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Liebesgedichte von Marina Zwetajewa:Durch das Herz fährt eine Säge

Klangkaskaden und bewusst unsaubere Reime: die Dichterin Marina Zwetajewa

(Foto: Imago)

Die Liebe ist ein "Zweikampf zweier Willen": In den Liebesgedichten der russischen Dichterin Marina Zwetajewa leuchtet glanzvoll das bürgerliche Moskau der Jahrhundertwende auf.

Von Nico Bleutge

Die Liebe, heißt es bei Alexander Kluge einmal, ähnelt einem feinen Netzwerk, ausgespannt zwischen den Liebenden. Ein solches Gewebe reicht immer über die kleinen Pläne und Wünsche des Einzelnen hinaus. Wie ein Tier richtet sich das Lebewesen Liebe zwischen den Menschen ein - und die Welt der Liebenden verwandelt sich in ein großes symbiotisches Geflecht.

Für die russische Dichterin Marina Zwetajewa indes war die Liebe ein Kriegsgeschehen, ein "Zweikampf zweier Willen". Diese Formulierung erinnert entfernt an Rilkes "Panther". Und tatsächlich schreibt Zwetajewa in einem Brief zur Geburt ihres Sohnes, es gehe nun nicht mehr um die Ausschweifung, sondern darum, "das wilde Tier Liebe zu zähmen, den Panther unschädlich zu machen".

Der Panther aber wollte sich nicht zähmen lassen. Ein ganzes Gedicht-Leben lang streifte er um die ständig wechselnden Schreibtische, war für Zwetajewa Fluchtpunkt der Erfahrung und Bild für das Schreiben zugleich. Lebendigkeit lautet das Zauberwort, mit dem sie beide Bereiche vereinte. Lebendigkeit und "Leichtheit" aller Dinge. Nicht von ungefähr charakterisierte sie sich gerne als Meerschaum, wild, hell, flüchtig: "Ich rase / Hinauf in die Luft - und zerstiebe!"

Vor dem Einmarsch der Deutschen wird sie nach Jelabuga evakuiert

Doch die Liebe umfasste nicht nur die Euphorien des Erlebens und Schreibens, sie war von den ersten Gedichten an auch die Quelle von Trauer und Einsamkeit. Eben noch zarte Empfindungen, schon fährt "durch das Herz hin eine Säge", wie es in einem Vers von 1916 heißt. Wobei sich die Unterscheidungen erst im Nachhinein treffen lassen. In gleichem Maße, wie ihre hoch beweglichen Gedichte mit Widersprüchen und Fragen arbeiten, sind in der Schreibenden "alle Zwangslager-Leidenschaften / Zur einen geballt".

So gesehen ist das Motiv der Liebe durchaus geeignet, um einen Pfad durch Zwetajewas lyrisches Schreiben zu legen. Der Dichter und Übersetzer Ralph Dutli hat die Gedichte entlang der Zeitachse komponiert. Vom ersten großen Zyklus "Die Freundin", den Zwetajewa 1914/15 mit gerade 22 Jahren schreibt, hin zu späten Gedichten "an den Waisenjungen", womit der junge, lungenkranke Dichter Anatolij Steiger gemeint ist. Bis ins Jahr 1940 reicht die Auswahl.

"Doch in der Brust steckt mir und frisst / Der Schmerz, der älter als die Liebe ist", heißt es da. Eineinhalb Jahre später wird sie ihr Leben beenden. In Jelabuga, östlich von Kasan, wohin sie, müde, nahezu mittellos, nach dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion mit ihrem Sohn evakuiert worden ist.

Marina Zwetajewa: Lob der Aphrodite - Gedichte von Liebe und Leidenschaft. Aus dem Russischen übertragen und mit einem Essay von Ralph Dutli. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 232 Seiten, 24 Euro.

Verglichen mit der formalen Strenge der späten Gedichte wirkt der frühe Zyklus "Die Freundin" bei allen Rissen geradezu locker komponiert. Über neun Monate hinweg schreibt ihm Zwetajewa die Liaison mit der Dichterin Sofija Parnok ein. 17 Gedichte, die nicht nur den Jahreszeiten folgen, sondern in leichter Variation Stationen wie die erste Begegnung, Ausflüge, Krisen, Abschied, Erinnerung und die bleibende Einsamkeit umkreisen.

Nie mehr wieder wird Zwetajewa Glück und Verlorenheit der Liebenden so ausgeglichen gestalten, erst auf den Schluss zu wird das Ich auch formal von der Liebe und seinem eigenen Sprechen getrennt: "Vor dem Ende / Dieser Liebe sag / Ich dir". Und nie mehr wieder wird sie so viele Alltagsdetails in die Verse holen, von Interieurs und Kleidungsstücken bis hin zu den Waffeln auf dem Weihnachtsmarkt.

In der Beschwörung all der "Plüschplaids" und Pelze, im Schimpfen über "dumme Bauernweiber", während sich die Liebende an Teeduft und "Sèvres-Porzellan" erinnert, scheint noch einmal jene bürgerliche Welt Moskaus auf, aus der Zwetajewa kommt und die nur kurze Zeit später in der Revolution untergehen wird. 1912 hat sie den Offizierskadetten Sergej Efron geheiratet, der sich 1917 der antibolschewistischen "Weißen Armee" anschließt und bis über das Ende des Bürgerkriegs hinaus verschollen bleibt. Die Moskauer Hungersnot setzt Zwetajewa und der Familie sehr zu, ihre Tochter Irina muss sie in ein Kinderheim geben, wo die Kleine 1920 an Unterernährung stirbt. 1922 beginnt die Zeit des Exils: Berlin, Prag ("in Mokropsy, in einer Dorfhütte", wie sie in einem Brief schreibt), dann für 14 Jahre Paris.

Mit den bewusst unsauberen Reimen spielt sie die Intensität aus und bändigt sie zugleich

Beim Lesen der vielen Gedichte hat man bisweilen den Eindruck, jede Geliebte und jeder Liebhaber, jede angebetete Künstlerfreundin und jeder Künstlerfreund bekam einen Zyklus, egal ob es sich um Ossip Mandelstam handelte oder um die Schauspielerin Sonja Holliday. Als habe Zwetajewa, mit Thomas Mann gesprochen, Material gelebt - um die harte Realität mit der Imagination zu verbinden und um weiter Verse schreiben zu können, das Gedichtmaschinchen am Laufen zu halten für das "Himmelgeschenk Lied".

Besonders zeigt sich das an ihren Gedichten für Boris Pasternak. In dem großen Zyklus "Kabel" etwa verknüpft sie die nüchterne Metaphorik der Fernsprecher und Telegrafendrähte mit traditionellen poetischen Topoi und Anspielungen auf die griechische Mythologie. Und mehr noch senkt sie die Technik und den Stil der Telegramme auch der Form ihrer Verse ein, in Fügungen wie "Le - eb - wohl! Ver - zeih!" oder "Ke - ehr - um!"

Pasternak, für den Zwetajewa wahlweise "Herzensluft" und ein "Wasserfall von Existenz" ist, antwortet auf den zugesandten Zyklus in einem Brief, in dem er die Kabel-Metaphorik aufnimmt: "Durch den Alltag wird Strom hindurchgelassen, wie durch Wasser. Und alles polarisiert sich." Doch seine Idee von "Elektrizität als dem grundlegenden Stil des Universums" scheint weit mehr auf Versöhnung und Nähe ausgerichtet als Zwetajewas Vorstellung im Gedicht. Bei ihr ist in beinahe jedem Vers von "Pfählen" und "Seufzern" die Rede, gleichwohl wird das "Wehmut-Wimmern" immer wieder mit anderen Tönen ausbalanciert.

Es ist eine Kunst für sich, wie sie dieses Gleichgewichtsspiel formal umsetzt. Nicht nur versieht sie die Verse mit Auslassungspunkten, Ausrufezeichen, Doppelpunkten und Gedankenstrichen, um so Pausen, Betonungen und rhythmische Brüche zu markieren (von jeher eines ihrer liebsten Verfahren), sie thematisiert den Riss im Metrum auch und verwandelt die technischen Kabel in "hochgespannte / Lyrische Leitungen".

Dazu baut sie manchmal ganze Klangkaskaden auf und verwendet bewusst unsaubere Reime. So gelingt es ihr, Intensität auszuspielen und zugleich zu bändigen, Trennungen und Gegensätze stark zu machen und doch momenthaft zusammenzubinden, der Logik von Träumen vergleichbar, über die sie einmal schreibt: "Alle Vereinzelung - vom Schlaf vereint." Ralph Dutli hat die Binnenspannung der Verse gut im Deutschen nachgebildet.

Man muss die vielen Selbstverwandlungen in Figuren aus dem Mythos mögen, bald ist die Sprecherin Ariadne, bald Psyche oder Eurydike. Auch der auf Dauer gestellte hohe Ton ist gewöhnungsbedürftig. Zum Glück versuchte Zwetajewa nicht nur in den Kabel-Gedichten, Störmomente in die Verse einzubauen, indem sie Fachbegriffe verwendete oder einfach Wörter erfand. Über Bande gespielt scheinen so nicht zuletzt die Brüche der Zeit in den Gedichten auf.

Der Vers war ihr zugleich Waffe und Medium der Selbstgestaltung, ein Überlebensmittel auch. "Als man mir in der Revolution das Geld auf der Bank wegnahm, widersprach ich nicht, denn ich empfand es nicht als das meine", schreibt sie 1931 in einem Prosatext. Solange ihr nur die Gedichte blieben. 1939 kehrte sie in die Sowjetunion zurück. Ihr Mann wurde verhaftet, die Tochter kam ins Arbeitslager. Der Mangel an Freiheit, die Armut und die Gefahr, die Möglichkeit des Schreibens zu verlieren, setzten ihr immer stärker zu. "Es ist Zeit, dem Schöpfer die Eintrittskarte zurückzugeben", notiert sie zwei Jahre vor ihrem selbst gewählten Tod. Doch trotz aller Schwere ahnte sie, dass etwas ganz Entscheidendes von ihr bleiben würde: "Und wenn ich dennoch - Schulter, Knie, Flügel / Gepresst - dem Friedhof mich einst anvertrau, / So nur, um lachend jeden Moder zu betrügen / Und aufzustehn - als Vers, als Rosenstrauch!"

© SZ/fxs
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