Mitten drin: die Berlinale-Eröffnung Voll auf Glückskeks

Durch die romantische Hornbrille betrachtet, werden Altrocker in Berlin unsterblich: Dieter Kosslick inszeniert die Berlinale mit kleinen und großen Albernheiten.

Von Christian Mayer

Eines ist nach dem Auftakt der Berlinale sicher: Dieter Kosslick hat es mal wieder mal allen gezeigt. Der Intendant kann im achten Jahr seiner Regentschaft mit der ihm eigenen Selbstzufriedenheit auf den Eröffnungsabend zurückblicken:

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So viel mediales Getöse, so viel Freudengeheul auf dem Boulevard, so viel Gekreische am roten Teppich war wohl noch nie bei einer Berlinale. "Was wir heute erlebt haben, ist sensationell, das hat es in Berlin noch nicht gegeben", sagt Bürgermeister Klaus Wowereit bei seiner Begrüßung.

Und die Rolling Stones, gefeiert vom nostalgisch gestimmten Premierenpublikum im Kinosaal, geben alles. Zumindest als Hauptdarsteller auf der Leinwand, im Eröffnungsfilm "Shine a Light" von Martin Scorsese. Durch Scorseses romantische Hornbrille betrachtet, sehen Mick Jagger, Charlie Watts, Ron Wood und sogar Keith Richards trotz beeindruckender Falten nahezu unsterblich aus. Wahre Fans können sich darüber freuen, ihren Helden zwei Stunden lang bei der Arbeit zuzusehen. Wohl selten hat es so viel Lärm um einen Konzertmitschnitt gegeben wie bei diesem Werbefilm, der sich nur als Dokumentation der Hingabe verstehen lässt.

Auf den fünf Stockwerken des Berlinale-Palasts sind nach der Vorführung alle Stones-Fans, nicht nur der einstige Grünen-Politiker Rezzo Schlauch: Er trägt sein Bekenntnis "It's only Rock'n'Roll - but I like it" auf dem gut gespannten T-Shirt unterm Sakko.

Die Schönen des Abends schwärmen vom Film: Die Schauspielerinnen Martina Gedeck, Bettina Zimmermann, Sibel Kekilli, Heike Makatsch und Diane Kruger sind fasziniert von Mick Jaggers grenzenloser Energie, die sich bei der Party aber leider nicht entladen kann - der Angebetete strebt zurück in seine Hotelsuite. Dafür hält Ron Wood die Stellung. Und Hollywood-Star Goldie Hawn guckt etwas verloren, bleibt dafür aber von Fotografen nahezu unbelästigt - Ruhm ist vergänglich.

Im Bemühen, mal richtig einen auf Altrocker zu machen, haben Würdenträger wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier ihre Krawatten abgelegt, man gibt sich betont lässig, nur Armin Müller-Stahl, Mario Adorf und Marius Müller-Westernhagen bewahren noch vornehme Haltung. Joschka Fischer ist ohnehin frei von Zwängen und kann den Filmemachern Doris Dörrie, Tom Tykwer oder dem legendären Kameramann Michael Ballhaus die Welt erklären, während seine Frau Minu das Privileg genießt, auf Fischers Schoß Platz nehmen zu dürfen.

So viel Zuneigung erreicht nur noch Dieter Kosslick, der den Smoking mit einer grünen Berlinale-Trainingsjacke tauscht; er kann gar nicht genug bekommen von seinen Merchandising-Gags. Wer Kosslick nicht um den Hals fliegt und den "lieben Dieter" ans Herz presst, ist in Berlin nicht angekommen. Als Gastgeber der Eröffnungsgala scheut er vor keiner Albernheit zurück, als Verpackungskünstler dieser Großveranstaltung ist er unübertrefflich, was auch Jury-Mitglied Shu Qi erleben muss: Sie bekommt von Kosslick auf offener Bühne einen Glückskeks geschenkt. So ein Ding, das man beim Chinesen knackt, um die Zukunft zu erfahren. Die Zukunft der Berlinale sieht rosig aus - oder vielmehr golden, was an den Rocklegenden und Popgrößen liegt, die hier ausgestellt werden.

Mal sehen, was Madonna mit nach Hause nimmt, wenn sie ihre Komödie "Filth and Wisdom" vorstellt. Sollte sie es Neil Young nachtun und leibhaftig erscheinen, wird sie den von den Stones ausgelösten Teppich-Wahnsinn kaum übertreffen.

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