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Marc Deckerts Roman "Die Kometenjäger":Der Lichtverschmutzung entkommen

Sie wollen nach den Sternen greifen und kriegen doch den Hintern nicht hoch. Marc Deckerts gelungener Debütroman "Die Kometenjäger" begleitet zwei Freunde auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt. Ein Roadtrip durch Bayern und die USA - mit dem Kopf in den Wolken.

Matthias Waha

In einer Sommernacht mit einem verranzten japanischen Sportwagen über oberbayerische Landstraßen heizen und danach Sterne schauen - so müssen Freundschaften anfangen. Aus dem Radio mit Skalenzeiger kommen Stimmen aus aller Welt, glühen kurz auf und verschwinden wieder im Äther. Dann, als die Lichtverschmutzung der Zivilisation überwunden ist, stehen zwei Jungs in der Pampa und starren durch ein Teleskop. Philipp, Endzwanziger, Amateur-Künstler. Tom, Startzwanziger, Astro-Freak. Was die beiden verbindet, ist am Anfang nicht viel mehr als ihre für jedes Assessment-Center völlig ungeeigneten Biografien. Und eine Sehnsucht, die nicht recht weiß, nach was sie sich sehnt. So fliehen sie einfach unters Himmelszelt.

Tom hat ein seltsames Hobby, denn er jagt Kometen. Nacht für Nacht der Nervenkitzel, vielleicht der allererste Mensch zu sein, der einen neuen Schweifstern entdeckt. Als Belohnung heißt das Ding dann nach seinem Entdecker, wie etwa Shoemaker-Levy 9 (offiziell: D/1993 F2). Und Philipp, der Ich-Erzähler, schlittert zufällig in diese Kometenjäger-Szene hinein, als er für einen Illustrationsauftrag recherchiert. Doch Tom und die Sterne haben auf ihn eine Magnetwirkung, die ihn nicht mehr loslässt.

Seine Freundin Vera promoviert gerade in München, während er im beschaulichen Landsberg am Lech kleben bleibt, und beide sind in der von Liedermacher Rainald Grebe so schön besungenen Lebensphase: "Wie lange wir wohl noch zusammen sind? / Na, wir machen Schluss, oder ein Kind". Also, was soll's, Philipp wehrt sich erst gar nicht gegen den Sog der Nacht.

Vera wirft ihm dann Weltflucht vor, aber Weltflucht heute, geht das überhaupt? Das Horn der Postkutschen, das für die Romantiker die weite Welt verhieß, ist längst verstummt. Alles ist ja inzwischen ein globaler Paketdienst. Facebook und Individualreisen, amerikanische Fernsehserien und Smartphone-Spielchen, wie viel Flucht geht, wenn Millionen in dieselbe Richtung flüchten? Die Entscheidung für ferne Galaxien erscheint angesichts dessen als eine der letzten Möglichkeiten. Man selbst da unten und so klein, das glitzernde Universum da oben und so groß, wen kümmert da das nächste Großprojekt oder die Wäsche, die noch aufs Bügeln wartet. "Warum glaubst du, sehen sich Leute das an?", fragt Vera. Und Philipp: "Vielleicht, weil es nichts mit ihrem Leben zu tun hat."

Es geht in Marc Deckerts sehr gelungenem Debütroman "Kometenjäger" also nicht im Kern um Himmelskörper, wie der Titel vermuten lässt, sondern um Freundschaft und um die Suche einer Generation nach ihrem Platz in der Welt. Mit Letzterem kennt sich der einstige Neon-Textchef, Jahrgang 1970, ja aus, mit dem diffusen Lebensgefühl derjenigen, die zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig einfach nicht erwachsen werden wollen oder können. Doch steckt noch mehr dahinter: Das Kometen-Thema taugt grundsätzlich zur Erhellung anthropologischer Aspekte.

Der Weltraum hat mit Sehnsüchten zu tun, nach Größe und Unendlichkeit, und unwiderruflich auch mit der alltäglichen Ernüchterung, sich zu fühlen "wie ein Kinobesucher beim Verlassen des Saals". Dass Deckert diese Verbindung aktualisiert, ist seine große Leistung. Und so gelingt ihm ein Gegenwartsroman, der auch tatsächlich etwas über die Gegenwart auszusagen vermag.

Selbstgebaute Teleskope und die göttliche Transzendenz

"Kometenjäger" lässt sich vielleicht beschreiben als Mischung aus Wolfgang Herrndorfs Erfolgsroman "Tschick" und der Philosophie Hans Blumenbergs. Wie bei jenem geht es um den verrückten Road-Trip zweier ungleicher Freunde. Und wie bei diesem schwingt durch den ganzen Roman atmosphärisch die Melancholie über die Unausweichlichkeit der säkularisierten und technisierten Moderne. Auch wenn klar ist, dass es keine großen Geheimnisse und Ordnungen mehr gibt, muss man das erst einmal verarbeiten.

So ist das Halali der Kometenjäger, die mit selbstgebauten Teleskopen und bloßem Auge den Himmel absuchen, auch eine Auflehnung gegen den Fortschritt und Ausdruck einer Suche, die nicht unbedingt etwas mit Himmelskörpern zu tun hat. Kometen findet man ja auf Hawaii oder in Chile längst mit Riesenteleskopen, die mit computergesteuerten Suchprogrammen arbeiten. Im Roman heißt es: "Der Jäger näherte sich dem Himmel wie ein Bedürftiger. Er sehnte sich nach einem Blick auf die andere Seite, nach einer Erfahrung, die ihn vervollständigte." Die Astronomen-Clique erschaut die göttliche Transzendenz noch ganz wörtlich, nämlich mit dem Teleskop.

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