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Museum:Granatwerfer mit Kennzahl

Nichts fürs Stammpublikum? Das Militärhistorische Museum in Dresden ist eines der vier großen Geschichtsmuseen der BRD. Es hat eine linksliberale Agenda. Doch jetzt wurde eine Schau zu "Gewalt und Geschlecht" abgesagt.

Von Peter Richter

Die Ausstellung zur Stunde hätte jetzt eigentlich im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden zu sehen sein müssen. Nicht dass Kuratoren bei dem Vorlauf, den sie brauchen, damit rechnen könnten, dass pünktlich zur Eröffnung jemand unter dem Stichwort "#MeToo" eine Debatte über Sex, Macht und Zwang mit zum Teil selbst mitunter fast lynchlüsternen Reaktionen lostritt. Aber schön wäre es halt schon, und zwar generell, wenn man jetzt in Dresden die Sonderschau "Gewalt und Geschlecht" sehen könnte. Denn so war das lange angekündigt, aber so ist es nicht gekommen.

Und wer jetzt auf der Website des Museums nachschaut, wo sie abgeblieben ist, die größte Ausstellung in der Geschichte des Hauses, der findet überhaupt keine Sonderausstellung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sondern muss zu dem Ergebnis kommen, dass das Militärmuseum lieber wieder das in sich gekehrte Waffenarsenal wäre, das es vor dem großen Umbau seit den Nullerjahren schon einmal war, als es im Prinzip nicht viel anderes aussah als zu den Zeiten, in denen hier Dresdens Schulkindern die Technik der Nationalen Volksarmee nahegebracht wurde. Dann hieb der Architekt Daniel Libeskind einen gläsernen Keil durch den kaiserzeitlichen Altbau, während Matthias Rogg als Direktor im Rang eines Bundeswehroberst mit Gorch Pieken als Zivilist im Rang eines Generalkurators eine Dauerausstellung aufbaute, in der sich die Militärbegeisterteren unter den Besuchern mitunter umschauten, als wären sie in ein Anti-Kriegs-Museum geraten. Das Leid, kann man bis heute sagen, spielt hier mindestens eine so große Rolle wie die Technik, durch die es hervorgerufen wird, und die Gründe, aus denen es nach politischen Erwägungen mitunter nicht vermeidbar sei.

Der Direktor, ein Oberstleutnant, sagt, er stehe für ein "anthropozentrisches" Museum

Vor allem gab es seit 2011 etwa 20 ambitionierte Sonderausstellungen, die teils bis nach Japan und Amerika Resonanz fanden, aber vielleicht ebenfalls nicht unbedingt bei der Art von Besuchern, die sich von einem Militärmuseum vor allem mit Kennzahlen beschriftete Granatwerfer erwarten: Schauen über rechtsextreme Gewalt auf deutschen Straßen, Regina Schmekens Fotos von den Schauplätzen der NSU-Morde, eine Aktion der Theatergruppe Rimini Protokoll zum Thema Waffenhandel ... Das Haus hatte sich zum vierten großen Geschichtsmuseum des Bundes aufgeschwungen neben denen in Bonn, Nürnberg und Berlin, und unter ihnen vielleicht zu dem mit der linksliberalsten Agenda.

Dass das nun ausgerechnet in einer Stadt stattfand, die nicht erst in letzter Zeit im Ruf eines oft regelrecht bockigen Traditionalismus steht, ist einerseits Zufall, denn da stand das Haus nun mal, und andererseits bestimmt auch wieder nicht, denn Menschen reagieren auf Menschen.

Das aber scheint zuallererst auch im Haus selbst zu gelten: Rogge ist seit März versetzt, und zwar, wie man hört, auf eigenen Wunsch, um Widerständen im Haus zu weichen. Pieken sitzt seitdem in der Außenstelle in Berlin-Gatow und am Zentrum für Militärgeschichte der Bundeswehr in Potsdam, und zwar, wie man ebenfalls hört, aus den gleichen Gründen. Überhaupt hört man dermaßen viel über latente und offene Spannungen, über Graben- und Richtungskämpfe, über torpedierte Ausstellungen und Verschanzungen im Mittelbau, dass es den Eindruck macht, das Haus wolle sein Thema jetzt auch in seiner inneren Struktur ausstellen. "Vorsicht Schusswaffengebrauch" steht allerdings auch direkt am Zaun neben dem Eingangstor.

Der Einzige, der sich nicht nur hinter vorgehaltener Hand äußern kann, weil er nun einmal der seit Frühjahr amtierende Direktor ist, heißt Oberstleutnant Armin Wagner und hat, Anfang dieser Woche von der SZ zum Gespräch gebeten, die eher einfache Aufgabe, das Schild "Militärischer Sicherheitsbereich" zu erklären (es lagern hier wirklich sagenhaft viele, absolut funktionstüchtige Waffen), und die eher unangenehme, die Krise zu leugnen. Das immerhin tut er mit bewundernswert soldatischer Haltung. "Gewalt und Geschlecht"? Mitnichten abgesagt, nur auf April verschoben, natürlich exakt so wie von Pieken geplant, der auch selbstredend weiterhin am Hause sei, nur eben vorübergehend gewissermaßen aushäusig ... Der Ruf, den konservativeren Tendenzen nicht nur in der Stadt, sondern auch in der Bundeswehr mehr Genüge tun zu sollen? Auch er stehe für ein "anthropozentrisches" statt für ein technisches Museum ..

. Wie sehr es intern rumoren muss, merkt man aber, wenn Wagner zwischen den Zeilen das Gerücht bestätigt, dass sich das Haus "überfordert" fühle von ehrgeizigen Sonderprojekten wie "Clash of Futures" über die totalitären Folgen des Ersten Weltkriegs, dessen Zustandekommen zuletzt sogar ganz infrage stand. Aus dem wissenschaftlichen Beirat des Museums ist indessen nicht nur zu hören, dass daran festgehalten werde, sondern dass es Einigkeit über ein Führungsproblem in Dresden gebe, für das sich dem Vernehmen nach auch schon eine Lösung andeute. Wagners Vorgesetzter, Kapitän zur See Jörg Hillmann, kann selbstverständlich nichts bestätigen. Aber Militärs sind halt oft auch nur gute Diplomaten.

© SZ vom 08.12.2017
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