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Märchen:Kerle aus dem wilden Wald

Ein Sammlung Georgischer Märchen. Sie erzählen von Fuchs und Bär, von Ungeheuern aus der Urzeit und vom Paschgund, einem Riesenvogel aus der Unterwelt, und davon, dass Klugheit stärker ist als Körperkraft.

Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Märchen sind alt und erhaben, voll Zauber und Weisheit. Sie wurden vermutlich schon in Zeiten, als es noch nicht einmal Buchstaben gab, erzählt, und als man Wörter nicht nur schreiben, sondern auch drucken konnte, stand ein Märchenbuch neben der Bibel. Das reichte, Generation für Generation. Doch gerade, als Maschinen in Haus und Hof zu rattern begannen, als die Menschen weder an Gott noch an Riesen, Feen und Zwerge glaubten, begann das große Märchensammeln und damit das große Staunen darüber, dass nichts die Länder und Kulturen so verbindet wie die Märchenwelt.

Überall kichert eine Hexe im tiefen Wald. Überall tanzen Elfen auf mondweißen Wiesen. Überall ist es der dritte, von allen verspottete Sohn, der die Königstochter befreit. Überall gilt es, drei Fragen zu lösen, und wer eigensüchtig und raffgierig ist, versagt. Wer aber mit den Tieren spricht und sie als Geschöpfe wie du und ich behandelt und achtet, der hat nicht nur die Umwelt geschützt, sondern gewinnt das Königreich.

In Georgiens Märchengefilden geht es anders zu, weil die Geschichten zwar einem vertrauten Muster folgen, das Personal aber meist fremd ist. Wer heute oder vor Hunderten Jahren in diesem Land mit wirklich tiefen, tiefen Wäldern und Bergen, in deren Klüften es sicher von Zwergen gewimmelt hat, von ihnen und von Riesen und Drachen erzählt bekommen hat, dem öffnete sich nicht nur das Reich der eigenen Fantasie. Er lernte auch, dass Klugheit stärker ist als Körperkraft, dass Treue zur Freundschaft gehört, Geduld zu jeder Tat und Arbeit, und dass auch der Redlichste manchmal nicht ohne Lug und List ans Ziel kommt. Ja, es gibt genug Königstöchter und auch Könige, aber am liebsten haben die Großmütter in den georgischen Stuben ganz offensichtlich von Tieren erzählt. Denn in den Tiermärchen wird unumwundener davon berichtet, wie man in einer Zeit vor jeglicher bürgerlicher oder christlicher Moral die eigene Haut rettet.

Buchcover für die Literaturbeilage vom ET 9.10.2018

Der König, der nicht lachen konnte. Märchen aus Georgien. Aus dem Georgischen von Heinz Fähnrich und anderen. NordSüd Verlag, Zürich 2017. 151 Seiten, 20 Euro.

So sind am zahlreichsten in dieser Sammlung "Der König, der nicht lachen konnte" die Tiermärchen vertreten: vom Fuchs, der schlauer als der Löwe ist. Von der Katze und der Schlange, von Schakal, Floh und Ameise. Mein liebstes georgisches Märchentier ist das Halbhuhn. Dieser Name bleibt Geheimnis, aber was würde ein ganzes wohl können, wenn schon das halbe alles verschlingt, was ihm später rettend sein könnte: den Fuchs, den Wolf, den Bären und schließlich sogar das Meer. Darin ertrinkt sein Feind, und es hüpft davon, singt und gackert.

Zu den uns bekannten Märchengestalten gesellen sich in diesen Geschichten solche, die ihre besondere Herkunft zeigen. Kerle aus dem wilden Wald, die vor Wut alles auffressen, was sich ihnen in den Weg stellt und ganzen Heeren die Köpfe abschlagen. Ungeheuer wie aus der Urzeit, deren ungezähmte Wut wie ein Spiegelbild aller Angstträume ist - die, wie uns die Psychologie gelehrt hat, in uns wohnen und uns nur schrecken, wenn uns zum Beispiel die Märchen nicht gezeigt haben, wie man mit ihnen umgeht. Oder: dass sie nur große haarige Popanze sind. In Georgien heißt eines dieser unheilvollen Wesen Dew und hat manchmal viele Köpfe. Oder Paschgund, ein Riesenvogel aus der Unterwelt, der dazu noch zaubern kann. Und nur in dieser Märchenwelt hat der Teufel Frau und ein Kind, knallrot und putzig anzusehen.

Jedes dieser Märchen ist in andere Hände gelegt worden, und so entstanden Illustrationen, die auf ihre Art den Reichtum und die Leidenschaft dieser Literatur noch betonen. So gehören die Märchen zu denen, die sicher nicht nur eine Kindheit lang geliebt werden.

Zum Schluss heißt es nicht: und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute, sondern: "und begannen ein glückliches Leben." Oder: "sie lebten süß und angenehm." Etwas Besseres kann man nicht gewünscht bekommen.

© SZ vom 09.10.2018
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