Tanztheater und Feminismus:Mutig im Leben

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Tanztheater und Feminismus: Eine Szene aus Annett Göhres fulminantem Tanzabend "Marie! Romy! Petra!" in Zwickau.

Eine Szene aus Annett Göhres fulminantem Tanzabend "Marie! Romy! Petra!" in Zwickau.

(Foto: André Leischner)

Der Choreografin Annett Göhre gelingt in Zwickau eine grandiose Hommage an drei starke Frauen: Marie Curie, Romy Schneider, Petra Kelly.

Von Dorion Weickmann

Auf den ersten Blick sieht es gar nicht so schlecht aus: Zum ersten Mal Frauen an der Spitze des Außen- wie des Innenministeriums, der EU-Kommission, des Internationalen Währungsfonds, demnächst auch der Bundes­agentur für Arbeit und des Gewerkschaftsbundes. Beim zweiten Blick tritt Ernüchterung ein: Belén Garijo, CEO des Pharmakonzerns Merck, ist im DAX allein auf weiter Flur; keine fünfzehn Prozent der Posten in deutschen Unternehmensvorständen werden von Frauen besetzt, und in der Kultur haben immer noch mehrheitlich Männer das Sagen. Dagegen wird Care-Arbeit fast zur Gänze von Frauen geleistet, was im Lockdown prompt zum Gender-Backlash führte. Eine intellektuelle Emanzipationspionierin wie Simone de Beauvoir ist so weit aus dem Gesichtsfeld verschwunden, dass sie regelrecht wiederentdeckt werden muss - demnächst mit einer Schau der Bundeskunsthalle in Bonn.

Dort, in der Hauptstadt der alten BRD, lebte bis 1992 eine Frau, deren Namen Zwanzigjährigen nichts mehr sagt. Obwohl Petra Kelly eine Hoffnungsträgerin war, eine Galionsfigur der Grünen. Vor zwanzig Jahren wurde sie im Schlaf von ihrem Lebensgefährten Gert Bastian erschossen. Im Theater Zwickau steht nun eine Wiedergängerin Kellys auf der Bühne - Seite an Seite mit zwei weiteren Frauen, die aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht wegzudenken sind: Marie Curie, erste Nobelpreisträgerin für Chemie, und Romy Schneider - Beruf: Filmschauspielerin. Ein durch und durch auratisches Geschöpf, das die Choreografin Annett Göhre von jeher fasziniert hat. Göhre hat sich vorgenommen, das Trio aus Wissenschaft, Kultur und Politik mit den Mitteln des Tanzes zu porträtieren - ein reichlich ambitioniertes Unterfangen.

Drei quadratische Kästen schälen sich aus dem Dunkel. In der mittleren Kammer blinzelt eine Frau in verspiegelte Wände. Sie trägt rote Hosen, schwarzes Top, eine modisch selbstbewusste Montur. Trotzdem wirkt sie verunsichert und einsam. Sekunden später öffnen sich Wandschlitze, gierige Hände drängen herein. Nicht zwei oder drei, sondern acht, neun, zehn. Sie werfen Schatten, verdoppeln sich in den Spiegeln, schlängeln und züngeln nach der Frau, die sich wie ein schutzloses Tier verkriechen will. Aber da ist kein Platz, kein Ort, den die Zudringlichkeit nicht erreicht. Also stürzt die Bedrängte aus der Box, hastet an die Rampe, wo eine Ballschönheit in elfenbeinfarbener Robe posiert: höfische Position, elegant gespreizte Armhaltung, starre Körperschablone. Der Versuch, das Prinzeschen beiseite zu schaffen, scheitert. Selbst ein Fußtritt bringt das Kunstwesen nicht zur Strecke. Es bleibt übermächtig, übermenschlich, unsterblich. Nicht totzukriegen.

Und doch ist da auch ein Quäntchen Leichtigkeit, Übermut dank Jazz und Swing. Bis zuletzt ein Schuss knallt

Beredter lässt sich Romy Schneiders lebenslanges Drama - ihre "Sissi"-Hypothek - nicht bebildern. Tatsächlich gelingt Annett Göhre und ihrer nur zehnköpfigen, an den Theatern von Plauen und Zwickau beheimateten Tanzkompanie mit "Marie! Romy! Petra!" ein überaus kluger und ästhetisch wohlgeformter Abend. Eine Hommage an drei starke Frauen mit Hang zur Selbstzerstörung: infolge bohrender Neugier (Curie), innerer Zerrissenheit zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Manie und Depression (manifest bei Schneider und Kelly). Es ist die weibliche Ambivalenz, die Göhre packend zu zeichnen versteht - als Spagat zwischen privater und öffentlicher Figur. Exemplarisch an Romy Schneider, die das "Sissi"-Image abzustreifen suchte, mit den prominentesten Filmregisseuren Frankreichs drehte - und dennoch das Unglück gepachtet zu haben schien: in der Liaison mit Alain Delon, dem Suizid ihres Ehemanns Harry Meyen, dem Unfalltod des gemeinsamen Sohnes. All das spielte sich vor den Objektiven der Paparazzi ab, lieferte Schlagzeilen und sorgte dafür, dass die Schauspielerin ihren Kummer im Alkohol ertränkte. Der Zorn, der in manchen ihrer Interviews aufblitzte, verfestigt sich in Göhres Inszenierung zum Leitmotiv. Gerade umgekehrt ist es bei Petra Kelly.

Geschichtssplitter, auf drei kleine Leinwände hoch oben im Bühnenportal gebannt: Vietnam, Woodstock, Flower-Power, RAF-Terror, Hausbesetzer und "Atomkraft - nein danke!"-Demos. Darunter kreiselt eine junge Frau vor sich hin, eine Getriebene mit quecksilbriger Körpersprache. Nur der Zeigefinger ploppt in regelmäßigen Abständen auf - "Achtung, wichtige Message!" Ihre Zelle liegt rechts außen und ist mit hunderten von Wandzetteln beklebt. Jeder macht eine Ansage, eine Aussage. Sobald andere Menschen auftauchen, gleicht die Begegnung einem Kräftemessen. Und doch ist da auch ein Quäntchen Leichtigkeit, Übermut dank Jazz und Swing. Bis zuletzt der Schuss knallt, der Petra Kelly aus dem Leben reißt. Was bleibt?

Die Friedens- und Menschenrechtsaktivistin Petra Kelly war die Greta Thunberg der 1980er-Jahre: ein anstrengendes Vorbild, dauerfurios und von missionarischem Eifer beseelt. Kelly verkörperte den Gegenentwurf zur grünen Toskana-Fraktion eines Joschka Fischer. Wer sich erinnert, wie ihre Augenringe Jahr um Jahr tiefer und die Momente ihrer Isolation größer wurden, der schaut gebannt auf Annett Göhres Kelly-Porträt. Wie überhaupt auf dieses weibliche Dreigestirn, in dem selbst die zeitlich weit entrückte Marie Curie leuchtet. Die Forscherin, die der Radioaktivität den Namen gab und sich von ihr zerfressen ließ. Getreu der Maxime: Fortschritt verlangt eben Opfer.

Annett Göhre zeichnet keine Opfer, keine Märtyrerinnen. Sondern Frauen, die sich mutig ins Leben stürzen - mit musikalischem Rückenwind von Nina Simone bis Maria Callas. "Marie! Romy! Petra!" ist Göhres Dernière in Zwickau und Plauen. Ende der Saison muss sie das Haus verlassen. Es kommt: ein Mann.

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