Lyrik Erntedank

Charles Bukowski ist tot, viele seiner Werke gelten als verschollen. Nun bringt der Augsburger Maro-Verlag unveröffentlichte Gedichte heraus - das jahrzehntelange Engagement trägt erneut Früchte

Von Bernhard Blöchl

Vielleicht sollte die Geschichte über die neuen Bukowski-Gedichte im Mandarinengarten des Autors beginnen. Dorthin, zu Charles Bukowski nach Kalifornien, reiste Benno Käsmayr mit dem Übersetzer Rainer Wehlen im Jahr 1980. Die Herrschaften kannten sich, sie hatten zuvor schon erste Bücher zusammen gemacht. Bei Bukowskis legendärer Lesung in Deutschland, 1978 in Hamburg, waren sie sich bereits persönlich begegnet. Im Gegenzug durfte der Jungverleger aus Augsburg nun ganz nah ran an den "Dirty Old Man". Sie verbrachten ein paar stressfreie Tage zusammen, haben im Garten gearbeitet und fanden dort eine Lösung für den Überschuss an Früchten. Sie buddelten ein Loch und kippten die Mandarinen hinein. Keine brillante Idee, aber eine erinnerungswürdige. Linda Lee, Charles' Lebensgefährtin, soll Käsmayr später mitgeteilt haben, das sei das einzige Foto, auf dem man ihn arbeiten sieht.

Die Episode ist wichtig, weil sich nun, beinahe 40 Jahre später ein Kreis schließt. Und wie die Früchte, die sich natürlich nicht ohne Spätfolgen vergraben lassen, tauchen noch immer verloren geglaubte Gedichte des 1994 gestorbenen Poeten auf. Auf den Kreis, der sich nun in Augsburg schließt, wurde Käsmayr von seiner Tochter aufmerksam gemacht, die den Verlag fit für die Zukunft macht. "Bei dir sind die ersten Gedichte auf Deutsch erschienen, und jetzt erscheinen bei dir die letzten", soll Sarah zu ihm gesagt haben.

Und so ist es: Kürzlich ist bei Maro, wo Bukowski 1974 erstmals auf Deutsch verlegt wurde, der Band "Dante Baby, das Inferno ist da!" herausgekommen. Das Buch ist eine kleine Sensation. Es bündelt 94 Gedichte aus der Zeit zwischen 1959 und 1994. Mehr als 20 unveröffentlichte sind dabei, kein einziges ist bis dato in einem Gedichtband erschienen, alle sind sie unzensiert, was im Kanon der posthum publizierten Bukowski-Werke selten der Fall war. Die Auswahl ist von dem spanischen Fulbright-Stipendiaten Abel Debritto zusammengestellt worden, nach jahrelanger Recherche und Reisen durch die USA. Der "Sherlock Holmes der Bukowski-Forschung", wie man ihn nennt, hat über Hank promoviert und Themenbände für den US-amerikanischen Verlag Ecco (Harper Collins) herausgegeben. Ebendort ist Ende 2017 die Originalausgabe "Storm for the living and the dead" erschienen.

Dass Maro den Zuschlag für die deutsche Ausgabe erhalten hat - auch weil sich die großen Bukowski-Verlage Kiwi und Fischer dagegen entschieden haben -, erinnert ein bisschen an die Maro-Anfangszeit. Zumindest muss wohl der tollkühne Geist der Sechziger- und Siebzigerjahre durch den kürzlich mit dem Bayerischen Kleinverlagspreis dekorierten Betrieb gespukt haben. Käsmayr erzählt von einem rotweinseligen Abend im vergangenen Herbst in München, bei dem er, seine Weggefährtin Rotraut Susanne Berner und die Branchenkollegin Antje Kunstmann unter anderem über den Buchtitel diskutiert haben. "Ein Gedicht für Dante" (1971) hat sie letztlich am meisten inspiriert. "Logisch mach' ich das", soll Berner gesagt haben, die ihre Gestaltungskraft längst nicht mehr für jeden Maro-Titel einbringt. Hier schon, ihr Umschlag zeigt ein göttlich-komödiantisches, teuflisch gutes Kippbild.

Und auch bei der größten Herausforderung, der Übersetzung, half eine Freundin und Maro-Mitarbeiterin. Wie gut die Texte von Esther Ghionda-Breger den Sound des Originals treffen, kann man bei zwei Gedichten überprüfen, neben denen die Schreibmaschinen-Urfassungen abgedruckt sind. Unterstützung gab es auch bei der Finanzierung: Der an den Maro-Verlag gekoppelte und an den verstorbenen Mann der Übersetzerin erinnernde Bernardo-Ghionda-Gedächtsnisfonds stärkte Benno Käsmayr einmal mehr den Rücken. Die Bande hält zusammen, voller Elan. "Da merkt man dann nicht, dass man schon 70 ist", sagt Benno Käsmayr.

Die meiste Arbeit hatte freilich Abel Debritto. Käsmayr hat den "südländischen Charmeur" vor ein paar Jahren auf einem Bukowski-Symposium in Andernach, der Geburtsstadt des Autors, kennengelernt, als dieser gerade an seiner Doktorarbeit schrieb. "Hunderte Seiten" Recherchematerial habe er damals gehabt, Excel-Listen mit Zahlen, wie viele Gedichte wann an welche Zeitungen geschickt worden waren, ein Dutzend Ordner mit Briefen. "Bukowski hatte keine Durchschläge, deshalb wiederholen sich die Themen von Gedichten." Bei mehr als 5000 Gedichten, wie Käsmayr die Lebensleistung einschätzt, kann man schon den Überblick verlieren. "Nur ein Teil davon wurde veröffentlicht." Debritto hat einen Teil der verschollenen Werke aufgestöbert, in Kellern und Speichern, bei den Kindern und Enkeln der Zeitschriftenverleger. "Und irgendwie hat er es geschafft, Lindas Okay für eine Veröffentlichung zu bekommen. Ich mag sie, aber sie hat einen sehr kapriziösen Ruf", erzählt Käsmayr. Dabei sei sie bei seinem Besuch so freundlich gewesen, habe ihren Mann mit Vitaminpillen versorgt. Mandarinfarbene Erinnerungen, vergilbt wie das Foto.

5000 Gedichte

oder mehr soll Charles Bukowski im Laufe seines Lebens (1920 bis 1994) geschrieben haben. Die Zahl ist eine Schätzung. "Nur ein Teil davon wurde veröffentlicht", sagt der Augsburger Verleger Benno Käsmayr, der in den Siebzigern der Erste war, der Werke des "Dirty Old Man" auf Deutsch herausbrachte ("Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang"). Im neuen Buch "Dante Baby, das Inferno ist da!" sind unzensierte Werke gebündelt.

Manchmal sind die Geschichten hinter einem Buch spannender als das Buch selbst. In diesem Fall hält es sich die Waage. In der chronologisch sortierten Auswahl gibt es viel zu entdecken, obwohl die Gedichte dem Werk des Amerikaners keine neuen Aspekte hinzufügen. Der Leser stößt auf das wohl letzte Gedicht Bukowskis aus dem Jahr 1994 ("Nummer 1"), auf Persönliches über sich und Linda ("Vielleicht bleibt sie ja für immer in meinem Spiegel", schrieb er 1978 in "Spiegel"). Über seinen "sadistischen Vater", über das Schreiben. Der Wandel vom Stinkstiefel zum Melancholiker und sensiblen Romantiker, wie Käsmayr Bukowski persönlich erlebt hatte, lässt sich gut nachvollziehen. Die bekannten Lieblingsthemen verarbeitet er rauf und runter, vornehmlich Frauen und Pferderennen, Drogen und Katzen, Ernest Hemingway und John Fante. Kluge Aphorismen stehen neben ganz viel Derbem, die Nicht-Zensur ist sichtbar. Da geht es um Warzen, Furze, "Schnaps statt Shakespeare", Sackratten, Schamhaare, Heroin und Koks.

Klar, Bukowskis Zeit ist längst vorbei. Themen, Sound und Wortwahl sind Stinkefinger gegen das korrekte Jetzt. Wer Hank noch immer gut findet, wird mindestens schief angeschaut. Und die Cashcow von einst ist der Autor ohnehin nicht mehr. Bei Benno Käsmayr sind die Werke in besten Händen. Zwar dürfte die Auflagenzahl des Buchs niedrig vierstellig bleiben. Jedem Käufer aber garantiert der Verlagschef: Lesezeichen und "Buk-Balken", eine faltbare Zensurbrille, werden von ihm persönlich eingelegt. Man soll sich das ruhig bewusst machen: Durch diese Hände gingen schon die Mandarinen aus Bukowskis Garten.