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Maria Rerrich "Die ganze Welt zu Hause":Wer sind die unsichtbaren Geister?

Die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern ist gescheitert: Maria S. Rerrich stellt die Dienstbotenfrage des 21. Jahrhunderts

Wir schauen nicht gern hin. Unser Leben und Arbeiten hinterlässt Spuren in den Räumen, in denen wir es angestrengt verrichten oder auch entspannt laufen lassen. Und kaum hat man ein bisschen gearbeitet oder gelebt, da sind sie auch schon wieder da, die munteren Wollmäuse auf dem Fußboden und die Staubkörner, die im Gegenlicht tanzen und sich auf unseren Sachen zur Ruhe legen.

Maria S. Rerrich, Die ganze Welt zu Hause. Cosmobile Putzfrauen in privaten Haushalten, Hamburger Edition, Hamburg 2006. 168 Seiten, 16 Euro.

(Foto: Foto: Hamburger Edition)

Aber mit der Beseitigung dieser Spuren, mit der Entfernung unseres Drecks also, verhält es sich etwa so wie mit der Fleischverarbeitung: Wenn wir sie schon als sogenannte Dienstleistung - dies ist ein Wort, das ganze Epochen und ihre Haltungen in sich vereint, nämlich eine willfährige Abhängigkeit einerseits und ein Vertragsverhältnis im Geiste des nüchternen Geschäftsverkehrs andererseits -, wenn wir sie also schon als Dienstleistung an andere abgegeben haben: dann soll diese Arbeit möglichst unsichtbar bleiben.

Wie die Heinzelmännchen

So gehen unzählige Büroangestellte an jedem neuen Morgen in ihr Reich der Zwecke, um es wie von Heinzelmännchen frisch instand gesetzt zu sehen. Gerade erst haben die Reinigungskräfte, deren Anfahrt bereits Stunden zurückliegt, den letzten Wisch gemacht, man riecht es, und wer sie noch abrücken sieht, ist irgendwie froh, dass sie jetzt weg sind.

So geht es auch denjenigen, die zu Hause putzen lassen: Wenn sie nicht alt, gebrechlich, einsam sind und deshalb nicht bloß für Hilfe, sondern auch für jede Zuwendung dankbar, wenn sie vielmehr Entlastung von ihrer zeitraubenden Beschäftigung suchen, dann finden sie es für gewöhnlich am angenehmsten, ihr Personal gar nicht zu treffen. Was zählt, ist das Geld, das man, vielleicht mit einem instruierenden Zettel, hingelegt hat, und das hygienische Ergebnis.

Und auch den Frauen, die den Dienst leisten - und es sind Frauen -, ist dies Arrangement in der Regel ganz recht. Gibt es ihnen doch in ihrem gleichfalls gehetzten Tag Gelegenheit, ihr Pensum ohne Behelligung zu bewältigen und dies zwischendurch mit ein wenig Selbstsein zu verbinden.

Das belegt die Geschichte von Jola, der polnischen Putzfrau: Der Akademiker, der sie beauftragt hatte, kam einmal an einem Sommertag früher als üblich heim; er vernahm aus seiner Wohnung laute Musik, sah die Vorhänge zugezogen und drinnen dann seine Putzfrau, mit dem Staubsauger hantierend, nackt bis auf die Unterhose. Sie hatte ihn nicht bemerkt; wenn es heiß sei, sagte Jola, putze sie immer unbekleidet.

Es gab einmal ein großes Versprechen der Moderne

Die Münchner Soziologin Maria S.Rerrich hat sich vorgenommen, was Aufgabe der Soziologie ist, das Hinschauen. Sie will mit einem Buch, das Feldstudie und Appell in einem ist, den Blick auf eine neue ,,weltweite, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkte Frauen-Bewegung'' richten.

,,Der Arbeitsmarkt Privathaushalt ist ein riesiger, komplex strukturierter Weltmarkt geworden'', schreibt sie, ,,und wer mit offenen Augen durch die Welt fährt, wird die ... Frauen, die in den privaten Haushalten arbeiten, an vielen Orten und auf allen Kontinenten antreffen. Denn so gut wie überall kann man inzwischen Haushaltshilfen aus der ganzen Welt bei der Arbeit im Haus entdecken - immer vorausgesetzt, man will sie wirklich wahrnehmen.''

Diese Wahrnehmung wird in Rerrichs Buch ,,Die ganze Welt zu Hause'' beispielhaft den Frauen gewidmet, die Deutschland sauber machen. Das sind mit wenigen Ausnahmen Frauen aus anderen Ländern, wie Polen oder Ecuador, und viele von ihnen bewegen sich in einem ,,doppelten Niemandsland'', weil sie, wie immer noch fast alle Putzfrauen in privaten Haushalten, ,,schwarz'' angestellt sind, und weil sie zudem keinen legalen Aufenthaltsstatus haben.

Die Autorin scheut sich nicht, im Gebiet ihrer oft nur scheinbar objektiven Wissenschaft ihre eigenen Erfahrungen offen beizubringen. Zum einen hat sie ,,ihr Leben selbst einmal als Illegale begonnen'', denn mit vier Jahren floh sie mit gefälschten Papieren, von Mutter und Schwester begleitet, vor dem sowjetischen Einmarsch in Ungarn, der sich in diesem Herbst zum fünfzigsten Mal jährt.

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