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Mediaplayer:Mein Freund, der Terrorist

Julianne Moore in dem sehr in seine internationale Besetzung verliebten Thriller "Die Geiselnahme".

Erst zögern sie, dann fallen sich der Japaner und die Peruanerin küssend in die Arme. Er im Smoking, sie in Guerilla-Uniform. Er ist Übersetzer, sie Rebellin. Der züchtige Hollywood-Sex findet in einem Hinterzimmer statt. Genauer gesagt in einem Gebäude, das gerade besetzt wird. Es handelt sich um die japanische Botschaft in Lima. Eine peruanische Guerillagruppe nutzt die Chance, als dort ein Großindustrieller aus Japan hochrangige Politiker zu einer Konzertgala einlädt. Die Liebenden stehen auf gegnerischen Seiten.

Der Film "Die Geiselnahme" (im Original "Bel Canto") basiert auf einem Bestseller der Schriftstellerin Ann Patchett, die sich darauf versteht, aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen. In ihrem Roman, der von der realen Geiselnahme 1996 in der japanischen Botschaft in Lima erzählt, wechselt die Erzählperspektive zwischen den Figuren. Die Liebesgeschichte ist zwar fiktiv, aber das Phänomen - das sogenannte "Lima Syndrom" - gibt es wirklich. Im Gegensatz zum weitaus bekannteren "Stockholm Syndrom", das eine emotionale Zuneigung einer Geisel zum Geiselnehmer bezeichnet, ist das Verhältnis hier umgekehrt. Wie Psychologen im Nachhinein festgestellt haben, fühlten sich die teils jugendlichen Terroristen den japanischen Geiseln so sehr verbunden, dass sie diese nach der Freilassung besuchen wollten. Als die Terroristen bei der Befreiung vom Militär getötet wurden, erlitten einige Japaner einen Schock.

"Die Geiselnahme" ist mehr eine Art Liebesfilm, in dem selbst die unwahrscheinlichsten Beziehungen wahr werden

Dieses psychologische Phänomen illustriert der Film von Regisseur Paul Weitz, der bislang vor allem im Komödienfach zuhause war. Er drehte unter anderem die Komödie "American Pie" und die Nick-Hornby-Verfilmung "About a Boy". Mit der "Geiselnahme" versucht Weitz sich an Action und Psychologie, aber leider nicht ganz so gekonnt wie in seinen derben Komödien. Am Anfang schreien die Revoluzzer herum und schlagen mit ihren Gewehren auf die Gefangenen ein, aber nach und nach verstehen sie sich alle ganz gut und richten es sich in der Botschaft gemütlich ein. Die für die Gala engagierte Sängerin Roxanne Coss kommt dem japanischen Gastgeber, einem Opernliebhaber, näher; ein Schweizer Arzt und ein peruanischer Rebell sympathisieren miteinander. Es wird Schach gespielt, gemeinsam diniert und am Ende sogar im Vorgarten Fußball gekickt. Die Situation nimmt absurde Züge an. Bis das Militär über die Mauern klettert und der Harmonie ein blutiges Ende bereitet.

Julianne Moore und Ken Watanabe in "Die Geiselnahme".

(Foto: DCM)

Weitz stellt sich klar auf die Seite der Getöteten. Die Bösen sind die Soldaten des Präsidenten, die zuerst als Befreier gefeiert, aber dann vor Gericht verurteilt wurden. Der Filmemacher interessiert sich aber weder für die Vorgeschichte, noch für die Verhandlungen danach. Den damaligen Präsidenten Alberto Fujimori sieht man nur kurz, und den für das Massaker verantwortlichen Geheimdienstchef gar nicht. Alles konzentriert sich auf das Innere der Botschaft. Trotzdem stellt sich nicht das Gefühl der Klaustrophobie ein, was man bei einer 126 Tage andauernden Geiselnahme erwarten würde. "Die Geiselnahme" ist mehr eine Art Liebesfilm, in dem selbst die unwahrscheinlichsten Beziehungen wahr werden. Da kann es schon vorkommen, dass der japanische Übersetzer der peruanischen Guerillera ein paar englische Vokabeln beibringt und mit ihr ins Kämmerchen verschwindet.

Die Besetzung ist international. Für Deutschland begibt sich Sebastian Koch in die Geiselnahme, für Amerika Julianne Moore, für Japan Ken Watanabe und der Mexikaner Tenoch Huerta Mejía verkörpert als Comandante ganz Lateinamerika. Man wird das Gefühl nicht los, dass das Filmprojekt mit seinen Best-of-Schauspielern so viele Regionen wie möglich bedienen will, ohne überhaupt zu erklären, wie ein Schweizer Arzt während seines Urlaubs in der japanischen Botschaft landet. Es passieren überhaupt einige märchenhafte Dinge. Die Opernsängerin bringt mit ihrem Gesang sogar das abgedrehte Wasser wieder zum Fließen. Nach einem Jahr besucht die überlebende Peruanerin die Opernsängerin bei einem Auftritt und man wundert sich, wie harmonisch sich posttraumatische Störungen in musikalische Klänge auflösen können.

Die Geiselnahme ist auf DVD und Blu-ray erschienen (dcm).