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Lyrik:Mit Unendlichkeits-Trompete

Portrait of Lars Gustafsson 2007 PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY Copyright LeonardoxCendamo Lee

In dem umfangreichen Œuvre des Romanciers, Erzählers und Essayisten ist Lars Gustafssons (1936 bis 2016) lyrisches Werk wie die „Perle in der Muschel“.

(Foto: imago/Leemage)

"Woher weiß man, dass man wirklich in der Hölle angekommen ist?/ Und nicht nur in einer Ecke/ des Üblichen?" - Lars Gustafssons letzter Gedichtband "Etüden für eine alte Schreibmaschine".

Es könnte sein, dass mechanische Schreibmaschinen irgendwann einen ähnlichen Kultstatus erlangen, wie ihn Schallplatten aus Vinyl heute schon haben. Der schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson, der 2016 mit knapp achtzig Jahren starb, hatte ein antikes Exemplar in seinem Besitz. Ein Foto der Tastatur schmückt, beim Original wie bei der deutschen Übersetzung, den Einband seines nachgelassenen Lyrikbandes "Etüden für eine alte Schreibmaschine".

Und der Autor, der als Germanistik- und Philosophieprofessor fast ein Vierteljahrhundert in den USA lebte und lehrte, hat mit "American Typewriter" auch das passende Gedicht dazu geliefert. Darin erinnert er sich, "wie am Metropolitan Desk/ der New York Times zuweilen eine einsame Remington/ in einer Kaskade von Anschlägen aufbrauste./ Es war eine Zeit,/ als man die Menschen/ noch denken hörte."

Nun könnte man einwenden, auch eine Computertastatur erzeuge ja ein vernehmliches Geräusch, das auf Denkarbeit schließen lasse. Trotzdem wissen wir sofort, was gemeint ist. Mit der Lizenz zur Frechheit, die das Alter gewährt, wird hier auf knappstem Raum ein Unterschied zwischen zwei Zeitaltern festgemacht, der nicht zugunsten der späteren Epoche ausfällt.

In seinem leichtfüßigen Ton werden Übertreibungen zu poetischen Wahrheiten

Schon immer hatte der Synästhetiker Lars Gustafsson ein feines Ohr für das, was jenseits der gewöhnlichen Wahrnehmung liegt: So hörte er einst "Die Stille der Welt vor Bach" und wurde damit beim deutschen Publikum, das ihn als Prosaautor bereits schätzen gelernt hatte, auch als Lyriker berühmt. In dem gleichnamigen Gedicht, das 1982 einem Auswahlband den Titel gab, ging es ebenfalls um einen Epochenbruch, nur mit umgekehrter Bewertung. Und wieder ein wenig bodenlos, denn selbstverständlich war die Welt schon lange vor Bach voller Klänge und voller Musik. Aber in Gustafssons leichtfüßig gelehrtem Ton werden Übertreibungen zur poetischen Wahrheit.

In dem umfangreichen Œuvre, das er als Romancier, Erzähler und Essayist hinterließ, ruht Lars Gustafssons lyrisches Werk wie die "Perle in der Muschel": So formulierte es der schwedische Journalist Per Svensson vor drei Jahren in seinem Nachruf. Und auch der Autor selbst hatte sich immer in erster Linie als Dichter verstanden. Aus dem Nachlass war bei uns zunächst, unter dem Titel "Der optische Telegraf", eine Sammlung sprachphilosophischer Texte erschienen, deren Sprödigkeit ihn seinen Lesern posthum ein wenig entfremden mochte. In dem schmalen Gedichtband, den er wenige Monate vor seinem Ableben zusammenstellte, können sie ihm noch einmal so begegnen, wie sie ihn am liebsten in Erinnerung behalten dürften: mit sinnlicher Bodenhaftung, verspielter Nachdenklichkeit und leisem Humor.

Den Tod hat dieser Schriftsteller aus seinem Schreiben und Denken nie ausgesperrt, sondern ihm stets höflich und furchtlos einen Platz eingeräumt. Deshalb brauchte er keine neue poetische Strategie, um sich auf den nahen Abschied vorzubereiten. Zwar erscheinen diverse Motive, die darauf hindeuten: Gräber, verfallende Häuser, verlassene Zimmer, Winternächte, Krähen, ein toter Wald. Doch im Prinzip bewegen sich diese Gedichte, so wie wir es von Gustafsson kennen, zwanglos zwischen den Petitessen des Alltags, die wie durch ein Vergrößerungsglas betrachtet werden, und den "letzten Dingen", zu denen das lyrische Ich ein wechselndes Verhältnis pflegt: mal vertrauensvoll, mal zweifelnd, mal sarkastisch, mal abgeklärt. Oder auch so: "Ich frage mich:/ Wenn man also in der Hölle ankommt,/woher weiß man, dass man wirklich in der Hölle angekommen ist?/ Und nicht nur in einer Ecke/ des Üblichen?"

Genau wie früher fällt der Philosoph dem Dichter immer wieder ins Wort, oft überwiegt die Reflexion, manch kleine Perle ist, streng genommen, ein Aphorismus. Da aber der schwedischen Sprache, gewohnt kongenial übertragen von Gustafssons langjähriger Übersetzerin Verena Reichel, die Schwere, der Abstraktionsdrang und das Metaphernpotenzial des Deutschen fehlt, fügt sich dennoch alles zu Bildern, die zwar auch Denkfiguren sind, aber als Poesie im Gedächtnis bleiben. Und dann sind da die anekdotisch-nostalgischen Rückblicke, die vergegenwärtigen, warum behauptet wurde, Lars Gustafsson habe das Schwedenbild der Deutschen beinahe so stark geprägt wie Astrid Lindgren.

"Wie friedlich sprechen nicht die Korbstühle / auf der Veranda miteinander"

Natürlich könnte man beim "Lob des Sommers", wo es heißt: "Wie friedlich sprechen nicht die Korbstühle/ auf der Veranda miteinander/ Wenn alle sie verlassen haben/ Wenn alle hineingegangen sind zum Hering/ und zum eisgekühlten Schnaps", auch an eine Ikea-Werbung denken. Aber daran ist nicht der Autor schuld, der heiter-melancholische Erzähler, der im Gedicht "Unter den wunderbaren Wolken" beim Betrachten eines verschrammten Amateurkurzfilms folgende Szene festhält: "Der Regen des Morgens/ hängt noch in den Zweigen des Fliederbuschs./ Eine still grübelnde Erdhummel/ hat ihre eigentümlich pedantische Tätigkeit/ auf etwas Diffuses und Unbestimmtes verlegt/ was nur/ unter dem Gartentisch sein kann/ und sucht dort nach dem einen oder anderen."

Vielleicht sah er sich selbst so, in jener letzten Zeit: als stillen Grübler, der noch nach dem einen oder anderen sucht. Und zum Vorschein kam, was man beim Aufräumen so findet: ein "Alter Kalender am Fenster des Lusthauses", ein "Selbstporträt in Sepia", ein vergilbtes, aber kostbares "Lesezeichen". Aber auch die "Unendlichkeitstrompete" aus dem "Museum der unmöglichen Dinge" und andere Gegenstände, die fast an fernöstliche Meditationsaufgaben gemahnen. Ein schwedischer Kritiker, der sich über die "Etüden" im Titel wunderte, weil ein Dichter in dieser Lebensphase ja wohl nicht mehr üben müsse, kam zu dem Schluss, mit der "alten Schreibmaschine" sei in Wahrheit Herr Gustafsson persönlich gemeint und mit den Etüden jene geistigen Übungen, die sich auf die Kunst des Sterbens beziehen. Das ist ein schöner Gedanke, und wir hören die antike Tastatur zustimmend klappern.

Lars Gustafsson: Etüden für eine alte Schreibmaschine. Gedichte. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Carl Hanser Verlag, München 2019. 78 Seiten, 18 Euro.