Lyrik:Hätt ich nur Pflaumenverse

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Er schrieb für Jim Jarmusch, nun erscheinen seine eigenen Verse: die Gedichte Ron Padgetts auf Deutsch.

Von Tobias Lehmkuhl

William Carlos Williams' Gedichtzyklus "Paterson" ist einer der Gründungstexte der modernen amerikanischen Lyrik. "Paterson" heißt auch der jüngste Film von Jim Jarmusch, der in der gleichnamigen Stadt in New Jersey spielt (Williams wohnte im benachbarten Rutherford). Er handelt von einem Gedichte schreibenden Busfahrer - der ebenfalls Paterson heißt. Die Gedichte, die dieser Busfahrer schreibt, leiht sich Jarmusch in dieser Williams-Hommage allerdings nicht von Williams selbst, er hat sie von einem alten Freund extra für den Film schreiben lassen, in jenem Stil poetischer Beiläufigkeit, den Williams etabliert hat.

Ron Padgett ist der Name dieses Ghostwriters, und in seinen früheren Gedichten findet sich ebenfalls eine Verbeugung vor dem großen Meister: "Was werd ich frühstücken?/ Hätt ich nur ein paar Pflaumen/ wie die in Williams' Gedicht./ Bat seine Frau um Verzeihung,/ dass er sie aß,/ aber wen er nicht um Verzeihung bat, sind jene,/ die sein Gedicht lasen/ und sie ebenso wenig essen konnten."

Williams Pflaumengedicht, das vielleicht noch berühmter ist als sein Zyklus "Paterson", hält man besser nicht neben diese Zeilen des 1942 geborenen und in New York lebenden Ron Padgett. Allzu sehr würde sein Epigonentum deutlich, der Versuch, die Dinge und Begebenheiten des Alltags in ihrer spezifischen Schönheit aufblitzen zu lassen. Hat man bei Williams immer den Eindruck, seine Gegenstände speisen sich aus unmittelbarer Anschauung, aus eigenem Erleben, so wirken viele der Gedichte Padgetts, als lägen ihnen trockene Überlegungen und die Bücher anderer zu Grunde.

Ist schon die Diktion von William Carlos Williams in ihrer Knappheit kaum ins immer etwas längere, steifere Gegenwartsdeutsch zu bringen, so verliert Padgett in der Übersetzung Jan Volker Röhnerts noch zusätzlich. "Hätt ich nur ein paar Pflaumen" - da klingt ungewollt der hohe Ton Hölderlins an; und auch "Bat seine Frau um Verzeihung" wirkt gestelzt im Vergleich zum originalen "He apologized to his wife".

In seinem Nachwort weist Röhnert auf einen interessanten Deutschlandbezug Padgetts hin. Offenbar stand der Dichter eine Weile in Kontakt mit Rolf Dieter Brinkmann und half ihm bei der Übersetzung von Frank O'Haras "Lunch Poems" (ein weiterer, von Padgett unerreichter Meilenstein der amerikanischen Nachkriegsdichtung) und der Zusammenstellung der Anthologie "Silverscreen" (1969). Die umfangreiche Auswahl aus Padgetts Werk hätte ohne Jarmuschs Film den Weg ins Deutsche kaum gefunden. Und es wäre auch kein großer Verlust gewesen.

Ron Padgett: Die schönsten Streichhölzer der Welt. Aus dem Englischen von Jan Volker Röhnert. Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2017. 288 Seiten, 22 Euro.

© SZ vom 28.11.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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