Lyrik "Wir wateten im grünen laub und traten den sommer mit füßen"

Wie geschaffen für diese heißen Tage: In seinem neuen Gedichtband zeigt sich die leise, weise Melancholie von Reiner Kunze, der jetzt 85 Jahre alt wird

Von Jörg Magenau

Sage noch einer, Lyrik wäre nicht aktuell. Bei Reiner Kunze hat man den Eindruck, seine Gedichte wären ihm unter der Hand zu Menetekeln geworden, als wären sie geschrieben auf diesen heißen Sommer 2018 und hätten das Kunststück fertig gebracht, schon vorzuliegen, bevor das Thermometer wochenlang auf 35 Grad verharrte. In diesen Versen scheint selbst "der himmel zu erblassen vor der gnadenlosigkeit der sonne", der Fluss "bleckt die Zähne" und die Bäume werfen im Juli die Blätter ab: "Wir wateten im grünen laub / und traten den sommer mit füßen". Dabei ist unverkennbar, dass die Natur für den Dichter immer noch der Ort ist, an dem die "seele wurzeln schlägt", wenn das Licht dem Schläfer sanft das Augenlid hebt und der neue Tag beginnt. Ach, was sind das für Zeiten, in denen das Gespräch über Bäume notgedrungen auf die Verbrechen der Menschheit zu sprechen kommen muss!

Zehn Jahre nach seinem letzten Gedichtband "lindennacht" legt Reiner Kunze mit "die stunde mit dir selbst" noch einmal einen schmalen Band mit Gedichten vor, kurze und kürzeste poetische Skizzen, die mit einem sehr dünnen Bleistift geschrieben zu sein scheinen. In diesem Büchlein gibt es mehr weißen Raum als Textzeilen, aber die Leere und die Weite, in der jedes dieser Gedichte ruht, sind eine notwendige Bedingung dieser poetischen Weltsicht.

In fünf thematische Kapitel hat Kunze den Band unterteilt, die einen Bogen schlagen von der bedrohten Natur zur Fragilität der politischen Welt und weiter zur Suche nach einer Sprache, in der die Frage nach dem, was der Mensch ist und was Alter und Tod bedeuten, gestellt werden könnte. "Du suchst das wort, von dem du nicht mehr weißt / als dass es fehlt", heißt es im titelgebenden Gedicht des Bandes, bevor die Erinnerung zurückführt in eine Kindheit, in der das Sehen und das Benennen zusammenfielen, als Weizen noch Weizen und Roggen noch Roggen war und die Wörter "kurze grannen und lange" hatten.

Jedem Abschnitt und auch vielen Gedichten hat Kunze Zitate als Motti vorangestellt. So befindet er sich im Gespräch mit den Stimmen von Rose Ausländer, Paul Celan, Hannah Arendt oder René Char, dessen Satz den dichterischen Ort von Kunze sehr genau beschreibt: "Dichtung ist Einsamkeit ohne Abstand inmitten der Geschäftigkeit aller; das will besagen: Einsamkeit, die die Möglichkeit hat, sich anzuvertrauen." In dieser Doppeltheit aus Zuwendung und Abschiednehmen schreibt Kunze; nur da ist die Begegnung mit sich als Teil der Welt möglich.

Immer dann, wenn die Sprache selbst zum Thema und zum Ereignis wird und alles Meinen und Mahnen verschwindet, gelingen Kunze Verse von ungemeiner Präzision und Eindringlichkeit. Unter dieses Niveau gerät er, wenn der kulturkritische Blick zu sehr an die Oberfläche dringt. Dann ist der Sprachverlust jenseits der Poesie nur noch die Konsequenz einer Gegenwart, in der gemailt statt geschrieben und aufs Handy gestarrt wird, statt zu sehen. Das mag als Zeitdiagnose ja zutreffen, als poetischer Gegenstand ist es aber zu dünn.

Dass Kunze, der am 16. August 85 Jahre alt wird, mit der Nähe des Todes lebt, ist klar. Schon vor zehn Jahren in "lindennacht" hatte er versprochen, mit der Stunde, wenn sie denn nahe, nicht zu hadern. Jetzt schreibt er: "Fern kann er nicht mehr sein / der tod //Ich liege wach, / damit ich zwischen abendrot und morgenrot / mich an die finsternis gewöhne". Das Verschwinden, die Loslösung und die Liebe zu einer Welt, die auf alle erdenkliche Weise verloren zu gehen droht, ist der Grundton dieser Verse. In ihnen schwingt eine leise und sehr weise Melancholie, die doch voller Freundlichkeit ist und voller Zuversicht.

Zur Schönheit und Eigenwilligkeit dieser angenehm altmodischen Lyrik gehört, dass Kunze den Reim nicht scheut, ja, ihn rehabilitiert. Er zeigt, dass sich mit den Reimen aus dem Klang der Wörter heraus Bedeutungen ergeben, die über das hinausgehen, was jedes Wort für sich alleine bedeuten könnte. So endet das Gedicht auf den nicht mehr fernen Tod und die Finsternis "an die ich mich gewöhne" mit dem Hinweis, dass es besser sei, sich jetzt schon zu verabschieden und mit einem Gruß an die Zurückbleibenden: "Verneigt vor alten bäumen euch / und grüßt mir alles schöne". Das sind Verse, die man sich auch auf einem Grabstein denken könnte - so wie Kunze der jungen Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger aus Czernowitz, die 1942 in einem Arbeitslager ums Leben kam, einen lapidaren Grabspruch widmet: "Dem tod war es gegeben, / sie zu holen aus dem leben, / doch nicht / aus dem gedicht". Darin steckt der Glaube des Dichters, dass es die Sprache ist, die überlebt. Da mag er sich noch so leise verabschieden. Seine Verse werden hörbar bleiben.

Reiner Kunze: die stunde mit dir selbst. Gedichte. S.Fischer, Frankfurt am Main 2018. 70 S., 18 Euro.