Russische Literatur Der Glanz in Lenins Augen

Ein Untergeher: Sergej Tschaplin als Offiziersschüler bei den Marinefliegern, Sewastopol 1927.

(Foto: PrivatArchiv Ryklin)

Michail Ryklin erzählt von seinem Großvater und Großonkel, zwei Opfern des stalinistischen Terrors.

Von Stephan Wackwitz

Die Historiker des Stalinismus nehmen seit einiger Zeit die untergründigen Einflüsse mystischer und gnostischer Volksfrömmigkeit auf die russische Verwirklichungsform des Marxismus in den Blick. So erklärt Yuri Slezkine in seiner monumentalen Saga der russischen Revolution "Das Haus der Regierung" den Welterkenntnisfuror ebenso wie die totale Opfer- und Selbstopferbereitschaft der Bolschewiki als Auswirkung einer "wissenschaftlich"-marxistisch nur kostümierten Gnosis und zeigt die Parallelen zwischen der Paranoia des Großen Terrors und den sozialpsychologischen Mechanismen der Hexenverfolgung auf.

Auch der kommunistische Familienroman des russischen Philosophen Michail Ryklin "Leben, ins Feuer geworfen" über seinen Großvater Sergej Tschaplin und seinen Großonkel Nikolaj Tschaplin spürt dem religiösen Glutkern im Wirken und Leiden von Männern nach, die in ihrer Jugend gläubige Stalinisten waren und in den Lagern des als Messias verehrten Politverbrechers qualvoll ums Leben gekommen sind. "Der Bolschewismus (...) verdankt seinen Erfolg der Tatsache, dass sein soziales Programm in Teilen mit dem einer religiösen Revolution identisch ist, wie sie in Russland von jeher mehr Anhänger hatte als die offizielle Religion. Den russischen Mystikern ist das Jenseits gleichgültig, sie sehnen sich nach der Verwirklichung des Gottesstaates auf Erden, und eben diesen wollen nun die Bolschewiki errichten. Das russische Volk ist deshalb revolutionär, weil es christlich ist, doch nicht im Sinn der amtlichen Orthodoxie."

Es ist deshalb konsequent, dass Ryklins Erzählung dem literarischen Schema der christlichen Märtyrerlegende folgt und den großen Erzähler Warlam Schalamow zitiert, für den in der Ausnahmesituation des Gulags der Unterschied zwischen Täter und Opfer in einer nicht mehr unterscheidbaren Martyrologie untergeht. Der Schauspieler Georgi Shshonow, ein Leidensgenosse der beiden Brüder in den Lagern an der sibirischen Kolyma, hat von einem GPU-Killer berichtet, der einerseits Nikolaj Tschaplin wegen einer Nichtigkeit in den Tod schickte und andererseits ihm, dem Häftling Shshonow, unter erheblichen Anstrengungen das Leben rettete. "Dem Heiligen muss ein Unheiliger, der Legende eine Antilegende gegenüberstehen", schrieb André Jolles in seiner Analyse der "Einfachen Formen" .

Ryklins Erzählung folgt dem literarischen Schema der christlichen Märtyrerlegende

In Ryklins Erzählung rückt das stalinistische Martyrium, das wir aus den Geschichtswerken Alexander Solschenizyns, Oleg Chlewnjuks und Anne Applebaums kennen, in familiengeschichtliche Nähe. Nikolaj Tschaplin, ein Bolschewist der ersten Stunde, war in den Zwanzigerjahren Vorsitzender des kommunistischen Jugendverbandes Komsomol, ein Träger des Leninordens, der Stalin für seinen Freund halten konnte. Seine tödliche Odyssee durch die Stationen des Lagersystems verdankte er seiner Verbindung mit dem sogenannten "Syrzow-Lominadse-Block", einem geheimdienstlichen Phantasma, das Kommunisten vereinte, die dem euphemistisch als "Kollektivierung" bezeichneten Massenmord an der ukrainischen Landbevölkerung skeptisch gegenüberstanden. Sein Bruder Sergej, der Großvater Michail Ryklins, war Geheimdienstoffizier. Der jüngste Bruder, Viktor, der unter der Folter gegen seine Brüder ausgesagt hatte, überlebte das Lager als psychisch und physisch zerbrochener Mensch.

Die Legende und Antilegende dieser drei Heiligen/Unheiligen der "neuen politischen Religion" führt durch die Höhen und Tiefen des politischen Messianismus. Ein Höhepunkt der Erzählung Ryklins ist seine Schilderung des III. Komsomol-Kongresses 1920, auf dem Lenin seine in der kommunistischen Welt fortan berühmte Rede "Über die Aufgaben der Jugendverbände" hielt (diese Aufgabe, sagte Lenin damals, bestehe in "Lernen, Lernen und nochmals Lernen"). Nikolaj, der spätere Vorsitzende des Jugendverbands, nahm als Delegierter teil. Die religiöse Urszene der Tschaplin-Generation begab sich, als ein Delegierter aus Woronesch, "gekleidet in eine komische Damenjacke mit Puffärmeln" mitten in Lenins Rede in Trance, "wie verzaubert" auf Lenin zugeht und ihm in eschatologischer Verzückung die Erlösungsfrage des Kommunismus stellt: "'Wladimir Iljitsch! Wirklich, ich? ... Ich werde die kommunistische Gesellschaft erleben?' Lenins Augen leuchteten auf. 'Ja, ja', sagte er laut und ergriffen. 'Sie! Gerade Sie, lieber Genosse!' Der Woronescher schlug kindlich die Hände zusammen und dreht sich langsam um, dann stürzte er hinaus, die auf dem Bühnenboden Sitzenden vergessend."

Die Generation dieser chiliastisch entzündeten Menschen stürzte aus ihren Versammlungssälen in ihr meist kurzes Leben hinaus, beseelt von der unbedingten Bereitschaft, jedes Opfer und Selbstopfer für die Verwirklichung des Gottesstaates auf Erden zu erbringen und zu erleiden. Auch die verfahrenstechnische Sonderbarkeit, dass der stalinistische Verfolgungsapparat, der die Macht und die Straffreiheit hatte, seine Opfer einfach abzuknallen, darauf bestand, sie umfangreiche und offensichtlich an den Haaren herbeigezogene Geständnisse unterschreiben zu lassen, erklärt sich aus der im Kern religiösen Natur dieser Staatsideologie. "Wenn der Beschuldigte kein Träger des Glaubens war, wenn er nicht geschworen hatte, niemals etwas vor der Partei zu verbergen, hätten keine körperliche Einwirkung, keine Folter ihn dazu gebracht zu gestehen. Die sie anwandten wussten: Erreichte man nur erst ein genügend tiefe Schicht, dann würde sich beim Opfer automatisch der Mechanismus der Selbstbeschuldigung einschalten."

Die Selbstbezichtigungsorgien der sowjetischen Dreißigerjahre hatten etwas Pietistisches. Dass Josip Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin, als Geistlicher ausgebildet worden war, hatte sehr praktische politische Folgen. Die politisch-aktuelle Relevanz der Legenden und Antilegenden, die Ryklin anhand seines Familienarchivs erzählt, ist in der Tatsache beschlossen, dass der "Geheimdienst Tscheka, heute FSB", wie Ryklin schreibt, "als einzige Institution den Systemwechsel nach dem Zerfall der Sowjetunion bruchlos überstanden hat und in Russland heute mächtiger ist als je zuvor".

Der Geheimdienst hat sich mit seiner ehemaligen Todfeindin, der orthodoxen Religionshierarchie, verbündet. "Kurzum, was wir vor einem Vierteljahrhundert erleichtert zu Grabe getragen hatten, ist wieder auferstanden." Die Vergangenheit, die Ryklin beschreibt, ist nicht tot; sie ist nicht einmal vergangen. Darin liegt der Sinn, die Verzückungen und Höllenfahrten des bolschewistischen Messianismus auch Jahrzehnte nach dem Untergang der Sowjetunion sorgfältig zu studieren.

Michail Ryklin: Leben, ins Feuer geworfen. Die Generation des Großen Oktobers. Aus dem Russischen von Sabine Grebing und Volker Weichsel. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 336 Seiten, 25 Euro.