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Lyrik für Kinder:Hokus pokus Zottelrock

Kathrin Schadt (Hg.): Poedu. Gedichte von Kindern für Kinder. Mit Illustrationen von Petrus Akkordeon und einem Vorwort von Monika Rinck. Elif Verlag, Nettetal 2021. 175 Seiten, 18 Euro.

Ein Poesie-Projekt für Kinder, das zum Mitmachen aufruft und eine besondere Idee bekannter Lyriker umsetzt.

Von NICO BLEUTGE

Augenzwinkernd betrachtet, ist die Poesie vom Wort her eine eher förmliche Angelegenheit. Der Name eines alten Dichters, "Poe", und die nüchterne Form "Sie" - soll das etwa Lust auf Gedichte machen? Was läge da näher, als die Sache ein bisschen persönlicher zu halten, gleichsam vom Siezen zum Duzen überzugehen und eine "Poedu" zu schreiben, "bei der alles erlaubt ist, bei der jede und jeder mitmachen darf: ich, er, sie und du".

So skizziert es die Autorin und Journalistin Kathrin Schadt, die während des ersten Lockdowns eine großartige Idee hatte: nach dem öden Homeschooling einfach Gedichte zu schreiben. Aus einer Poesiewerkstatt für ihre Tochter wurde schnell eine richtige Gedichtwerkstatt für Kinder. Immer freitags bekamen die teilnehmenden Kinder von bekannten Autorinnen und Autoren wie Uljana Wolf oder Michael Stavarič Poesieaufgaben gestellt, kleine Schreibstupser gewissermaßen, zum Beispiel "Schreibe ein Lügengedicht" oder "Was sagt dein Tier?". In einer digitalen Gruppe konnten die Kinder ihre Verse gemeinsam besprechen und sogar Fotos und Videos hochladen. Die entstandenen Gedichte wurden dann auf einer Facebookseite und auf der inzwischen leider eingestellten Lyrikseite "Fixpoetry" veröffentlicht.

"Abracadabra" lautet eine bekannte Zauberformel, "Hokuspokus" eine andere. Man weiß gar nicht bis ins letzte Detail, wie diese Wörter entstanden sind, bezeugt aber ist ihr magischer Sinn und das überdeutliche Spiel mit Rhythmus und Klang. Kein Wunder also, dass Ulrike Almut Sandigs Aufforderung an die Kinder "Schreibt euch einen Zauberspruch!" zu wahren Lautgewittern führt. "Hokus pokus Zottelrock, / Schlangenzunge, Lollipop", schreibt die elfjährige Stine, "lirum larum löffelstiel / alles ist mir viel zu viel", hält der fünfjährige "Raketenpeter" dagegen. Und "Tintenfisch", neun Jahre alt, notiert: "Zum Schluss noch etwas himmelblau, dann ist die Welt nicht mehr ganz so mau"."

Mit ihrem rhythmischen Schlenker zeigt diese schöne Zeile, was die Poesie in ihrem Innersten kann: uns die Dinge und die Sprache anders sehen lassen. "Die Welt steht Kopf, wie sieht diese Welt für dich aus?", heißt denn auch die Schreibaufgabe von Esther Andradi. Und tatsächlich werden nun die gewohnten Zusammenhänge gedreht. "Ich mache einen Kopfstand auf den Füßen, / liebe es, mit der Nähmaschine zu stricken", schreibt "Jajo Duselbart", sieben Jahre. "Peter Plappergei" antwortet ihm: "Ich schwinge mich von Baum zu Baum / Das glaubt man in der Stadt mir kaum! / Der Tag ist nie vorbei / Drum her, mein Frühstücksei!" Und "Rübezahl Cocktail" erfindet sich gleich eine eigene Sprache, in der noch einmal die Zaubersprüche anklingen: "Tschitschi baka dudu / Ehbeh ahdeh hai".

Lustvoll kann man sich durch dieses Buch blättern und dabei Gedichte über Geräusche lesen oder erfahren, wie die Sterne in die Obstschale purzelten. Die ganzseitigen Zeichnungen von Petrus Akkordeon zeigen vor allem, wie Tiere die Welt auf dem Kopf stehen lassen. Es hätten gern noch ein paar mehr sein dürfen.

Zum Glück läuft die Poedu-Werkstatt weiter. Und man kann in dieses Buch seine eigenen Gedichte hineinschreiben, hinter jedem Kapitel ist eigens Platz dafür. Also auf zum nächsten Himmelblau! (ab 6 Jahre)

© SZ vom 07.05.2021
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