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Münchner Philharmonie:Virtuos und schwerelos

Hélène Grimaud

Hélène Grimaud wurde 1969 in Aix-en-Provence geboren. 1987 lud sie Daniel Barenboim ein, mit dem Orchestre de Paris aufzutreten – der Beginn der internationalen Karriere.

(Foto: Mat Hennek)

Die Pianistin Hélène Grimaud und das von Dirigent Teodor Currentzis angeführte "Music Aeterna"-Orchester begeistern in München.

Ganz in weiß kommt die Pianistin Hélène Grimaud auf die Bühne der Münchner Philharmonie, sie erinnert an eine Sportlerin, und das dann gespielte G-Dur-Konzert von Maurice Ravel wird zu einem spannenden Match zwischen ihr und dem von Dirigent Teodor Currentzis sportlich angeführtem "Music Aeterna"-Orchester aus Perm (Russland). Es ist das Gipfeltreffen zweier sehr eigenwilliger und von ihren Fans hymnisch verehrter Meistermusiker. Currentzis ist der Popstar unter den Klassikmusikern, Grimaud wird als rätselhafte Göttin der Eleganz verehrt. Die Pianistin sprintet über die Tasten, Currentzis stampft den Rhythmus laut und fordernd in sein Podium, "Music Aeterna" gibt Capriolen und Capricchen dazu.

Dieser Wettkampf ist ein entfesselter Tanz, der von allen Beteiligten aber völlig kontrolliert aufgeführt wird. Arpeggien schäumen auf wie Gischt, die grandiose Soloflötistin legt durchsichtig schimmernde Kantilenen über Grimauds federnd gespielte Akkordballen und Arabesken, rasante Tonrepetitionen holen den Jazz nach Frankreich. Alles ist auf Verzauberung des Hörers angelegt, alles lichter Rausch, Verführung, Betörung, Verlockung. So wird der erste Satz zu einem Kaleidoskop des Magischen und Leichten.

Grimaud beginnt den langsamen Satz dann in völliger Ruhe. Sie spielt in ihrem langen Solo über der schlichten Akkordbegleitung die genauso schlichte Melodie raffiniert und auch ein bisschen manieriert gegen den rhythmischen Strich. Aus Grimauds Flügel quellen die Linien, mühelos wie von Zauberhand entsandt. Im Finale dann, noch schneller gespielt in der Wiederholung als Zugabe, hebt die Musik ab. Eine ganze Welt, deren Katastrophen wie ferne Leuchtstreifen vorbeiwischen.

Szenenwechsel. Nach der Pause stehen fast alle Spieler (bis auf die Celli) der "Music Aeterna" auf der bis zum Bersten gefüllten Bühne. Das ist eine Erkenntnis der historischen Aufführungspraxis, dass ein stehender Musiker sehr viel freier und lebenszugewandter agiert als ein sitzender. Neuerdings praktizieren dies auch größere Ensembles, John Eliot Gardiner brachte kürzlich sogar die BR-Sinfoniker zum Stehen. Und jetzt also Sergej Prokofjews zwischen Romantik, Neoklassik und Moderne changierendes Zweieinhalb-Stunden-Ballett "Romeo und Julia" im Stehen. Currentzis bietet fast die Hälfte der 52 Stücke: Mandolinenfolklore, Kampfgedröhn, Todesbeschwörung, Maskeraden, Skurrilporträts, Moriskentänze. Shakespeares tragische Liebesgeschichte wird zwar nur in den Umrissen erkennbar, aber die Instrumentalisten stürzen sich mit wehenden Haaren und vehementem Engagement in die Musik, was das Publikum zu Ovationen animiert.

Es gibt ein Staunen darüber, wie sich in diesem Orchester Emotionalität und Akribie die Waage halten, wie prächtig laut und wie nah am Unhörbaren leise sie spielen (ein Hoch auf die oft geschmähte Gasteig-Akustik!), wie kollegial die Instrumentalgruppen miteinander dialogisieren. Teodor Currentzis gibt erneut den Vortänzer, in dessen Verrenkungen, Beschwörungen, raumgreifenden Gesten, Drohgebärden das Drama vorgeformt ist, und seine "Music Aeterna" spielt dann mit der gleichen schwerelosen Virtuosität wie schon bei Ravel.