aus Modulen zusammengesetzten Installation, die schon in vielen Museen zu besteigen war, etwas von den Gefühlen vermitteln, die Besucher antiker Arenen und moderner Sportstadien beim Erklettern abrupt steiler Ränge und beim Hinabschauen auf unten explodierende Ereignisse haben. Schaut man von McBrides Stufen hinunter auf Manets Gemälde, wird die Hinrichtungsszene, die schon schmerzhaft direkt von der Leinwand ins Auge springt, vollends zum Spektakel, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Kunsthalle Mannheim

Das Atrium mit dem Besuchersteg wird von Tageslicht erhellt.

(Foto: Hans-Georg Esch/gmp)

Auch einige andere Hauptwerke der Mannheimer Sammlungen werden bei der Neupräsentation effektvoll herausgehoben. Umberto Boccionis Bronzeskulptur "Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum" von 1913, dieses plastische Hauptwerk des Futurismus, das in abstrakten Formen die Dynamik menschlichen Schreitens lebendiger als jede gegenständliche Figur in den Raum schreibt, kann im sonst leeren dunklen Saal unter dem gezielten Licht der Scheinwerfer seine umwerfende Kraft entfalten.

Und ein anderes Prunkstück, der "Große Fisch" von Constantin Brancusi, ist nach dem Umbau an seinen Stammplatz im Kuppelraum des Jugendstilbaus zurückgekehrt. Er kommuniziert dort nun mit Olafur Eliassons Lichtskulptur "Starbrick", die aus 34 Modulen zusammengesetzt ist und wie ein utopisches Objekt über dem "Fisch" schwebt.

Auch sonst bietet die Mannheimer Kunsthalle bei ihrer Wiedereröffnung eine Menge zum Staunen. Allein die Aufzählung der in den letzten Jahren mit Sponsorenhilfe erworbenen Großskulpturen und Rauminstallationen ist imponierend. So hat Dan Graham für Mannheim eine Skulptur aus gekurvten Glaswänden entworfen, die im Freien vor dem Eingang steht. Darüber in einem der Säle toben die Figuren aus William Kentridges Documenta-Beitrag "The Refusal of Time" dröhnend über die Wände. Und im zentralen Atrium lässt Alicja Kwade eine Bahnhofsuhr und einen Felsbrocken an langen Seilen spektakulär über den Besuchern kreisen.

Doch auch mit der eigenen Vergangenheit hat sich die Kunsthalle auf vorbildliche Weise auseinandergesetzt. So ist einer der Flügel im Altbau den drei im Haus konzipierten großen historischen Ausstellungen gewidmet, die - Beispiel "Neue Sachlichkeit" - Kunstgeschichte geschrieben haben. Und im anderen Flügel wird der augenblickliche Stand der hauseigenen Provenienzforschung aufgearbeitet und dabei die überragende Rolle jüdischer Sammler und Stifter beim Aufbau der Moderne-Sammlung in den Zehner- und Zwanzigerjahren herausgestellt.

Jede dieser Abteilungen wäre es wert, ihretwegen nach Mannheim zu fahren. Alle zusammen aber summieren sich mit der fabelhaften Jeff-Wall-Ausstellung und der Architektur zu einem Ereignis, das Kunstfreunde auf keinen Fall versäumen dürfen.

© SZ vom 04.06.2018
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