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Max Weber in München:Cato oder Plato?

Am 14. Juni 1920 starb Max Weber in München. Seine letzten Schwabinger Worte sind überliefert. Aber was wollte er sagen? Über Wahres, Wahrheit und den Rausch der Wissenschaft.

Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel und der universalgelehrte Soziologe Max Weber sind zwei Pandemieopfer: Opfer der Cholera beziehungsweise der Spanischen Grippe. Sie starben noch nicht, wie heute manche Covid-19-Patienten, auf einer Isolierstation, und deshalb sind von beiden letzte Worte überliefert. Beide sind akademische Jubilare des Sommers 2020: Wir feiern Hegels 250. Geburtstag am 27. August und Webers 100. Todestag jetzt am 14. Juni. Weber verstarb in München-Schwabing, in der Seestraße, nahe am Englischen Garten.

Hegel war 1831 verfrüht aus der Sommerfrische vor dem Halleschen Tor an den Berliner Kupfergraben zurückgekehrt, wo ihn die Cholera holte. Heinrich Heine berichtete in seinem Essay "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland" 1834: "Als Hegel auf dem Todbette lag, sagte er: 'nur Einer hat mich verstanden', aber gleich darauf fügte er verdrießlich hinzu: 'und der hat mich auch nicht verstanden'".

Hegels Biograf Karl Rosenkranz überlieferte es 1844 sehr anders: Die Gattin schrieb an Christiane Hegel, die 1832 ins Wasser ging, dass ihr Bruder Krankenbesuche verboten hatte und selbst "seine liebsten Freunde nichts von Ferne" ahnten: "Keiner sah ihn mehr, außer Geheimrath Schulze, den ich in meiner Herzensangst zu seinem Tode berief." Nur zwei Ärzte waren ansonsten noch am Sterbebett. Rosenkranz erreichte die Todesnachricht verspätet in Halle.

In seinem erstaunlichen "Satyrdrama" "Das Centrum der Speculation", einer Satire auf die Nachfolgestreitigkeiten nach Hegel, ließ Rosenkranz sich die gut erfundene Heine-Legende wider besseres Wissen nicht entgehen: Hegel habe sich undeutlich "darüber ausgesprochen, wer fortan / An seiner Stelle nun orakeln soll. / Nur Einer, seufzt' er, hat von Allen mich / Verstanden; Einer. Nämlich, ach! Es hat / Mich dieser Eine missverstanden."

"Das Wahre ist die Wahrheit" - "Ach Kinder nun lasst es nur, es hilft ja doch nichts."

Hegels letzter Seufzer galt demnach am 14. November 1831, in einer späten Herbstwelle, nicht der letzten Krankheit und Cholera, sondern mehr dem Missverstehen der Dialektik, dem wahren Leid aller Schulphilosophen.

Max Weber in Lauenstein / Foto 1917

Seine Thesen und Formulierungen werden in vielen Wissenschaften bis heute diskutiert: Max Weber (1864-1920) im Jahr 1917 in Lauenstein.

(Foto: A.Bischoff/akg-images/dpa picture-alliance)

Am 14. Juni 1920, vor 100 Jahren, verstarb Max Weber einige Tage nach seiner Erkrankung in München an der Spanischen Grippe. Auch er war ein spätes Opfer der Pandemie, die, vermutlich von französischen Kriegsgefangenen eingeschleppt, 1918 bereits ohne kriegsentscheidende Wirkung und besondere Quarantäne-Maßnahmen durch Deutschland gezogen war und langsam verebbte. Seine Witwe Marianne Weber schloss mit ihrem Bericht von den letzten Tagen des "Gefährten" das letzte Kapitel ihrer apotheotischen Biografie ab ("Max Weber. Ein Lebensbild", 1926). An den damaligen Reichstagswahlen vom 6. Juni 1920, in denen die sozialliberale Weimarer Koalition ihre Mehrheit verlor, nahm Max Weber schon keinen Anteil mehr, obgleich er mit der DDP vielleicht gerne Berufspolitiker geworden wäre. Wer zuletzt am Münchner Totenbett war, lässt Mariannes Bericht etwas offen:

"In der letzten Nacht nennt er den Namen Catos und sagt mit unergründlichem Geheimnis in der Stimme: 'Das Wahre ist die Wahrheit.' - Was Menschenkraft tun kann, um ihn dem Tod zu entreißen, geschieht. Er lässt sich alles geduldig gefallen - dann sagt er: 'Ach Kinder nun lasst es nur, es hilft ja doch nichts.'"

Der Plural "Kinder" deutet darauf hin, dass neben der Gattin wenigstens die Münchner "Freundin" und Geliebte Else Jaffé, geborene Freiin von Richthofen, noch anwesend war. Dass Weber zuletzt den Namen des alten Römers Cato genannt haben soll, ist höchst verwunderlich. Marianne zitierte damit noch einmal republikanisches Pathos und römische Gesinnung herbei, vielleicht auch Kritik des Kaisertums. Das antike Rom war für Max Weber zwar ein rechtshistorisches Forschungsthema und ein Spiegel des wilhelminischen Kaiserreiches, republikanische Pflichten aber hatte er zuletzt am 6. Juni mit den Reichstagswahlen eher vernachlässigt und versäumt.

Legt der Kontext des Zitates nicht eigentlich vielmehr nahe, dass Marianne Weber sich schlicht verhört hat und ihr Mann statt von "Cato" (dem älteren oder jüngeren) von "Plato" sprach? Verkündigte er "mit unergründlichem Geheimnis in der Stimme" also seine letzte Lehre oder Lektion von Platos "Wahrheit"? Dazu hatte Weber sich in seinem 1919 publizierten Münchner Vortrag "Wissenschaft als Beruf" sehr grundsätzlich geäußert. Dort sprach er unter Berufung auf Platon vom "Rausch" der Wissenschaft; er betonte das "Sinnproblem", dass der wissenschaftliche Fortschritt eine "Entzauberung der Welt" bewirkt habe, die den Menschen umso schärfer mit den letzten unlösbaren Fragen konfrontierte. Ähnlich wie Friedrich Nietzsche skizzierte Weber den Prozess der Entzauberung dann von Platons Höhlengleichnis und vom "logischen Schraubstock" her als Enttäuschungsgeschichte:

Bürger in der entzauberten Welt

"Ich bin jetzt Münchener, Bayer, Beamter Deiner Regierung", schrieb der 55-jährige Max Weber 1919 an seine ehemalige Schülerin Else Jaffé-von Richthofen. Da man ihn als Professor für Gesellschaftswissenschaft, Wirtschaftsgeschichte und Nationalökonomie an die Ludwig-Maximilians-Universität berufen hatte, zog er nach München. Am 12. Juni 1919 traf er mit einem Koffer voller Manuskripte in der Stadt ein, die er gut kannte, vor allem ihr Kunst- und Musikleben. Hier hielt er seine großen Reden, etwa über "Deutschlands weltpolitische Lage" im Jahr 1916 oder am 4. November 1918 über die politische Neuordnung Deutschlands oder die klassisch gewordenen Vorträge über "Wissenschaft als Beruf" (1917) und - im Januar 1919 - "Politik als Beruf". Am 14. Juni 1920 starb der Gelehrte überraschend in München.

Vom 15. Juni bis zum 22. September zeigt die Münchner Seidlvilla die große Ausstellung "Bürgerwelt und Sinnenwelt. Max Webers München" (www.seidlvilla.de), die Eröffnung wird im Livestream zu sehen sein (www.youtube.com/c/münchner_volkshochschule), die Bayerische Akademie der Wissenschaften bietet einen virtuellen Rundgang an (www.badw.de) sowie einen aufschlussreichen Podcast über "Politik als Beruf". Die Politikwissenschaftlerin und Generalredaktorin der Max-Weber-Gesamtausgabe Edith Hanke spricht darin über Webers Notizen zum Vortrag, deren Original über dreißig Jahre verschollen war, über Gesinnungs- und Verantwortungsethik, über Leidenschaft und Augenmaß.

Zum 100. Todestag Max Webers in diesem Juni erscheint im Mohr-Siebeck-Verlag der Band "Praktische Nationalökonomie. Vorlesungen 1895 - 1899", herausgegeben von Hauke Janssen in Zusammenarbeit mit Cornelia Meyer-Stoll und Ulrich Rummel. Es ist der zweite Band der Abteilung III der Max-Weber-Gesamtausgabe, die damit nach jahrzehntelanger Arbeit abgeschlossen wird. Sie bietet Webers Werk vollständig und nach historisch-kritischen Grundsätzen. Sie umfasst drei Abteilungen: Reden und Vorträge, Briefe, Vorlesungen und Vorlesungsnachschriften. Die Ausgabe wird seit 1975 von der Kommission für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften betreut. Die ersten der insgesamt 47 Bände erschienen im Jahr 1984. SZ

"Was ist unter diesen inneren Voraussetzungen der Sinn der Wissenschaft als Beruf, da alle diese früheren Illusionen: 'Weg zum wahren Sein', 'Weg zur wahren Kunst', 'Weg zur wahren Natur', 'Weg zum wahren Gott', 'Weg zum wahren Glück', versunken sind. Die einfachste Antwort hat Tolstoj gegeben mit den Worten: 'Sie ist sinnlos, weil sie auf die allein für uns wichtige Frage: 'Was sollen wir tun? Wie sollen wir leben?' keine Antwort gibt'."

Ist das satirische Metaphysikkritik? Schwabinger Dadaismus?

"Wissenschaft als Beruf" pries die Wissenschaft dennoch als "Rechenschaft" vom "Schicksal", "in einer gottfremden, prophetenlosen Zeit zu leben". Mit seinen Worten am Totenbett scheint Max Weber sich nun auf diese Überlegungen zu beziehen. Wenn er zuletzt sagte: "Ach Kinder nun lasst es nur, es hilft ja doch nichts", scheint er am Ende dabei Tolstoi zuzuneigen. Übersetzte Weber seinen Sinnlosigkeitsbefund hier in einen Nonsenssatz? Formulierte er eine letzte sinnskeptische Geste? Bestätigte oder dementierte er seine Wissenschaftslehre?

Webers Tautologie "Das Wahre ist die Wahrheit" spielt mit zwei Formen der Substantivierung eines Adjektivs. Die Worte sind korrekt, der Satz selbst aber ist schwerlich sinnvoll. Platon wird üblicherweise, nach neuplatonisch überlieferter Dogmatik, eine Einheit des Guten, Schönen und Wahren unterstellt. Hat Max Webers semantische Verschiebung vom "Wahren" auf die "Wahrheit" irgendeine sachliche Bedeutung? Ist das satirische Metaphysikkritik? Schwabinger Dadaismus?

Der hermetische Gestus des "unergründlichen Geheimnisses in der Stimme" laut Marianne Webers Bericht deutet auf performative Wiederverzauberung hin. "Charisma" und "charismatische Legitimität" waren zentrale Kategorien von Webers Werk. Die "revolutionäre" Macht des Charismas sah Weber dabei ambivalent. So galt er als Antipode des "charismatischen" Dichters Stefan George, der seine Poesie als Kunstreligion zelebrierte. Betrieb Weber nun selbst Mystagogie? Weber ist nicht gerade als witziger Ironiker bekannt. Ersetzt man "Cato" aber durch "Plato" und stellt das rätselvolle Diktum in den Kontext von "Wissenschaft als Beruf", dann werden die letzten Worte Max Webers doch leidlich sinnvoll und gewichtig. Marianne Webers Bericht könnte dann vielleicht sogar zutreffen und hätte eine anekdotische und orakelnde Kraft, wie sie die legendären Worte Hegels ebenfalls haben.

Reinhard Mehring, Politologe und Philosoph, ist Professor an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Zuletzt erschienen seine Bücher "Thomas Manns philosophische Dichtung" und "Die neue Bundesrepublik. Zwischen Nationalisierung und Globalisierung" (beide 2019).

© SZ vom 12.06.2020

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