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Lyrik von Enzensberger:Ach, diese Zehnägel

Hans Magnus Enzensberger, 2002; Hans Magnus Enzensberger

"Gebürstet hat man, gegurgelt": Hans Magnus Enzensberger weiß, was es mit der „Imagepflege“ auf sich hat.

(Foto: Regina Schmeken)

Bibliophil und skeptisch wie eh und je gegen Metaphysik und Olympiaden: Hans Magnus Enzensberger und sein neuer Gedichtband "Wirrwarr".

Von Helmut Böttiger

Auch als Neunzigjähriger bleibt Hans Magnus Enzensberger behende. Es war schon immer erstaunlich, wie flugs seine Feder über das Papier huschte - wer ihn einmal dabei beobachten konnte, wie er auf einer Tagung oder auf einer Konferenz sitzt und währenddessen großflächig Blöcke und Hefte beschreibt, ist zumindest oberflächlich seinem Geheimnis ein bisschen näher gerückt. Und es kann dabei nur um die Oberfläche gehen.

Dass Enzensbergers aktueller Gedichtband "Wirrwarr" heißt, ist Teil seines Programms. Gerade Linien versucht er weitgehend zu vermeiden, er liebt Ausfallschritte und Seitwärtsbewegungen, und er liebt die verwinkelten Räume der Sprache. Wenn er aufzählt, wie in anderen Sprachen die Vorstellung eines "Wirrwarrs" ausgedrückt wird, ist er ganz zu Hause: "hotch-potch, pêle-mêle, holter til bolter, hulter om bulter, overhoop, villervalla, truche y muche, revoltijo, trabalhada, charivari, nerazberika."

Natürlich spielt Enzensberger in seinen neuen Gedichten mit der Haltung, auf das Leben zurückzublicken, und hat dafür den passenden Titel gefunden. Das Verblüffende ist, dass er die Leichtigkeit, die ihn seit jeher ausgezeichnet hat, in unnachahmlicher Weise beibehält - ein bisschen melancholisch unterlegt, ein bisschen nonchalant, und wer will, kann in seinen sprachlichen Gesten auch Fitzelchen jener Weisheit auffinden, die man den Alten gerne unterstellt. Enzensberger eröffnet seinen Band dementsprechend mit Gedichten wie "Imagepflege" und "Reparaturen": ironische und selbstironische Selbstvergewisserungen, die sich nicht in irgendwelche Ausreden flüchten, in vorschnelle Hoffnungen auf Rettung oder gar Heil.

Enzensberger weiß, was gespielt wird. Gerade mit "Imagepflege" kennt er sich aus, und registriert jetzt sachlich, woraus sie in allererster Linie bestand: "Gebürstet hat man, gegurgelt, / gekremt, gewaschen, gefönt, / sich jahrzehntelang tief verbeugt / vor den Zehennägeln." Und mit souveräner Noblesse zieht er sein Resümee: "Obwohl man ganz genau wusste, / da war nie ein Triumph in Sicht."

Die große Politik, das Umkreisen gesellschaftlicher Fragestellungen ist eindeutig in den Hintergrund geraten. Der Dichter konzentriert sich auf seine unmittelbaren Wahrnehmungen, auf seine Wohnung, auf die nahen Straßenzüge, und auch die Vergangenheit tritt eher beiläufig hervor. Mitunter wandelt er sich auch dem desillusionierten Duktus des alten Benn an - so zählt er zum Beispiel einmal auf, "was es nicht braucht", und lässt dabei gewisse Erfahrungen Revue passieren: "Olympiaden, Schlafanzüge, unleserliche Beipackzettel, die Wochen der Brüderlichkeit, Winter- und Sommerzeit".

Das Katastrophische war nie seine Sache, dem Tragischen will er seit je Schnippchen schlagen

Das, was den Alltag bestimmt, wird spielerisch hin und her gewendet, es wird benannt und dadurch vergrößert, und wie nebenbei scheint hinter allem auch eine Fragwürdigkeit auf. Da fällt der Blick auf die "kostenlose Dünndruck-Bibel", die "vergeblich" in der Nachttischschublade des Hotels "auf müde Manager" wartet, oder es wird nüchtern konstatiert: "Die letzte Instanz ist bloß eine Kneipe, / in der die Anwälte ihre Zeit totschlagen." Letzte Fragen, das führt Enzensberger in Anläufen und Variationen vor, werden allgemein überschätzt, und auch dem finalen "Fall des Falles" versucht er, mit eher kühlem Gesichtsausdruck entgegenzublicken.

Schon vor einigen Jahren hat Enzensberger einen ähnlich kostbar aufgemachten Gedichtband veröffentlicht, ebenfalls mit Bildern von Jan Peter Tripp und gestaltet von der Buchkünstlerin Justine Landat. Der Titel lautete damals, 2013, "Blauwärts", und die grafische Gestaltung machte in jenem Band weit offensiver auf sich aufmerksam als in dem jetzigen. Tripps hier reproduzierte statische, verrätselte, aber einfache Stillleben entsprechen durchaus den Gefühlsfarben der Enzensbergerschen Gedichte, aber sie bebildern sie nicht einfach nur. Das Buch macht in seiner Eleganz auch als Kunstwerk auf sich aufmerksam. Und das verweist auf die ausgesprochenen Vorlieben dieses Dichters.

Die Aufklärung ist mittlerweile vor allem bibliophil geworden. Das 18. Jahrhundert, Enzensbergers rationales Lieblingsjahrhundert, blitzt manchmal zärtlich in den Gedichten auf. Eines davon trägt einen Titel, der selbst schon ein ganzes Poem ist: "Eine Unterhaltung zwischen Gottfried Wilhelm Leibniz und der Prinzessin Sophie Charlotte von Braunschweig-Lüneburg über den Satz 'Es gibt nicht zwey Dinge, die einander gleich sind'".

Der Dichter gedenkt auch, im letzten Gedicht des Bandes mit der Überschrift "Nachtstück", der vergeblichen romantischen Bemühungen des Malers Adam Elsheimer, der mit 32 Jahren in Rom starb - nachdenklich, nachhorchend, mit dem Blick auf jenen geheimnisvollen Rest, der immer bleiben wird. Das Katastrophische war Enzensbergers Sache nie, immer hat er versucht, dem Tragischen ein Schnippchen zu schlagen. Er bleibt sich auch in diesen Gedichten, angesichts der Zeitläufte und seines langsam biblisch werdenden Alters, programmatisch treu: "Du tätest gut daran, Freundchen, / die Metaphysik auf kleiner Flamme zu halten."

Hans Magnus Enzensberger: Wirrwarr. Gedichte. Gestaltet von Justine Landat, mit Bildern von Jan Peter Tripp. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 140 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 18.02.2020
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