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Lyrik:Maulemanual

Hinreißend erneuert Dagmara Kraus' in ihrem "wehbuch" das vernachlässigte Genre des Klagegesangs und führt uns in ein imaginäres Ägypten - ein Reich des "klagecaterings" und der "sarkophagdiscounter".

Von Tobias Lehmkuhl

Heutzutage wird viel gejammert, aber selten geklagt. Der kunstvolle Klagegesang ist anderen Zeiten, anderen Kulturen vorbehalten. Sieht man einmal von Friedrich Rückerts "Kindertotenliedern" ab, führt das Genre im deutschsprachigen Raum eine Randexistenz. Wobei "Sprache" als syntaktisches Gefüge für den Klagegesang ohnehin erst einmal zweitrangig ist; es geht vor allem um die Lautlichkeit, um tönende Vokalreihen. Hugo Ball machte das einst in seiner "Totenklage" anschaulich: "tru-ü / tro-u-ü o-a-o-ü /mo-auwa".

Hundert Jahre nach Hugo Ball legt nun die 1981 in Breslau geborene Dagmara Kraus ihr "wehbuch" vor, das einerseits ein ganzes "maulelaunenmanual" beinhaltet, ein umfängliches Verzeichnis von Klagelauten ("omoi", "papai mu au", "alälä! alälä! alälä!") und sich andererseits in eine imaginäre Hochzeit der Totenklage zurückversetzt: "wäre ich im alten ägypten in die arbeiterklasse geboren / und früh verwaist, hätten mich die heimvormundinnen / von sais und saft el-hanna gleich ins berufsleben geschickt / fünfjährig hätte ich die dürren ärmchen um ein paar / schonend entdarmte staatsleichen gerungen, ein klagebalg / unter klagebälgern."

Nicht Gedichte, sondern "undichte prosage" nennt Kraus ihre hinreißende Lautpoesie

Nicht Gedichte, sondern "undichte prosage" nennt Kraus ihr "wehbuch". Tatsächlich verändern semantische Zusammenhänge sich hier ständig, ihre scheinbar feste sprachliche Gestalt löst sich unversehens auf und nimmt neue Formen an. Hat man eben noch Bekanntschaft mit kenet-nasch gemacht, der Anführerin der Klageweiber, des "trauertrupps", verwandelt sie sich plötzlich in einen benetnasch. Der "mumienmullläppchen" verkaufende Chinese "gong fu shung" wird erst zu einem "shong fu shung", um dann gänzlich "vergongfumullt" zu werden. Als "fo christo" taucht er schließlich mit der Idee wieder auf, die "pepipyramide zu vermullen".

Bei diesem ganzen Gegonge ist freilich auch der Gingganz nicht weit. Zumindest stellt Kraus einem Abschnitt ihres Buches ein Wort aus Christian Morgensterns Zyklus voran: " . . . Bildungshung . . . ". Diesen Bildungs-hung könnte man für einen weiteren Chinesen halten, so sehr ist das Gehör nach einer Weile - "ach china schnief" - sensibilisiert für die kleinste Bewegung in den unterirdischen Klangkanälen, in denen sich Wörter und Buchstaben zu immer neuen Konstellationen vereinen.

Wenn von "klagecatering" und "sarkophagdiscounter" die Rede ist, stellt sich die Frage, was hier beklagt, ob überhaupt ein "Weh" in diesem Buch verhandelt wird oder nicht vielmehr der Buchstabe "w", wobei auch das "a" eine dominante Rolle spielt. Am Ende öffnet sich das "a" zu jenem "ba" genannten Teil der Seele, der sich dem Verständnis der Ägypter zufolge nach dem Tod in ein Tier verwandelt, einen Schakal etwa, einen Falken oder, wie hier, in einen "krabäus". In diesem steckt nicht zuletzt auch die "kräusin". Ein wahrlich schillerndes Tier in der deutschen Dichterlandschaft.

Dagmara Kraus: wehbuch (undichte prosage). Roughbook, Berlin und Schupfart 2016. 110 Seiten, 10 Euro.

© SZ vom 08.07.2016
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