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Museen und Corona:Schutzmaske anno 2020

Wie wird man sich in Zukunft an die Corona-Gegenwart erinnern? Museen sammeln bereits jetzt die Devotionalien der Krise.

Von Bernd Graff

Die Menschen haben, wenn Geschichte sich ereignet, meist Besseres zu tun, als das Unmittelbare zu dokumentieren oder es gar künstlerisch zu überhöhen. Kriege, Katastrophen, Anschläge: Wenn die Wirklichkeit in die Brüche geht, destilliert man daraus noch keine ikonischen Momente. Dann ist man zuerst mit dem Aufräumen der Trümmer beschäftigt. Die kulturhistorische und mentalitätsgeschichtliche Aufarbeitung wie Einordnung bedeutender Ereignisse geschieht später. Trotzdem gilt in Zeiten der Vollmedialisierung: Fast kein Augenblick vergeht unregistriert. Doch die Zusammenführung vieler disparater Unmittelbarkeitsmomente ergibt keine Geschichte, ihre Reflexion, ja ihre Überhöhung erfordert die gesonderte Kuratierung. Man benötigt dazu gewissermaßen das abschließende Wissen darüber, was eigentlich passiert ist.

Das galt noch am 11. September 2001. Es gibt unfassbar viel Material zu diesem Tag: beschädigte Alltagsgegenstände wie Trümmer, Notizen, Schnappschüsse und die Oral History der Augenzeugen und Betroffenen. All das wurde schon relativ bald nach den Anschlägen von der "New-York Historical Society" zusammengetragen, einer 1804 gegründeten stadt-historischen Gesellschaft, die auch New Yorks erstes Museum eröffnete. Doch emblematisch aufgeladen wurden die Relikte des 11. September erst Jahre später und erst dann auch in große Ausstellungen überführt.

Pandemien sind keine Ereignisse, sondern Prozesse und als solche Übungen in Geduld

Auch jetzt, mitten in der akuten Corona-Krise, ist man dabei, Momente zu fassen. Sofort zeigt sich, dass der weltweite Lockdown kein singuläres Ereignis ist, das mit einem einzigen disruptiven Schlag hereinbricht. Corona ist ein Zustand, den es auszuhalten gilt, in dem man seine Wirklichkeit neu einrichten muss. Pandemien sind keine Ereignisse, sondern Prozesse und als solche Übungen in Geduld. Der Stillstand, das Einfrieren des öffentlichen Lebens, kurz: das irritierende Stehen von Zeit besorgen erst den Bruch mit dem Normalen.

Corona in Wien. Ein Sammlungsprojekt zur Stadtgeschichte, Wien Museum

Das Stadtmuseum in Wien sammelt Objekte, die „zukünftige Generationen daran erinnern, was die Coronakrise bedeutete“.

(Foto: Wien Museum / Reinhard Beilner)

Und das hat es so noch nie so gegeben. Entsprechend rufen weltweit die gerade nahezu überall geschlossenen Museen dazu auf, Corona-Dokumente, Pandemie-Devotionalien und persönliche Erinnerungsstücke aus dem Zeitenstau einzureichen. Sie sollen "zukünftige Generationen daran erinnern, was die Coronakrise bedeutete". So steht es in einem Aufruf des Museums der Stadt Wien. Es geht hier, wie in anderen Instituten auch, erst einmal nicht um künstlerische Verarbeitung, es geht um die Dokumentation der Disruption. Einrichtungen, die sich mit urbanen Lebensformen beschäftigen, Stadtmuseen, Mentalitäts- und Zeitgeschichtler beugen sich über unsere Gegenwart. Nahezu überall auf der Welt sind Bürger aufgerufen, Fotos einzusenden, die, wie es in Wien heißt, "Ihr neues privates wie professionelles Leben in Zeiten von Corona dokumentieren." In einem nächsten Schritt, also erst nach der Neuerschließung des öffentlichen Lebens, sollen die Objekte auch real gesammelt, gesichtet und ausgestellt werden: die selbstgenähten Schutzmasken, die gemalten Werke der Kita-befreiten Kleinsten, die Fieberthermometer, Schutzanzüge und Hinweisschilder.

Corona in Wien. Ein Sammlungsprojekt zur Stadtgeschichte, Wien Museum

Heute noch Alltagsgegenstand, morgen museal: Gegenstände als Dokumente der Krise.

(Foto: Wien Museum / Monika Österreicher)

Kein Wunder übrigens, dass sich zuerst Stadtmuseen dafür interessieren. Ihr Auftrag ist es ja, urbane Lebensformen zu dokumentieren. Die Bilanzen der Krise werden wohl erst danach in die Ausstellungswelt der internationalen Museen einziehen. So lange können und wollen die Stadtmuseen nicht warten. "Jetzt gerade wird die Geschichte geschrieben", heißt es in einer Mitteilung des Stadtmuseums Wolfsburg, das wie die "Museen für Kulturgeschichte" in Hannover bedeutsame Objekte der Jetztzeit wie Häkelmasken digital dokumentieren wie später auch analog sammeln möchte. Überhaupt sei der Mundschutz wie kaum etwas anderes "so augenfällig" in dieser Zeit, sagt dazu Thomas Schwark, der Direktor der Häuser in Hannover. "Auf die Aufforderung, Exponate zu schicken, reagieren viele Menschen allerdings noch verwundert - schließlich sind wir noch mitten in der Krise." Das ist ein weiterer Unterschied zu den zweckfreien Artefakten in den Kunstmuseen: Viele der angeforderten Erinnerungsgüter sind noch in Gebrauch.

Gesellschaftsspiele, gerne auch Kochbücher - gesammelt wird, was die Zeit daheim verkürzt hat

Das "Mittendrin" in der Krise, dokumentiert der Fotograf Olaf Otto Becker für das Münchner Stadtmuseum. Becker recherchiert mit einer Großbildkamera die Wirkung der unsichtbaren Bedrohung auf den öffentlichen Raum. Geräumte Auslagen in den Geschäften. Leere Plätze, wo zuvor Tausende Touristen zu sehen waren, der ganze Stadtraum erscheint geisterhaft, wie aufgegeben. In der Hauptstadt sammelt das Stadtmuseum mit "Berlin jetzt!" (ebenso wie in Hamburg #CoronaCollectionHH) Zeugnisse aus dem kontaminierten Alltag und privaten Rückzugsorten: "Wie", so fragt man in Hamburg, "werden wir im Laufe der Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte auf diese Zeit zurückblicken?" Diese Frage stellt man auch in Köln, wo das Stadtmuseum ebenfalls "das Leben mit #Corona für die zukünftigen Generationen" festhalten will. Auch das Braunschweigische Landesmuseum ist dabei. Ziel sei es, systematisch Dokumente, Fotos, Objekte als Zeitzeugen dieses "brachialen Ereignisses" zu sammeln. Das Stadtmuseum Wolfsburg ruft noch auf, auch jene Objekte zu dokumentieren, mit denen Erinnerungen an diese "sehr spezielle Auszeit" verbunden sind: ein besonderes Gesellschaftsspiel, das die Zeit in der Wohnung verkürzte, ein Kochbuch, Videos von Balkonkonzerten.

Natürlich ergibt ein riesiger Haufen Zeugs neuer Alltagsreliquien noch nicht das auf den Punkt gebrachte Drama der Gegenwart. Doch zeige all der Wust, so Rebecca Klassen von der "New-York Historical Society", die selbstverständlich ebenfalls gerade einen Aufruf zur Dokumentation der Gegenwart in der schlimm getroffenen Metropole gestartet hat, "wie Menschen gerade mit ihren Ängsten umgehen und eben nicht verzagen. Und wenn wir das nicht dokumentieren, werden wir später keine Geschichte haben."

© SZ vom 07.05.2020

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