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Mord und Skandal:Der Sprengstoff Nitribitt

Rosemarie Nitribitt Rosemarie Nitribitt *1933-1957+ Prostitute, Germany - 1957 murdered portraet standing by her Mercedes with poodle - 1950ies

Ikonisch: Rosemarie Nitribitt mit schwarzem Mercedes-Cabriolet und Pudel.

(Foto: ullstein bild via Getty Images)

Zwischen Kolportage und Soziologie der jungen Bundesrepublik: Erich Kubys Roman "Rosemarie. Des deutschen Wunders liebstes Kind" aus dem Jahr 1958.

Im Kriminalmuseum der ungelösten Fälle müsste man dem Mord an der 24-jährigen Frankfurter Prostituierten Rosemarie Nitribitt, der sich in den letzten Oktobertagen des Jahres 1957 zutrug, ein Extra-Kabinett einrichten. Denn es sind nicht nur die Umstände des Verbrechens, die nach wie vor Fragen aufwerfen. Aus heutiger Perspektive erscheint es fast schon kurios, dass das Interesse daran sich seit nunmehr zwei Generationen immer wieder recyceln lässt, obwohl das gesellschaftliche Umfeld, in dem Leben und Tod einer sogenannten "Edelhure" zum nationalen Skandal taugten, schon lange nicht mehr existiert, und obwohl die Protagonistin selbst nichts Mysteriöses an sich hatte, schon gar nicht in erotischer Hinsicht.

Warum die Affäre zum spektakulärsten Mordfall der Adenauer-Ära wurde, ist oft genug untersucht und beschrieben worden. Für die dumpf verklemmte Doppelmoral jener Zeit war es eine unerhörte Provokation, dass eine - wie man damals sagte - "Lebedame", aus elenden Verhältnissen stammend, ihr Gewerbe als freie Unternehmerin in aller Öffentlichkeit betrieb und dadurch zu beträchtlichem Wohlstand gelangte, dass sie Luxus-Insignien, wie das legendäre schwarze Mercedes-Cabrio mit roten Ledersitzen und Weißwandreifen, in ihr Geschäftsmodell integrierte und ihre Kunden in den höchsten Etagen der Wirtschaftswunder-Gesellschaft fand.

Über den Tod Nitribitts schrieb Kuby zunächst eine Glosse in der "Süddeutschen Zeitung"

Ob der Täter, der sie in ihrem gutbürgerlichen Wohnzimmer erwürgte, zu jenem illustren Kreis gehörte oder von dort beauftragt worden war, konnte wegen polizeilicher Ermittlungsfehler und Vertuschungsmaßnahmen nie festgestellt werden, was einerseits der Volksseele und der aufstrebenden Boulevardpresse reichlich Stoff für Spekulationen lieferte, andererseits einen scharfsinnigen Chronisten und Polemiker wie Erich Kuby (1910 - 2005) zu seiner Version der Vorgänge inspirierte.

Kuby hatte auf die Meldung vom Tod der Nitribitt zunächst mit einer Glosse in der Süddeutschen Zeitung reagiert, deren Redakteur er damals war. Den Namen des Opfers assoziierte er darin vom Klang her mit einem Sprengstoff, den er prinzipiell für geeignet hielt, "einen ansehnlichen Teil der westdeutschen Gesellschaft" in die Luft zu jagen. Sein 1958 erschienener Roman "Rosemarie. Des deutschen Wunders liebstes Kind" war ein veritabler Schnellschuss, aber es ging ihm noch die maßgebliche Mitarbeit des Autors am Drehbuch zu Rolf Thieles Spielfilm "Das Mädchen Rosemarie" voraus, der im selben Jahr in die Kinos kam und einigen Anstoß erregte, Zensurversuche inbegriffen.

Buch und Film weichen inhaltlich leicht voneinander ab, doch folgen beide Werke dem Prinzip der satirischen Verfremdung, arbeiten mit erfundenen Figuren und Handlungselementen und haben mit der wahren Lebensgeschichte der Rosemarie Nitribitt wie auch mit den Hintergründen ihrer Ermordung, soweit sie nachweisbar sind, wenig zu tun.

Der Unterhaltungswert des Romans, auf den der Autor abzielte, ist nach wie vor groß

Aber vor allem der Film, mit Nadja Tiller in der Hauptrolle, prägt bis heute das Bild von der eleganten, verführerischen Prominenten-Hure, die im Fünfzigerjahre-Ambiente die feinsten Kreise ausnimmt, sich aus Geldgier auf Industriespionage und Erpressung einlässt und dann von finsteren Drahtziehern beseitigt wird. Bernd Eichingers Remake mit Nina Hoss aus dem Jahr 1996, auf der Welle der Fifties-Nostalgie schwimmend, gab diesem Mythos neue Nahrung, mit aufwendigem Dekor und ohne weiterführende Einsichten.

In der Folgezeit entstanden Dokumentationen, die sich mit Nitribitts Werdegang und ihrer trostlosen Jugend befassten. Der fünfzigste Jahrestag des Mordfalls veranlasste eine Reihe von Retrospektiven, und schließlich tauchten verschollene Prozessakten auf, die alte Verdachtsmomente stärkten, zumal gegen den Krupp-Erben Harald von Bohlen und Halbach, der für das Mädchen Rosemarie offenbar mehr als nur ein Kunde gewesen war. Und gewiss hatte auch der zunehmende Geschmack an Verschwörungstheorien, den die neuen Medien befeuerten, seinen Anteil daran, dass der Fall Nitribitt nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verschwand.

Dennoch könnte man sich fragen, warum dem Roman von Erich Kuby, der 1996 im Rotbuch-Verlag noch einmal aufgelegt und 2010 nachgedruckt wurde, ausgerechnet jetzt bei Schöffling eine Neuausgabe zuteil wird. Haben wir irgendein Jubiläum, irgendeinen Trigger verpasst? Oder ist dies, nach Jahren voller Skandale und Enthüllungen, die Verflechtung von Politik und Industrie betreffend, nach Jahrzehnten schleichender Entzauberung des Marktliberalismus und anderer freiheitlich-demokratischer Errungenschaften, einfach ein guter Zeitpunkt, um an jene frühe, in satirische Fiktion gekleidete, doch verblüffend präzise Analyse solcher Verhältnisse zu erinnern?

Im "Nachwort, das als Vorwort gelesen werden soll", notiert von Erich Kuby zur Neuauflage im Jahr 1996, erfährt man Details zur Entstehung und Rezeption des Films und des Romans (der, wie der Autor schon im Vorwort zur Erstausgabe ausführte, diesen Begriff "literarisch genommen, nicht zu füllen vermag"). Vor allem aber gewinnt man einen Einblick in die Denkart Kubys, der bis ins hohe Alter blieb, was er stets gewesen war: ein unabhängiger "Linker" mit weitem Bildungshorizont, ein couragierter Außenseiter und hellwacher Beobachter des Zeitgeschehens.

Bei der Neulektüre seines vermeintlich "historischen" Textes kam er damals zu dem Schluss: "Womit die reale, die ermordete Rosemarie und jene des Films und des Buches ihre Kunden erpressen konnte, ist zwar der Schlamm von gestern, aber daraus ist in vierzig Jahren die Sumpflandschaft geworden, in der Unternehmer und Banker ihre Zentralen errichtet haben."

Der Fortgang der Dinge bis heute hätte ihn kaum überrascht, vielleicht aber die Tatsache, dass krasse Skandale, ob in Politik, Industrie oder Finanzwesen, inzwischen aufgedeckt werden können, ohne eine nennenswerte Sprengkraft zu entfalten oder gar die Trockenlegung von Sümpfen zu bewirken. Jedenfalls äußerte Kuby in jenem Nachwort noch die Hoffnung, die Fallstudie der Rosemarie Nitribitt und der "sozialpolitischen Bedingungen ihrer Karriere zum Tode" könne sich als " Aufklärungsmedizin" erweisen und die Wahrnehmung schärfen. Denn Rosemarie und ihr Unternehmen, dessen Pikanterie die sexuelle Befreiung längst neutralisiert hatte, waren für ihn nur das "dramaturgische Vehikel" gewesen, um einen gesellschaftlichen Zustand zu beschreiben, in dem Geld und Macht und deren innige Verquickung letzten Endes alle menschlichen Handlungen und Beziehungen bestimmen.

Womöglich sind jetzt, ein Vierteljahrhundert später, die Voraussetzungen für einen Erkenntnisprozess im Sinne Kubys schon besser. Ansonsten bleibt das von ihm ganz unbescheiden avisierte "Lesevergnügen", das sich als überraschend zeitlos erweist. Die Typenzeichnung der Industriekapitäne im "Isoliermattenkartell", einer Tarnorganisation für Rüstungsgeschäfte, die maliziös sezierende Schilderung von Milieus und Verhaltensweisen, die Mutmaßungen über eine Firmengründerin besonderer Art, die ihr Gewerbe der Mechanik des Wirtschaftswunder-Kapitalismus perfekt anpasst und dadurch für ihre Kunden selbst zum "Fetisch des Wirtschaftswunders" wird - das alles ist von glänzendem Unterhaltungswert, auch wenn zum Ende hin der Erklärungsüberschuss auf Kosten der Spannung geht. Da aber der Aufklärungsbedarf damit offenbar noch nicht gedeckt ist, enthält die Neuausgabe einen klugen, soziologisch grundierten Essay des FAZ-Herausgebers Jürgen Kaube. So wird der "Fall Nitribitt" auf hohem Niveau ins dritte Jahrtausend hinübergerettet.

Erich Kuby: Rosemarie. Des deutschen Wunders liebstes Kind. Roman. Mit einem Essay von Jürgen Kaube. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2020. 320 Seiten, 22,70 Euro.

© SZ vom 14.02.2020
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