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Museumseröffnung:Haus der vielen Gesichter

Das Herzog-Anton-Ulrich-Museum in Braunschweig ist nach sieben Jahren wieder eröffnet worden - und nun glanzvoller als je zuvor. Neben der Malerei begeistern vor allem die Werke der angewandten Kunst.

Von Gottfried Knapp

Wer an einem Tag alle Abteilungen des mächtig erweiterten und aufregend neu gestalteten Herzog-Anton-Ulrich-Museums in Braunschweig auf sich einwirken lässt, der wird beglückt feststellen, dass er nicht ein einzelnes Museum von europäischem Rang kennengelernt hat, sondern gleich mehrere. Kunstpilger, die es irgendwann nach Braunschweig verschlagen hat, werden sich noch an die Spitzenwerke der Gemäldegalerie erinnern können. Aber welche reichen Schätze die kunstbegeisterten Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel dem 1887 eingeweihten Museumspalast im Neurenaissancestil sonst noch hinterlassen haben, wird sich selbst den Kennern bestimmter Spezialgebiete kaum tiefer eingeprägt haben, da im verbauten Haus immer nur ein Teil der Bestände gezeigt werden konnte und die Mittel zur standesgemäßen Aufbereitung fehlten.

Die Entdeckung des Herzog-Anton-Ulrich-Museums (HAUM) als Universalmuseum der bildenden Künste vor 1800 und als Hort einiger luxuriös schwelgenden Spezialsammlungen kann also eigentlich erst jetzt beginnen, da alle Institutionen, die sich im Lauf der Zeit in den Ausstellungsräumen breit gemacht haben - die Bibliothek, das Archiv, das Kupferstichkabinett, die Werkstätten und die Verwaltungsräume - in einen hinter dem Museumsriegel errichteten, durch Brücken mit dem Altbau verbundenen dreigeschossigen Neubau ausgelagert sind.

Im Zweiten Weltkrieg ist das Gehäuse des Braunschweiger Kunstmuseums nur leicht beschädigt worden, doch dieses glücklichen Umstands wegen ist das Haus in der ansonsten fast total zerstörten Stadt von der britischen Militärregierung besetzt und für Repräsentationszwecke umfunktioniert worden. In einer der großen Hallen hat man sogar Tennis gespielt. Und nach dem Auszug der Engländer haben sich die dienenden Institutionen des Museums im Haus eingenistet.

Nach Jahrzehnten der partiellen Zweckentfremdung war irgendwann eine Totalsanierung fällig. Und da man das Museum dabei den monströs gestiegenen internationalen Ausstellungsstandards anpassen und seine exzellenten Sammlungen endlich ihrem Wert gemäß präsentieren wollte, musste das Museum sieben Jahre lang ganz geschlossen werden. In dieser Zeit hat man den im Jahr 1887 eingeweihten, von Oskar Sommer nach dem Vorbild der Alten Pinakothek in München errichteten Museumsbau von allen späteren Einbauten befreit. Alle drei Geschosse stehen nun wieder ganz den Sammlungen zur Verfügung. Die Ausstellungsflächen für Kunst sind um mehr als die Hälfte gewachsen.

In den Sälen und Kabinetten des ersten Stocks kann die Gemäldegalerie auf überraschend vielfältige Weise ihre Sonderstellung beweisen. Vor den roten, blauen oder grünen Wandbespannungen und unter dem individuellen Licht der Akzentstrahler erwachen die restaurierten Bilder zu vibrierend plastischem Leben. Die Schöpfer der Gemälde hätten gestaunt über die Wirkung ihrer Malerei in dieser Galerie. Peter Paul Rubens zum Beispiel, der in seiner Version von "Judith und Holofernes" den Ausschnitt von Judiths Oberteil spektakulär wie einen Theatervorhang aufgehen lässt.

Oder der niederländische Theatraliker des Lichts Gerard van Honthorst: Die elektrisierenden Wirkungen des Tastsinns sind wohl selten sinnlicher dargestellt worden als in seinem Nachtstück mit dem Titel "Der Soldat und das Mädchen". Während das Mädchen, kräftig prustend, mit einer glühenden Kohle eine Fackel zum Brennen bringt, greift der hinter ihr stehende Soldat behutsam nach ihrer entblößten Brust, als wolle er sie gegen die direkt davor abplatzenden Funken schützen.

Mit vier ganz unterschiedlichen Gemälden ist Rembrandt besonders prominent vertreten

Ganz anders die Formen der Sinnlichkeit in Vermeers kühl durchkomponierten Sittenbildern. In "Das Mädchen mit dem Weinglas" überreicht ein Verehrer mit einer geradezu aufdringlich devoten Verbeugung einem auf einem Stuhl sitzenden Mädchen ein Weinglas. Doch auf die Angehimmelte scheinen das Geschenk und die übertriebene Unterwürfigkeit keinen Eindruck zu machen. Das offenbar schon leicht beschwipste Mädchen hat den Kopf gedreht und grinst so schräg verlegen aus dem Bild heraus dem Betrachter entgegen, dass das zelebrierte gesellschaftliche Ritual der Lächerlichkeit anheimfällt. Vermeer-Liebhaber werden aber auch schon wegen des Schimmers auf dem rosaroten Gewand - er füllt fast das ganze rechte untere Viertel des Bildes - und wegen des geradezu körperlichen Gelbs auf der abgeschnittenen Zitronenschale einen Braunschweig-Besuch in Erwägung ziehen.

Am weitesten über das Maß deutscher Staatsgalerien erhebt sich das Braunschweiger Museum wohl mit seinen vier Gemälden von Rembrandt. Der Aufruhr der Elemente in der Natur ist selten dramatischer geschildert worden als in dem gespenstisch grün-gelb-braunen Licht-Schatten-Drama, das sich in Rembrandts "Gewitterlandschaft" von 1639 unter bedrohlich herunterhängenden schwarzen Wolken vollzieht. Und in dem späten Braunschweiger "Familienbildnis" wachsen die fünf Figuren aus den extrem flüchtig gesetzten Farbspuren, die aus der Nähe wie flirrende Lichter wirken, zu einer lebendig gestaffelten Gruppe und zu individuell bewegten, plastisch lebendigen Persönlichkeiten heran. Selten dürfte das familiäre Miteinander von Eltern und Kindern eine so stille Magie entwickelt haben wie hier vor dem nachtdunklen Hintergrund.

Zu den Kunstwerken, um die das HAUM besonders beneidet wird, dürfte auch die "Morgenlandschaft" (1608) von Adam Elsheimer gehören. Nie hat ein Maler des Hochbarocks die farbigen Lichtphänomene eines Sonnenaufgangs über einer Landschaft in ähnlich elementarer Naturhaftigkeit erfasst. Erst Caspar David Friedrich wird dem Licht in der Natur wieder ähnlich suggestive Wirkungen abgewinnen.

Fast konkurrenzlos dürfte schließlich die Folge hochklassiger Porträts und Selbstbildnisse in Braunschweig sein. Sie beginnt mit Giorgiones traumverlorenem "Selbstporträt als David" von 1508/10 und der etwa zur gleichen Zeit entstandenen skeptisch nüchternen Selbstanalyse des Niederländers Lucas van Leyden. Von Ludger tom Rings verblüffend realistischem Konterfei, einem Pionierwerk der Gattung "Selbstbildnis mit Pinsel und Palette", führt der Weg dann weiter über Meisterliches von Hans Holbein dem Jüngeren, Rubens und Rembrandt bis zu einer ganzen Serie malerisch prunkender Hofporträts, die von reisenden französischsprachigen Großmeistern wie Hyacinthe Rigaud, Nicolas de Largilliére, Jean Baptiste Greuze und Jean-Etienne Liotard zwischen 1678 und 1759 gemalt worden sind.

Wie reich das Braunschweiger Museum speziell auf dem Gebiet der Porträtkunst ist, zeigt auch die Sonderausstellung des Kupferstichkabinetts mit dem Titel "Druckgraphische Bildnisse aus sechs Jahrhunderten". Sie ist in den wiedergewonnenen Räumen des Erdgeschosses eingerichtet worden. Auf höchst anregende Weise kann man darin verfolgen, wie unterschiedlich Künstler der verschiedenen Epochen - der Weg führt von Schongauer bis zu Picasso - mit grafischen Mitteln auf ihr eigenes Gesicht oder auf die in Zeichnungen vorliegenden Physiognomien ihrer Konkurrenten reagiert haben.

Balthasar Permoser, Herzog Anton Ulrich (1633-1714), vor 1711, Foto: Herzog Anton Ulrich-Museum

Balthasar Permosers spätes Bildnis von Herzog Anton Ulrich ist 1711 entstanden.

(Foto: Herzog-Anton-Ulrich-Museum)

Und hier in diesem gänzlich abgedunkelten Raum ist auch schon eindrucksvoll zu erleben, was die Exponate den für die Neupräsentation verantwortlichen Gestaltern, dem Berliner Architekturbüro Kuehn Malvezzi, verdanken. In den eigens für Papierarbeiten entwickelten Vitrinen mit versteckten Lichtquellen werden die Stiche und Radierungen so lebendig vors Auge gehoben, dass man sich der Illusion hingeben kann, die Blätter selber in der Hand zu halten.

Im zweiten Obergeschoss, bei den Skulpturen und den fabelhaften Sammlungen zur Angewandten Kunst, können Kuehn Malvezzi dann wirkungsvoll demonstrieren, wie sich Massen kleinformatiger oder ähnlich geformter Objekte in individuell unterteilten Schränken, Vitrinen und Regalen rhythmisieren und durch spezifisches Licht so zum Leuchten bringen lassen, dass der präsentierte Reichtum in einen festlichen Rausch mündet. Bronze- und Holzskulpturen sind so auf bankartige Sockel gestellt, die von den Seitenwänden hereinschießen, dass man beim Betreten des Raums von der hintereinander gestaffelten Fülle überwältigt ist, beim Hin- und Hermäandrieren zwischen den dicht gesetzten Reihen aber alle Objekte von vorn und von hinten intensiv betrachten kann.

Der Herzog hat die Künste gefördert wie hierzulande keiner seiner Zeitgenossen

Majoliken aus dem Italien der Renaissance, Porzellangefäße aus der Manufaktur Fürstenberg und Emaille-Malereien aus Frankreich sind, wie die in allen Räumen ausliegenden Kurzbeschreibungen erklären, in Deutschland nirgendwo reicher und vielfältiger vertreten als im HAUM. Ja beim Wandern an den farbig leuchtenden Wänden entlang hat man den Eindruck, dass alle Bildmotive, die je erfunden worden sind, irgendwann von begabten Kopisten liebevoll auf Gebrauchsgegenstände übertragen worden sind.

Um die vielen Kunst- und Schatzkammerstücke der Welfen, die exquisiten Schmuckobjekte, die fabelhaften Holz- und Elfenbeinschnitzereien, die Miniaturmalereien, die wissenschaftlichen Instrumente und Uhren, die Gemmen und Münzen, die spektakulären Beutestücke aus Asien und Amerika und die zoologischen und mineralischen Wunder möglichst einprägsam nebeneinander in Szene zu setzen, haben die Gestalter unterschiedlichste Methoden entwickelt. Die Kunstobjekte aus Ostasien beispielsweise entfalten in einem abgedunkelten Saal in raumhohen gläsernen Kabinetten eine geradezu höfisch rituelle Präsenz. Für die extrem unterschiedlich großen Objekte aus der herzoglichen Kunstkammer aber wurden nach dem Prinzip von Setzkästen Regale konstruiert, in deren unterschiedlich dimensionierten, individuell ausgeleuchteten Fächern jedes Stück seine eigene Aura entfalten kann.

Inmitten der Kabinette, die den Themen Theater, Tanz, Musik, Mode, Spiele, Jagd und Tafelfreuden gewidmet sind, hat zwischen Prunkmöbeln schließlich jener Mann seinen gloriosen Auftritt, nach dem das Museum benannt worden ist. Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel (1633 - 1714) wird heute als das Idealbild eines aufgeklärt-absolutistischen Herrschers und Freundes der Künste gefeiert. Er hat Romane, Gedichte und Opern-Libretti verfasst, in seinen prächtigen Residenzen große Musiker beschäftigt und die bildenden Künste gefördert wie keiner seiner deutschen Zeitgenossen. Balthasar Permoser, der wichtigste Bildhauer seiner Epoche, hat ihn gleich zweimal in Lebensgröße porträtiert. Wenn man vor diese Büsten tritt, die einen in ihrer raumbeherrschenden Präsenz unwillkürlich zurückweichen lassen, glaubt man unter den mächtigen Kaskaden der Perücken jenen Geist zu spüren, der Braunschweig zu einem Zentrum der Künste gemacht und einem der schönsten Museen in Deutschland den Weg geebnet hat.

© SZ vom 17.11.2016

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