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Lyrik:Vollwertig umbaumter Raum

Tim Holland: vom wuchern. Lyrik. Gutleut Verlag, Frankfurt am Main 2016. 32 Seiten und ein Kartenblatt, 19,90 Euro.

Der Lyrikband "vom wuchern" des jungen Dichters Tim Holland aus Tübingen vermisst die Enge des Waldes und findet hier auch einen Maulwurf, der schlecht im Weitwurf ist.

Für die Sprache gilt das Wort vom Wald, den man vor lauter Bäumen nicht sieht. Man nähert sich ihm nicht, er tritt einem nicht entgegen, trotzdem ist man plötzlich von Bäumen umstellt. "greifst du in den bewegten gestand?", fragt der in Tübingen geborene Dichter Tim Holland, der mit seinen 28 Jahren selbst noch ein eher junges Gewächs ist. Mit dem schönen Debütband "vom wuchern" trägt es, nach einem Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, nun erste Früchte. Darin findet sich die "theorie des waldes" auf 32 kreuz und quer bedruckten Seiten, die zum Abschweifen ins Unterholz einladen.

Überall wimmelt es, und ein "maulwurf", der "nicht gut im weitwurf" ist, gräbt sich durch die Seiten. Im Hintergrund steht immer auch das unbedruckte Papier, das mal echter Wald war: "vor lauter lichtung den/ wald nicht sehen". Alles wächst, indem es sich in sich verläuft: "wenn ein baum/ in zwei bäumchen zerfällt/ ist das bereits wald?" Eine Frage, die einen umtreiben kann. "wohl käumchen", frohlockt der Dichter, "das ist zweidimensionaler/ wald. vollwertiger wald ist immer umbaumter raum".

Überschüssig im Wortsinn ist dieses textuelle Gebilde, in dem man plötzlich auf mathematische Formeln trifft, englische Parks mitten im dichtesten Gestrüpp. Es verhält sich mit der Sprache hier ähnlich wie im Bild Wittgensteins, der sie mit einer alten Stadt verglich. Deren Zentrum bilde ein "Gewinkel von Gässchen und Plätzen", "umgeben von einer Menge neuer Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und mit einförmigen Häusern".

Ein Zentrum hat Hollands Wald nicht, er "bleibt unterabgetastet", denn seine "theorie des waldes" funktioniert dialektisch. Den Gegenpart bildet "nachdernacht", eine ausfaltbare Karte, die neben dem Wald-Heftchen in der Klapphülle aus Karton steckt - zusammen bilden sie das Buch "vom wuchern". Statt eines Inhaltsverzeichnisses hat "nachdernacht" ein Register mit Koordinatenangaben, doch auch die zur Fläche entfaltete Totalschau bietet keine Gesamtübersicht. Es herrscht die Hermetik quadratischer Textblöcke im Schriftsatz, aber diese Blöcke brechen auf, Zeilen fließen ineinander, Worte liegen plötzlich frei im Raum.

Der Band entstand als Zettelsammlung, die vom Schreibtisch des jungen Dichters aus über den Fußboden, schließlich die Wände emporwucherte und so ein sprachliches Gewächs in der Fläche bildete, halb Wald, halb Karte, entsprechend den beiden Teilen des Buchs. Gemeinsam ist ihnen der "vermessene" Anspruch, hier werde etwas vermessen. "Die notwendige Bedingung für die Geburt der Kartografie ist weniger die Überzeugung von der Materialität der Welt, sondern der Glaube an die Möglichkeit einer Materialisierung durch die Erschaffung eines analogischen, symbolischen Bilds", heißt es in "L'empire des cartes" von Christian Jacob, einer Geschichte der Kartografie. Das Erkenntnisversprechen der Dichtung hingegen ist nicht das "geflügelte Wort", sondern dass die Worte Wurzeln in die Erde schlagen und sie "maulwürfig" durchdringen. Und dann? Holland notiert: "die bäume akupunktieren die erde/ die erde entspannt sich".

© SZ vom 27.04.2016
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