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"Menschen werden unschuldig geboren, dann machen sie sich schuldig", sagt der Polizeichef. Jean-Pierre Melvilles Filme über Gangster und moralische Indifferenz sind im August bei dem Streamingdienst Mubi zu sehen.

Von Sofia Glasl

Der Glücksspieler Bob verlässt sein Stammlokal, um im Morgengrauen durch das Pariser Vergnügungsviertel nach Hause zu laufen. In einem Schaufenster spiegelt er sich und sagt zu seinem weißhaarigen Gegenüber: "Eine tolle Gangstervisage!" Es schwingt eine Schicksalsergebenheit in seiner Stimme. Die Ganoven in den Filmen von Jean-Pierre Melville schauen immer irgendwann in einen Spiegel und in diesem prüfenden Blick liegen ein Fatalismus und eine Melancholie, die nur sie kennen. Ihre eingeübten Gesten verleihen der Kriminalität eine philosophische Aura, machen aus ihnen Gentlemen der Unterwelt.

Monsieur Bob, der Grand Seigneur seiner Zunft, geht in "Drei Uhr nachts" in Richtung Montmartre, kauft eine Zeitung und will dann doch nicht heim. Er ist "Bob le Flambeur" so der Originaltitel, der Zocker, der sein letztes Hemd setzen würde. Das Glücksspiel ist alles, was ihm geblieben ist, nachdem er sich vom Bankraub zurückgezogen hat. Ein allerletzter Coup aber lässt seine Augen wieder aufblitzen - der Tresor des Casinos in Deauville soll 800 Millionen Francs enthalten.

"Drei Uhr nachts" (1956) war Melvilles erster Gangsterfilm und setzte den Ton für eine ganze Reihe weiterer "transponierter Western", wie er selbst sie nannte, in dem Interviewband, herausgegeben von Rui Nogueira. Das Buch erschien 1974, ein Jahr nach Melvilles plötzlichem Tod. Seine Ganoven haben tatsächlich die lotterige Grandezza von Westernhelden, wenn sie mit ihren amerikanischen Schlitten durch die Straßen ziehen, eine Kippe im Mundwinkel, und nichts sie aus der Ruhe bringt.

Melville verehrte das amerikanische Kino wie kaum einer vor ihm. Seine unabhängige Produktionsweise - er hatte sogar ein eigenes Studio - verlieh ihm einen besonderen Status im französischen Film. Er wurde der Urvater der Nouvelle Vague, auch wenn er sich später von der Bewegung distanzierte. Jean-Luc Godard und François Truffaut übernahmen die für ihn typische Handkamera und die Jump cuts. Godard besetzte ihn 1960 in "Außer Atem" als von der Presse umgarnten Schriftsteller Parvulesco. Die dunkle Sonnenbrille und der Hut, die er darin trug, wurden zum Markenzeichen, mal war es ein Fedora, mal ein Stetson. Die Coolness seiner Figuren verströmte er selbst.

In "Vier im roten Kreis", Melvilles Glanzstück aus dem Jahr 1970, kulminiert die Abgebrühtheit in einer 25-minütigen Szene, in der drei Männer ohne ein Wort zu sprechen ihren minutiös ausgearbeiteten Juwelenraub durchziehen. Ihre lakonische Akribie erzeugt eine nervenzerrende Spannung und macht die Schicksalsergebenheit der Figuren spürbar. Auch hier signalisiert der Blick in den Spiegel, dass es kein Zurück mehr gibt. Als der zum Verbrecher gewordene Ex-Polizist Jansen, gespielt von Yves Montand, loszieht, um den Juwelenraub auszubaldowern, blickt er im Treppenhaus in einen raumhohen Spiegel, rückt seine Krawatte zurecht, wirbelt seinen Regenschirm um die Hand und betritt zögerlich die Verkaufsräume des Juweliers. Ein existenzialistischer Noir, in Farbe gedreht, der moralisch kaum zwischen Polizist oder Gauner unterscheidet. Was zählt, sind Loyalität und ein Ehrenkodex. "Menschen werden unschuldig geboren, dann machen sie sich schuldig" sagt der Polizeichef. Eigentlich ganz einfach.

Auch für Jean Paul Belmondo geht es in "Der Teufel mit der weißen Weste/Le doulos" ( 1962), um Freundschaft und Loyalität. Seine Kumpels aus der Unterwelt verdächtigen ihn ein Spitzel zu sein und setzen sogar einen Auftragskiller auf ihn an. Sein Freund Maurice, gespielt von Serge Reggiani, wird zu Beginn des Films aus dem Gefängnis entlassen. Bei einem Hehler, der seine Freundin umgebracht hat, schaut er resigniert in einen gesprungenen Spiegel am Eingang. Er weiß, was zu tun ist. Was Melville einmal über den Spieler Bob sagte, gilt für alle seine Gangster. "Der Aufstieg zum Misserfolg ist eine ganz und gar menschliche Sache."

Der Streaminganbieter Mubi zeigt im August unter dem Titel "Jean-Pierre Melville und sein neues Genrekino" die drei Filme "Drei Uhr nachts" (1956), "Der Teufel in der weißen Weste" (1962) und "Vier im roten Kreis" (1970).

© SZ vom 17.08.2020

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