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Mediaplayer:Ein kleiner Messias-Komplex

Johnny Cash vereinte Außenseiter-Image mit Establishment-Treue.

(Foto: Youtube)

Auf Youtube ist die Doku "The Gift" zu sehen. Sie rekonstruiert mit hervorragend aufbereiteten Archivaufnahmen das Leben von Johnny Cash und seine Apotheose zum US-Helden.

Vor ein paar Jahren konnte man bei H&M T-Shirts mit dem Gesicht von Johnny Cash kaufen. Und dem von Kurt Cobain. Und dem von Bob Marley. Popstars also, die vielen viel bedeuten, deren Konterfei heute oft aber eher Mode als Musik signalisiert. Bei Cash ist das kein Wunder, denn der ist posthum ziemlich dominant: als mittelfingerreckender Hüne auf Plakaten, als Reliquienstifter im Cash-Museum Nashville, als Joaquin Phoenix in "Walk the Line".

Umso größer ist die Versuchung der papageienhaften Nacherzählung. Paradoxerweise verspürte die sogar Cash selbst. "Burlesquing myself" nennt er das in Thom Zimnys Dokumentation "The Gift", die gerade im kostenlos verfügbaren Teil von Youtubes Film- und Serienangebot erschienen ist. In einem Audioclip erklärt Cash, er habe in den Achtzigern den fatalen Fehler gemacht, sich selbst nachzuahmen. Der erblassende Star wollte so klingen wie sein Alter, also jüngeres, Ego. Spätestens da wird einem die Macht der Marke bewusst.

Die Gefahr der Wiederholung bestehender Ansichten existiert auch in Musikerdokus. Und wie das bei solchen Filmen üblich ist, reihen sich in "The Gift" Popgrößen von Emmylou Harris bis Rick Rubin zum lobenden Peer-Review auf. Einen neuen Cash bekommt man nicht, zumindest aber neues Material, auch dank hervorragend aufbereiteter Archivaufnahmen. Darunter sind Interviewkassetten, die Patrick Carr, Ghostwriter von Cashs Autobiografie, Mitte der Neunziger aufnahm. Cash erzählt darauf vom titelgebenden "gift", als das seine Mutter seine Stimme bezeichnete.

Cash wird also nicht selbst als Geschenk präsentiert, sondern vielmehr als Beschenkter - mit einer vollen Bassstimme, mit vollen Konzertsälen. Was er aus diesen Privilegien machte, war oft wenig heroisch, wie seine Tochter Rosanne schildert. Später gestand Cash sich den furchtbaren Jähzorn ein, unter dem seine Familie litt, wenn er bis zu 100 Pillen mit Amphetaminen und Barbituraten geschluckt hatte.

Thom Zimny kennt sich aus mit Männern, die die manische Apotheose der US-Popkultur hinter sich haben. Zuletzt filmte er Bruce Springsteens Residenz am Broadway, davor hatte er eine Dokumentation über Elvis Presley gemacht. Dass alle drei, Springsteen, Presley und Cash, längst mit huldvollen Beinamen ausgestattet worden sind (Boss, King, Man in Black), zeigt die außerirdischen Erwartungen ihrer Fans. Im Film formuliert Springsteen das am reflektiertesten: "Die meisten erfolgreichen Künstler haben einen kleinen Messias-Komplex, eine Art survivor's guilt. Du wurdest nicht nur gerettet, du kannst selbst Leute retten." Auf Cash traf das alles zu. Den Tod seines großen Bruders Jack verwand er nie. Nachdem dieser mit 15 Jahren bei der Arbeit verunglückt war, machte Cashs Vater ihm den bitteren, irrationalen Vorwurf, Jack nicht dazu überredet zu haben, an dem Tag die Arbeit zu schwänzen.

Was macht also ein berühmter Sänger, der etwas wiedergutmachen will? Er wendet sich an Gott, in Cashs Fall verkörpert durch den evangelikalen Pastor Billy Graham, "das Maschinengewehr Gottes", auf dessen "Kreuzzügen" Cash mit seiner zweiten Frau June Carter auftrat. Die enge Freundschaft mit Graham wird leider nur angerissen. Angesichts der Tatsache, dass der jetzige US-Präsident von eben jenen weißen Evangelikalen ins Amt getragen wurde, die seinerzeit Grahams und Cashs Kernpublikum waren, hätte man gern mehr darüber erfahren.

Natürlich war Cash kein prototypischer Trumpianer. Er setzte sich für Minderheiten ein und lud trotz Drohungen des KKK schwarze Musiker in seine TV-Sendung ein. Bedenkt man Cashs widersprüchliche Haltung zwischen Establishment-Treue und Außenseiter-Image ist es allerdings hinderlich, dass Zimny in gut 90 Minuten den ganzen, in sich schlüssigen Cash abbilden will, nicht nur, sagen wir, den Billy-Graham-Cash oder den American-Recordings-Cash. Zur Ergänzung sei der Netflix-Film "Tricky Dick & The Man in Black" von 2018 empfohlen, der sich auf Cashs Auftritt 1970 bei Richard Nixon konzentriert. Er verdeutlicht, was "The Gift" in Konturen zeigt - dass Cash der Inbegriff eines institutionellen Amerikanischseins war und zugleich dessen Ungerechtigkeiten anprangerte.

The Gift ist auf Youtube zu sehen.

© SZ vom 25.11.2019
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