Münchens 9/11 Es geschah am 11. September - 1972

Die Schlussfeier begann abends um halb acht. Fuchsberger sagte in sein Mikrophon: "Die Spiele haben heiter begonnen - sie enden ernst." Das Programm war ausgedünnt worden, keine Folklore, stattdessen das blecherne Klagen aus den Instrumenten eines Münchner Jugendblasorchesters. Die Flaggen der Nationen, hinter den Flaggen die Sportler. Aus Israel war niemand mehr dabei. Man bezog die Abenddämmerung in die Feier ein, die Dunkelheit gab allem seinen natürlichen Rahmen. 70000 Zuschauer. "Die Stimmung war so", sagt Fuchsberger, "dass die Menschen alles für möglich hielten."

Er musste nicht nur moderieren, sondern beruhigen, dem Publikum Geräusche erklären, die bei der Eröffnungsfeier noch niemand wahrgenommen hätte. Aber jetzt war alles anders. "Das Ein- und Ausschalten der Flutlichter zum Beispiel war mit furchtbarem Krach verbunden. Da war eine Batterie von Schutzschaltern drin. Wenn die mit einem Mal rausgenommen wurden, klang das wie Maschinengewehrfeuer."

Irgendwann lag das Stadion im Dunkeln, und kurz nach acht erlosch die olympische Flamme, man hörte eine Trompete und ein paar Pauken. Die Zuschauer standen auf, um der Opfer des Anschlags zu gedenken. Die Ruderer des Gold-Achters von Mexiko 1968 holten die olympische Flagge ein und trugen sie aus dem Stadion, die Ruderer hatten Anzüge an und sahen würdig aus, entfernt wie Sargträger. Fuchsberger sagt: "Jeder war ergriffen, viele waren noch geschockt." Irgendwann, gegen Ende der Feier, merkte er, wie vor ihm, auf der Ehrentribüne, alle unruhig wurden.Dieser Augenblick hat sich ihm eingebrannt, in allen Details. Er erzählt, dass die Sicherheitsbeamten hellblau gekleidet waren, und da waren in der Menge vor ihm zwei Augen, die ihn suchten - da war plötzlich dieser Blick von August Everding.

Everding war der Regisseur der Abschlussfeier, er hatte von den Sicherheitskräften einen Zettel bekommen und hielt ihn jetzt von außen gegen das Glas der Sprecherkabine. Fuchsberger liest heute noch den Text auf dem Zettel aus dem Gedächtnis: "Nicht identifizierte Flugobjekte im Anflug auf das Olympiastadion - möglicherweise Bombenabwurf - sag, was du für richtig hältst."

Joachim Fuchsberger wusste nicht, was richtig war. Alles, was sie befürchtet hatten, das Schlimmste, was man sich vorstellen konnte, eine schlimmere Katastrophe noch als Tage vorher im Dorf, alles schien nun bevorzustehen. Er schloss seinen Käfig auf und holte Everding herein. Sie schauten sich an. Sie wussten nicht, was das für Flugzeuge waren, wie schnell sie überm Stadion sein würden. Sie waren unnatürlich ruhig. "Was würdest du tun?", fragte Fuchsberger. "Ich weiß es auch nicht", sagte Everding.

Vorher hatten Beamte der Luftwaffe auf ihren Schirmen ein Objekt elf Meilen nordwestlich von Ulm in 2000 Meter Höhe dahinziehen sehen, langsam fliegend, Kurs nach Osten. Es hatte Meldungen gegeben, ein Privatflugzeug sei gestohlen worden. Im Verteidigungsministerium in Bonn befahl Minister Georg Leber den Start einer Alarmrotte des Jagdgeschwaders JG 74 vom Flugplatz Nauburg/Donau. Die Luftüberwachung vermutete, das Flugzeug sei bereits in den Sinkflug übergegangen, um der Radarkontrolle zu entgehen. Auf Höhe von Augsburg wurde es wieder geortet, es lag klar auf Kurs Richtung München. Georg Leber hat später in seinen Erinnerungen von "zwei oder drei sehr langen Minuten" geschrieben, die ihm für eine Entscheidung blieben. Wäre das Flugzeug kurz hinter Augsburg nicht von seinem Kurs abgegangen, "hätte es an dieser Stelle zum Waffeneinsatz kommen müssen". Fuchsberger in seiner Kabine sah zwei Abfangjäger im Tiefflug über das Stadion donnern. Es gab keinen Befehl der Polizei, das Stadion zu räumen, es gab nur diesen Zettel: " . . . sag, was du für richtig hältst." Sollte er jetzt den kleinen Knopf an seinem Mikro drücken, sich räuspern und sagen: "Meine Damen und Herren, bitte behalten Sie die Ruhe, aber verlassen Sie das Stadion."? Georg Leber musste in Bonn entscheiden, Joachim Fuchsberger musste hier entscheiden. Er entschied sich, nichts zu tun. Es war ein Gefühl, das ihn schweigen ließ. Es war ein Glück, dass er schwieg. "Bei der Vorgeschichte: Wenn ich was gesagt hätte, da wäre doch Panik entstanden, die Leute hätten sich zu Tode getrampelt." Fuchsberger sagt: "Ich war der einsamste und angeschissenste Mensch, den man sich vorstellen kann." Wenn jetzt die Flugzeuge kämen? Everding setzte sich zu ihm an den Tisch. Das Mikro war aus. Everding sagte: "Wenn es losgeht, fliegen wir beide hier oben zuerst in die Luft." Manchmal sagt man in den schlimmsten Momenten seltsame Sachen.