bedeckt München 21°

Mediaplayer:Grrr und Zohommm

"ORG" ist selbst für MTV-Junkies eine Herausforderung mit seinen über 26 000 Schnitten.

(Foto: Filmgalerie 451)

Selten wurde das Medium Experimentalfilm so konsequent ausgereizt wie bei dieser Begegnung von Terence Hill und Thomas Mann: "ORG" ist Kult.

Dass Terence Hill und Bud Spencer ein lustiges Paar waren, ist bekannt, wohingegen das Duo Terence Hill und Thomas Mann ein Geheimtipp geblieben ist. Der argentinische Regisseur Fernando Birri vereinte die beiden einst in seinem Experimentalfilmtrip "ORG". Ein Werk, das er selbst als "Nicht-Film" bezeichnet, entstanden aus "jenem Windstoß der Verrücktheit, der die Welt 1968 ins Wanken brachte".

"ORG" war ein manisches Projekt, eine Mammutaufgabe, Birri arbeitete mehr als zehn Jahre daran, von 1967 bis 1978. Im Jahr darauf hatte der Film Premiere beim Festival in Venedig, wo er als radikales Experiment gefeiert wie beschimpft wurde. Seitdem war er nur sehr selten und in kleinem Rahmen zu sehen, zum Beispiel richteten die Kurzfilmtage Oberhausen 1987 eine Werkschau zur Feier des Regisseurs aus.

Nun hat ihn der kleine und mutige Berliner Verleih Filmgalerie 451 auf DVD herausgebracht. Mutig muss auch der Zuschauer sein, wenn er auf Play drückt, denn die sehr freie Adaption von Thomas Manns Erzählung "Die vertauschten Köpfe", die er dann zu sehen bekommt, mit Terence Hill in einer Hauptrolle, ist nichts für schwache Nerven und Synapsen. "ORG" besteht aus über 26 000 Schnitten und knapp 700 Tonspuren, was selbst für MTV-Junkies eine Herausforderung ist.

Eine stringente Handlung nach gängigen dramaturgischen Kinomustern nachzuerzählen, ist unmöglich, weil der Film zwar eine Buch-Adaption ist, sich in der Form aber jeglichen Konventionen entzieht. Thomas Mann hatte sich für "Die vertauschten Köpfe" von einer indischen Legende inspirieren lassen, einer Dreiecksgeschichte zwischen zwei Jungs und einem Mädchen, die er zum ironischen Kommentar auf den Rassenwahn im Dritten Reich umschrieb. Bei Birri wird daraus ein irrer Flickenteppich aus Bildern und Geräuschen, eine Hommage an das einzige Stilmittel, welches das Kino anderen Künsten voraus hat: den Filmschnitt. Neben Momenten, in denen das Bild einfach schwarz ist, sieht man mal schneller, mal langsamer eine auf den ersten Blick wirre, aber durchaus komponierte Bildabfolge. Terence Hill turnt nackt durch die Natur, es gibt Zauberer und Clowns und kopulierende Pärchen, das komplette Personal dieses Dreistundenwerks kann man an dieser Stelle gar nicht aufzählen.

Die Story spielt in der Zukunft nach der Explosion eines großen Atompilzes. Die Hauptfiguren heißen der Schwarze Grrr und sein weißer Freund Zohommm, die sich um das Mädchen Shuick streiten und Zorn und Eifersucht auf einer intergalaktischen Reise erleben, unter anderem in einer Ruine, die als Kybernetische Sybille bezeichnet wird.

Wer "ORG" schon nach fünf Minuten unerträglich findet, mit all dem Laut und Leise, Hell und Dunkel, dem würde es nicht einmal der Regisseur selbst verdenken. Wem die ersten Minuten nicht gefallen, der solle es ruhig bleiben lassen, empfahl Birri. "Sie können aber auch gerne den Film laufen lassen, eine Zigarette rauchen gehen und dann weiterschauen, das ist alles möglich."

Der heute 92-Jährige ist ein Nachkomme italienischer Auswanderer in Argentinien. Irgendwann beschloss er, zurück nach Italien zu gehen, studierte Film in Rom. Er verdingte sich als Regisseur, Philosoph, Puppenspieler und Dichter, ihm ging es immer mehr ums Ausprobieren, ums Scheitern und Lernen, als um viele Zuschauer. Dass sich überhaupt Menschen gefunden haben, die "ORG" finanzieren wollten, ist ein kleines Wunder. Über die lange Zeit, in der Birri an dem Film herumbastelte, ging ihm mehrfach das Geld aus. Terence Hill, der durch seine Slapstick-Duette mit Bud Spencer ein wohlhabender Mann mit einem Faible für schräge Typen geworden war, steckte ihm immer wieder etwas zu.

Nach der Premiere 1979 versuchten Birri und seine Mitarbeiter eine Zeitlang so etwas wie eine "kommerzielle Fassung" von "ORG" zu schneiden, was natürlich vollkommen unmöglich war und auch schade gewesen wäre. Denn so radikal wurde das Genre Experimentalfilm selten an seine Grenzen gebracht - unerträglich und berauschend zugleich.

ORG ist auf DVD erschienen (ab 15,99 Euro).

© SZ vom 20.03.2017

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite