Maritimes Museum Hamburg Distanzlos

Heute wird in Hamburg das "Maritime Museum" eröffnet. Warum dort der U-Boot-Krieg verherrlicht wird und sich Sammler Peter Tamm verzettelt hat.

Von Till Briegleb

Besonders die jungen Leute sollen in seinem Internationalen Maritimen Museum in Hamburg, das am Mittwoch von Bundespräsident Horst Köhler eröffnet wird, etwas lernen, betont der Sammler Peter Tamm. Dass Schifffahrt Völkerverständigung sei, könne man auf den zehn Decks des sensibel umgebauten Speichers in der Hamburger Hafencity erfahren.

Jahrzehnte lang hat der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Verlages Material zur Seefahrt - darunter Militaria, Nazi-Insignien und Modellschiffchen - gesammelt, das er in einer imperialen Villa an der Elbchaussee untergebracht hatte. Das Kind im Mann schien sich hier manisch auszutoben.

Als seine ehemalige Angestellte, die Bild-Kolumnistin Dana Horáková, 2002 Hamburger Kultursenatorin wurde, wurde auch der lang gehegte Wunsch Peter Tamms, seine Sammlung in ein Museum umzuwandeln, endlich Wirklichkeit.

Stadt gab 30 Millionen Euro

Die Stadt überließ Tamm den ältesten Hafenspeicher, den Kaispeicher B, für 99 Jahre umsonst, und gab 30 Millionen zum Umbau. Tamm gründete eine Stiftung für seine Sammlung und entwickelte ein Konzept, nach dem das Museum jährlich 150.000 Besucher braucht, um seine Betriebskosten einzuspielen.

Die Kritik, die anlässlich dieser Entscheidung an der Qualität und dem pädagogischen Wert von Tamms Sammlung sowie an gewissen Berührungspunkten Tamms zu Personen von zweifelhafter demokratischer Gesinnung geäußert wurde, schmetterte der Verlagspatriarch stets ab.

Man werde bei der Eröffnung schon sehen, dass das Material historisch-kritisch aufbereitet sei. Er wolle die "Wahrheit ohne Voreingenommenheit zeigen".

Verengtes Geschichtsbewusstsein

Doch diese "Wahrheit ohne Voreingenommenheit" zeigt sich nun auf 12.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche in genau dem verengten Geschichtsbewusstsein, das der Sammlung verdachtsweise immer anhing.

Was man dort nämlich faktisch lernen kann, ist, wer mit 196 Schiffen die meisten Versenkungserfolge in der Geschichte des U-Boot-Krieges vorzuweisen hat und wie toll die Kameradschaft auf einem deutschen Kriegsschiff der Nazizeit war.

Sachliche Information besteht aus unkritischer Kolonialgeschichte und ausführlichen Erinnerungen der kaiserlichen Admiralität, deren Ordensnachlass und Hutschachteln dazu noch prunkvoll inszeniert werden.

Statt die Gräueltaten der Herrenmenschen in Afrika und Europa zu dokumentieren, beschreibt die Ausstellung lieber in ermüdender Ausführlichkeit die technischen Details von Torpedos und Panzerschiffen.

Fetischhafte Distanzlosigkeit

Dabei verrutscht das Deutsch aus Militaria-Katalogen, das die Hinweisschildchen dominiert, auch gerne mal ins technokratisch Entwürdigende, etwa wenn in der einen kleinen Schautafel, die die Sklaverei behandelt, ihre Notwendigkeit so erklärt wird: "Mit der Eroberung amerikanischer Kolonien wuchs der Bedarf an billigen Arbeitskräften. Um die hohe Sterberate unter Indianern auszugleichen, bediente man sich bald afrikanischer Sklaven". In dieser Form könnte das ein Zitat aus einem US-Schulbuch sein.

Es ist nicht nur die nahezu vollständige Ausblendung der menschlichen Leidensgeschichte, das Verharmlosen des Krieges als technische Entwicklungsleistung und das totale Versagen bei der historisch-kritischen Differenzierung, die diese gigantische Ausstellung so zweifelhaft macht.

Die gesamte Sammlung repräsentiert mit großer Distanzlosigkeit das fetischhafte Verhältnis Tamms zu seinen Objekten. Riesige Vitrinen mit unkommentierten Kriegsorden, in deren Zentrum tatsächlich die NS-Orden prominent platziert sind, ein Heer uniformierter Schaufensterpuppen und Schiffsmodelle sind lediglich eine Demonstration von Sammelzwang, aber kein brauchbares Museumskonzept.

Fatales Zeichen

Die staatliche Unterstützung und die Würde, die der Bundespräsident dieser Eröffnung mit seiner Anwesenheit verleiht, sind angesichts des dubiosen Inhalts des Museums ein fatales Zeichen. Wenn Herrschaftsgeschichte wieder Opfergeschichte aus dem Museum verdrängt, ist Mahnung gefragt, nicht Salbung.