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Mediaplayer:Endstation Sehnsucht

Stallone als Draufgänger Kosmo im New York des Jahres 1946.

(Foto: Koch Films)

Erst als er mit "Rocky" zum Star geworden war, durfte Sylvester Stallone sein Drehbuch "Vorhof zum Paradies" verfilmen. Jetzt gibt es das Regiedebüt auf DVD.

Von David Steinitz

Noch bevor sich Sylvester Stallone Mitte der Siebzigerjahre den Underdog-Boxer Rocky Balboa ausdachte, schrieb er ein Drehbuch mit dem Titel "Hell's Kitchen". Die Geschichte spielte im gleichnamigen Armenviertel von New York kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, 1946 - Stallones Geburtsjahr. Der Film sollte von drei unterschiedlichen Brüdern erzählen, Italoamerikanern, die sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen und davon träumen, es aus dem Großstadtslum hinaus in die Welt zu schaffen. Eine klassische Aufsteiger- und Durchboxer-Geschichte also, wie er sie später in diversen Variationen erzählt hat, allein: Damals war Stallone noch nicht Stallone. Erst der große kommerzielle Erfolg von "Rocky" (1976) ermöglichte es ihm, das alte Drehbuch aus der Schublade zu holen und es sogar selbst inszenieren zu dürfen. Es war sein Debüt als Regisseur. Die Story bekam einen neuen Titel - "Paradise Alley/Vorhof zum Paradies" und kam 1978 ins Kino. Jetzt erscheint der Film, leider ein bisschen in Vergessenheit geraten, in Deutschland auf DVD und Blu-Ray.

Er war damals kein Sensationserfolg wie "Rocky", aber auch keine Blamage am Box Office, wenngleich Stallone mit dem Endergebnis nie recht zufrieden war. Das Studio bewilligte die Finanzierung erst, nachdem er sich bereit erklärte, einen der drei Brüder zu spielen, obwohl er bei diesem Projekt lieber nur hinter der Kamera gearbeitet hätte. Und hinterher redeten die Produzenten, laut Stallone, ein bisschen zu viel beim Schnitt mit. Auch am Set, erzählte er später, habe er sich auf dem Regiestuhl deplatziert gefühlt und vergessen, "Action" zu rufen, weshalb die Crew oft minutenlang ratlos herumgestanden hätte.

Schaut man sich "Vorhof zum Paradies" heute an, beeindruckt der Film aber immer noch durch eine Kraft und Intensität, die der Rocky-Legende in nichts nachsteht. Für ein Regiedebüt wirkt er trotz der Bedenken seines Schöpfers sogar mit erstaunlich sicherer Hand inszeniert, mit einem guten Gespür für die verrauchte und verbitterte New Yorker Nachkriegs-Tristesse. Lenny, der älteste der drei Brüder, schlägt sich mit einem obskuren Job als halblegaler Leichenbestatter durch, er ist Kriegsveteran und versehrt, verbittert hinkt er an seinem Stock durch die kalten Straßen. Der mittlere Bruder Cosmo (Stallone) ist ein Gauner mit etwas zu viel Selbstbewusstsein und versucht jeden Tag mit neuen Tricks, den Leuten ein paar Cent aus der Tasche zu locken, zum Beispiel als blinder Bettler verkleidet.

Victor, der jüngste, größte und kräftigste der drei Brüder, ist ein Vieh von einem Mann. Er verdingt sich in dieser Vor-Kühlschrank-Zeit mit dem Ausliefern von großen Eisblöcken, die er mit einer gewaltigen Säge aus noch größeren Eisblöcken herausschneidet und dann mit zwei Eisenhaken auch in die obersten Stockwerke des Viertels schleppt. Die drei wohnen zusammen in einem beengten, heruntergekommenen Apartment, führen eine triste Existenz, ohne dass ihnen eine vernünftige Exit-Strategie für diese Situation einfallen würde.

Als sie eines abends in einem Nachtclub einen Ringkampf sehen, glauben sie, endlich die Lösung für all ihre Probleme gefunden zu haben. Der starke Victor soll an Preiskämpfen teilnehmen, der schlaue Lenny übernimmt die finanzielle Seite des Geschäfts, und der gewiefte Cosmo trainiert ihn. Wie Stallone das Ringen der Männer um ein besseres Leben ins Ringen im Ring übersetzt, ist astrein. Der Schweiß, das Blut, die Körper, die unter der Anstrengung zittern - bestes Actionhandwerk.

Noch eindrucksvoller gelingt ihm aber die Hexenkessel-Atmosphäre des Stadtviertels Hell's Kitchen, in dem keiner freiwillig leben will. Der Winter zieht durch jede Fensterritze, die Öfen sind klein und wenig effektiv, das Essen ist knapp und schlecht, der Umgang auf der Straße aggressiv. Das Bilderbuch-Manhattan-New-York blitzt nur ab und an als ferne, unerreichbare Skyline im Hintergrund auf, wenn Cosmo sich auf dem Hausdach eine neue Zigarette ansteckt. Apropos, Tom Waits hat in diesem Film seinen ersten Auftritt als Schauspieler, natürlich Kette rauchend, mit Whiskeysäuferstimme seufzt, lallt und röhrt er einige der schönsten Songs des Films.

Vorhof zum Paradies ist auf DVD und Blu-Ray erhältlich (ab 9,99 Euro).

© SZ vom 22.01.2018

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