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Mädchenliteratur:Abenteuer ohne Aufsicht

Zwei Bücher, die auf unterschiedliche Weise vom Abenteuer erzählen. Einmal als Warnung, ohne Aufsicht Erwachsener los zuziehen. Das andere ermutigt dazu, mit berühmten Vorbildern.

Von Roswitha Budeus-Budde

In der Literatur für Mädchen werden in diesem Frühjahr die "rebel girls" von "adventure girls" abgelöst. "Erlebe unglaubliche Abenteuer an Land, im Wasser und in der Luft", die englische Fernsehmoderatorin Helen Skelton berichtet in ihrem Expeditionsbuch "Wild Girl", von ihren sechs Challenge-Touren - immer in Begleitung einer Filmcrew. Es geht zum Südpol, zum Marathonrennen in der Wüste Namibias, zum Paddeln auf dem Amazonas. In England besteigt sie den höchsten Berg und macht einen Hochseilgang über die Themse. Seltsam und befremdlich wirkt ihr Eilmarsch in Uniform mit den Soldaten der Royal Marines - denn mit diesen Expeditionen sollen Mädchen ab zehn Jahren angesprochen werden. Weil die aber nicht unbedingt Abenteuer am Amazonas oder in der Wüste erleben, versucht die Autorin, ihre Erfahrungen in den Alltag der Leserinnen zu übertragen. Da gibt es Fitnessvorschläge oder Hinweise für die Ausrüstung und Tipps für die Challenges der Leserinnen in der eigenen Umgebung. Doch Vorsicht! Überall im Text finden sich Post-its, als Warnhinweise auf Situationen, die ohne Eltern gefährlich werden können. Nicht nur am Amazonas, sondern auch beim Schlittenfahren oder Sternegucken. Die gelben Zettel ersetzen die drastisch geschilderten Warnungen der klassischen Exempelliteratur für Mädchen. Schon auf der ersten Seite wird darauf hingewiesen, dass die Aufsicht Erwachsener bei allen Unternehmungen erforderlich ist. Das Fazit: Es ist für Mädchen besser, als Couch-Potato die Welt im Fernsehen zu erobern.

Da ist die Herausgeberin und Autorin Kari Herbert in "Adventure Girls. 14 rebellische Frauen erobern die Welt" sehr viel mutiger, vielleicht auch, weil ihre Eltern sie schon als Kind auf ihren Expeditionen und langen Aufenthalten in der Arktis mitnahmen. Sie wählte Persönlichkeiten für ihre Biografien aus, die abenteuerlustig und furchtlos alle Warnhinweise im Leben ignoriert. Von ihnen geht immer der starke Appell aus, die gesellschaftlichen Schranken zu überwinden. Zum Beispiel Freya Stark, (1893 - 1993) die gefährliche Reisen im Mittleren Osten unternahm: "Das Entscheidende ist nicht, was man sieht, sondern, wie man sieht", erklärte sie und wurde eine der erfolgreichsten Reiseschriftstellerinnen ihrer Zeit. Oder die Ärztin und Ingenieurin Mae Jemison, die als erste Afroamerikanerin für die Nasa an einer Weltraumexpedition teilnahm. Heute gibt sie ihre Erfahrungen in Wissenschaftscamps an Jugendliche weiter.

Vorwiegend werden Frauen aus dem 19. Jahrhundert vorgestellt. Das Buch ist gestaltet wie ein Reiseführer aus dieser Zeit, es vermittelt mit Illustrationen, Fotos und Zeichnungen nicht nur Lebensgeschichten, sondern immer auch das historische Umfeld und den kulturgeschichtlichen Hintergrund der Porträtierten. (ab 12 Jahre und für Erwachsene)

Helen Skelton: Wild Girl. Aus dem Englischen von Clara Mihr. Mit Illustrationen von Liz Kay. Hanser 2021. 140 Seiten, 16 Euro.

Kari Herbert: Adventure Girls. 14 rebellische Frauen erobern die Welt. Aus dem Englischen von Frank Sievers. C.H. Beck, 2021. 145 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 23.04.2021
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