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The Staggering Girl

"The Staggering Girl", gespielt von Juliane Moore.

(Foto: Mubi)

Schöne Frau in schöner Kleidung: In dem Fashion-Film "The Staggering Girl" von Luca Guadagnino glänzt Julianne Moore mit Mode von Valentino.

Von Philipp Stadelmaier

Es waren zwei Filme, die den italienischen Filmemacher Luca Guadagnino in den letzten Jahren bei einem größeren Publikum bekannt gemacht hatten. Zum einen war da "Call Me By Your Name", eine schwule Sommerromanze im Intellektuellenmilieu, zwischen einem Teenager und einem älteren Amerikaner im Italien der frühen Achtzigerjahre. 2018 kam dann Guadagninos Remake von Dario Argentos Horrorfilmklassiker "Suspiria" in die Kinos, in dem eine amerikanische Ballettschülerin in den Siebzigerjahren nach Westberlin kommt, an eine Tanzschule, die von Hexen betrieben wird.

Sein neuer Film heißt nun "The Staggering Girl" und dauert gut dreißig Minuten. Premiere hatte er letztes Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes, nun ist er seit Samstag für dreißig Tage auf dem Streamingdienst Mubi zu sehen, einer Plattform, die sich dem Qualitäts- und Autorenkino verschrieben hat. Unter diese Kategorie fällt auch das Werk von Guadagnino. Der Titel verspricht eine "umwerfende", wenn nicht gar "atemberaubende" Frau. Da es sich um einen Fashion-Film handelt, der von der italienischen Modemarke Valentino mitproduziert wurde, besteht das Konzept darin, dass eine umwerfend schöne Frau, gespielt von Julianne Moore, umwerfend schöne Mode trägt. Wer den Abspann studiert, wird dann auch mit einer Auflistung aller Modekreationen versorgt, die im Film vorgeführt wurden. Aber es geht nicht nur um Mode. Moore spielt eine in New York wohnende Schriftstellerin, Francesca Moretti, die an ihrer Autobiografie arbeitet. Ihre (deutschsprachige) Mutter ist eine erblindende Malerin, die in Rom lebt - irgendwann macht sich Francesca auf nach Italien, um sie zu überreden, zu ihr nach New York zu ziehen.

Das erzählt sich einfach, ist aber komplizierter. Francesca bewohnt eine Welt, die aus Träumen und Erinnerungen besteht, aus Geistern und Stimmen - und natürlich aus schönen Kostümen, die sie entweder selbst trägt oder auch mal im Nachtwind wehen können. Aus dem Lüftungsschacht erzählt eine Frauenstimme von einer erotischen Begegnung mit einem fremden Mann in der Oper. Und dann ist da noch diese geheimnisvolle Frau, die Francesca immer wieder erscheint und der sie folgt - durch die Flure ihres New Yorker Wohngebäudes und durch die engen Gassen Roms.

Guadagnino verfrachtet Francesca in eine Art Spiegeluniversum. Immer wieder geht sie auf die Kamera zu und verschwindet. Dann gibt es einen Schnitt und wir sehen, wie sie sich diesmal von der Kamera entfernt - wie in eine andere Welt. Zwischen New York und Italien scheint es somit eine direkte, unsichtbare Verbindung zu geben. Francesca läuft durch ihr Apartment und findet sich auf einmal auf einer Party in Rom wieder. Dort wird sie von dem Gastgeber in ein Arbeitszimmer entführt, in dem ein Gemälde ihrer Mutter hängt. Sie nähert sich ihm. Plötzlich steht sie vor einer Szene ihrer Kindheit: Ihre Mutter überredet sie, ein bestimmtes Kleid zu tragen. Man kann wohl davon ausgehen, dass es aus dem Hause Valentino stammt.

Alle Männerrollen des Films werden übrigens von Kyle MacLachlan verkörpert, der mit David Lynchs "Blue Velvet" und "Twin Peaks" bekannt wurde. Auch hier sorgt der Schauspieler dafür, dass der Film vom Charme des Geheimnisvollen und Unergründlichen heimgesucht wird, von Figuren, die weniger eine eigene Identität haben, als dass sie in verschiedenen Masken und Gestalten wiederkehren.

Eine Wiederkehr lässt sich hier auch mit Bezug auf Themen, Orte und Motive aus Guadagninos letzten beiden Spielfilmen feststellen. Wie schon "Call Me By Your Name" spielt "The Staggering Girl" gerade am Schluss in einem schönen, alten, dunklen italienischen Anwesen. Und wie in "Suspiria" steht im Zentrum des Films die Auseinandersetzung einer Frau mit einer komplizierten - und hexenhaften - Mutter. Romantik und Horror kommen wunderbar zusammen, verbinden sich in der ebenso unheimlichen wie melancholischen Filmmusik des berühmten Komponisten Ryuichi Sakamoto.

Gerade in diesem Fashion Film zeigt sich Guadagnino damit als Autorenfilmer, dessen Werke thematische Ähnlichkeiten aufweisen. Auch, wenn er hier hauptsächlich eine Luxuskollektion vorstellt. Die Herausforderung besteht eben darin, hinter dem Kostüm wieder die Schauspieler sichtbar zu machen - und hinter dem Namen der Marke Valentino die eigene Handschrift.

© SZ vom 17.02.2020
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