Alben der Woche:Als er gerade bereit war, wieder ans Licht zu treten

Das posthume Album von Mac Miller ist da. Es ist, natürlich, tragisch. Weil es tragisch gut ist. Dazu: Neues von "Algiers", Mura Masa und "Of Montreal".

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Algiers - "There Is No Year" (Matador)

Algiers - 'There Is No Year'

Quelle: dpa

Jedes neue Pop-Jahr braucht zu Beginn diesen einen Song, der einem die Januardrögheit aus Hirn und Knochen massiert. Für das Jahr 2020 heißt dieser Song "There Is No Year". Er eröffnet das gleichnamige Album (Matador) der amerikanischen Band Algiers. Eine synthetische Basslinie wummert voran, die Drummachine feuert im Viertelsekundentakt und Sänger Franklin James Fisher verkündet: "Now it's two minutes to midnight". Algiers lassen keinen Zweifel: Die Welt ist am Arsch. Das Land brennt, und die Gespenster der Vergangenheit haben uns längst eingeholt. Gleich der zweite Song "Dispossession" macht deutlich: Weglaufen ist nicht mehr drin. Stattdessen wird in den Hochöfen getanzt. Dort haben Algiers Post-Punk, Industrial und Dunkelkammer-Soul zu einem heiß glühenden Gemisch verschmolzen, das bisweilen so klingt, als hätte jemand einen Gospel-Chor in eine stillgelegte Fabrikhalle gesperrt. In ihren besten Momenten türmen Algiers all diese Versatzstücke der Pop-Geschichte so eindrucksvoll aufeinander, dass man überwältigt davon ist, wie niederwalzend und relevant eine Rockband auch im Jahr 2020 noch sein kann.

Julian Dörr

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Of Montreal - "Ur Fun" (Polyvinyl Record Co.)

Popkolumne 15.1. 20

Quelle: oh

Wem das zu düster ist, der ist vielleicht mit "Ur Fun" (Polyvinyl Record Co.), dem neuen Album der amerikanischen Frickel-Formation Of Montreal, besser beraten. Die liefern mit dem Refrain von "Peace To All Freaks" den partyhedonistischen Gegenentwurf: "Hush, hush, don't let's be negative". Keine leichte Aufgabe. Seit 2007 jagt die Band um Songwriter Kevin Barnes dem Karrierehöhepunkt "Hissing Fauna, Are You The Destroyer?" hinterher. Auch auf dem 16. Album bleiben sie ihrer Indie-Electro-Mixtur treu, die um die letzte Jahrzehntwende der heiße Scheiß war und die mal Richtung Achtziger-Pop, mal Richtung Sixties-Psychedelic neigt. Barnes singt dazu von totalitären Systemen, rassistischen Verwandten und polyamourösen Beziehungen. Ganz schön erwachsene Themen. Die Musik dazu aber klingt wie eh und je nach Kindergeburtstag im Autoscooter.

Julian Dörr

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070 Shake - "Modus Vivendi" (Def Jam Recordings / G.O.O.D. Music)

Popkolumne 15.1. 20

Quelle: oh

Im Frühjahr 2018 war die damals 20-jährige Sängerin und Rapperin Danielle Balbuena, besser bekannt als 070 Shake, zu Gast bei Kanye Wests Fünf-Alben-Recording-Sessions in Wyoming. Sie sthal den älteren Herren mit ihren Beiträgen zu den West-Songs "Ghost Town" und "Violent Crimes" sogleich die Show. Diese Woche erscheint nun ihr lang erwartetes Solo-Debüt. Auf "Modus Vivendi" (Def Jam Recordings / G.O.O.D. Music) brummen und ächzen die verzerrten Gitarren, während Balbuenas zähe Autotune-Lyrics langsam durch innere Gefühlswelten sickern. Es ist eben diese Verknüpfung aus Songwriter-Introspektion und der Produktionsfinesse des Cloud Rap, die den sogenannten Emo-Rap zu einer der spannendsten Entwicklungen des letzten Jahrzehnts gemacht hat. 070 Shake ist nun drauf und dran, der neue Shooting-Star dieses Genres zu werden. Nur konsequent, dass sie sich für "The Pines" beim Text eines Folk-Traditionals bedient, das der große Teenage-Angst-Dichter Kurt Cobain einst als "Where Did You Sleep Tonight" berühmt gemacht hat. "I did not come to impress you", singt Balbuena an einer Stelle. Tja, Mission gescheitert.

Julian Dörr

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Mac Miller - "Circles" (Warner)

Mac Miller - 'Circles'

Quelle: dpa

Posthume Alben von Menschen, die unter tragischen Umständen starben, kann man ja eigentlich nicht hören, ohne jede dritte Zeile als prophetische Todes-Referenz zu lesen. "Circles", das nun veröffentlichte Werk des mit 26 an einer Mischung aus Drogen, Schmerzmitteln und Alkohol verstorbenen Mac Miller, eröffnet direkt mit den Worten: "Well this is what it look like, right before you fall". Durch fast alle Nummern zieht sich das Gewicht der Probleme eines Menschen, der viel mit sich herumträgt, wenig Tageslicht zu Gesicht bekommt und zwar ständig high ist, aber dabei eben nicht durch die Wolken schwebt, sondern nur an die viel zu niedrige Zimmerdecke stößt ("Good News"). Allerdings machte Mac Miller eben keinen depressiven Emo-Core, sondern eine Musik, die zum Ende seines Lebens gerade die optimale Balance aus klassisch geschultem Rap-Synkopieren und einem Gesangsstil mit dem richtigen Grad an sediertem Blues-Slackertum gefunden hatte. Diese Formel trifft hier auf das professionell verstolperte Fundament sehr, sehr guter Studioinstrumentalisten - und führt damit zu einer Pop-Platte, die selbst eine Jack-Johnson-artige Nummer ("Surf") noch überaus intelligent klingen lassen kann. Und deren Protagonist sich zwar gerade noch in seiner Trauer vergräbt, aber eigentlich gerade bereit war, wieder ans Licht zu treten. Mehr als schade, dass es dazu nicht mehr gekommen ist.

Quentin Lichtblau

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Mura Masa - "R.Y.C." (Polydor)

Mura Masa R.Y.C.

Quelle: Universal Music Group

Nach dem Grammy-nominierten Debüt kommt nun das verflixte zweite Album des britischen Produzenten und Songwriter Mura Masa. Anstatt an den Elektro-Pop anzuknüpfen, ist der Sound diesmal gitarrenlastiger und die Feature-Liste nicht so klangvoll. Dafür aber britischer. "R.Y.C" ist Punk, Rap, EDM und New Wave und will alles, nur nicht wie der Vorgänger sein. Nichts mehr mit positivem Zeitgeist, jetzt wird richtig schwer nostalgiert und melancholiert. Verständlich. Inhaltlich beschäftigt sich der 23-Jährige schließlich mit dem Erwachsenwerden und dessen Facetten: Rebellion ("Deal wiv it" mit dem hervorragenden Rapper slowthai), Resignation ("No Hope Generation") und Versagensangst. Es fehlt eigentlich nur noch jemand, der das Ganze als Soundtrack für einen Indie-Coming-of-Age-Film verwendet.

Benedikt Scherm

© sz.de/biaz
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