Lyrik Der Mais wächst nicht mehr höher

Hellhörige Gedichte von Michael Köhlmeier und ein Bestiarium.

Von Burkhard Müller

Was macht man, wenn man per Post ein Päckchen mit einem Typoskript erhält, mit rotem Garn gebunden und der Inschrift auf dem Deckblatt: "Die Stechpalme. Roman"? Dazu als Dreingabe drei CDs, das Foto einer jungen Frau und einen Brief von deren elfjähriger Tochter: "Im ersten Satz sagt sie, / Ihre Mutter wisse nicht, dass sie mir schreibe. / Wenn sie es wüsste, wäre sie wütend. / Die Mutter sei Schriftstellerin / Wie ich. / Sie habe schon einige Romane geschrieben. / Der beigelegte aber sei ihr bester." Diese Tochter weiß selbst, dass sie älter klingt als elf; aber sie sei eben sehr reif, und sie müsse sich im Haus um alles kümmern, seit der Vater sie, die Mutter und den kleinen Bruder verlassen hat. Wenn der Adressat der Mutter einen Verlag finden könnte, würde das Leben für sie alle viel leichter werden.

Das scheint, zumal in seiner unaufgeregten, alltagsnahen Sprache, erst einmal zu wenig für ein Gedicht zu sein. Aber denkt man darüber nach, beginnt die Gedichtform einzuleuchten. Wie sonst könnte der Vorgang, der zwischen der verblüffenden Zumutung und dem Rührenden an der Aktion eines keck-verzweifelten Kindes die höchst unentschiedene Mitte hält, sonst erzählt werden? Jede Art von Prosa würde das Ganze notwendig in eine Geschichte verwandeln, die in eine Entscheidung mündet: Ja oder Nein. Solchen Zwang kennt das Gedicht nicht, es lässt offen, ob das Ich dem Manipulationsversuch erliegt (das wäre unbefriedigend) oder sich ihm schroff verweigert (das genauso). Gerade so prägt es sich dem Leser ein.

Lyrik gilt als Literatur, die am liebsten ein Ich und dessen Befindlichkeiten ausdrückt. Bei Michael Köhlmeier ist das nicht so. Ihm wird das Gedicht zu einem Medium, den anderen zuzuhören, ruhig und ohne sie zu unterbrechen. Gab es je eine lyrische Dichtung, die so viel indirekte Rede enthält wie diese? Oft genug erfährt man gar nicht, wer hier zitiert wird; es muss aber, das suggeriert der informelle Ton, jemand aus dem persönlichen Umkreis sein, dessen Rede dem Schreibenden so bedeutsam erschien, dass er seine eigenen Sachen dahinter zurückstellt. "Wenn einer die richtigen Fragen stelle, / Führe das über kurz oder lang dazu, dass er: // Die Schuhe nicht mehr putze, / Die Vögel nicht mehr füttere, // Die Handschuhe nicht mehr benutze, // Die Rechnungen nicht mehr bezahle."

Der es mitteilt, enthält sich der Stimme. Der offenkundige Gegensatz zwischen Richtigkeit und misslichen Folgen wird nicht thematisiert, auch nicht die Tatsache, dass die Liste der Vernachlässigungen einen gewissen Hang zur Pedanterie verrät. Hier ist einiges ungereimt und reimt sich heimlich doch, etwa "putze" auf "benutze". Auch wenn es von sich selbst spricht, sagt dieses lyrische Ich lieber du als ich, um sein eigenes Handeln aus der Distanz zu betrachten: "Sie summt so süß, sie flüstert / In die Muschel ihrer Hand; / Du aber hast dein iPhone auf laut gestellt / Und stellst sie bloß vor deinen Freunden." Da schämt sich einer im Nachhinein und sagt es, ohne sich damit aufzudrängen.

Michael Köhlmeier.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Köhlmeier ist davon überzeugt, dass Dinge und Menschen sind wie sie eben sind und dass ihre Mängel und Widersprüche nicht nach Lösungen verlangen. Nichts wäre leichter, als sich über "die Genossen von der Gewerkschaft" lustig zu machen, die beim Italiener sitzen und den guten alten Zeiten nachweinen, als die Kassen noch voll und die gesellschaftlichen Scheidelinien klar waren. Als um sieben die Frau des "Häuptlings" auftaucht, mit orangener Bluse offen über schwarzer Hose (ein Relikt vergangener Mode also), sieht es aus, als nähere sich die Szene ihrem satirischen Höhepunkt. Das Gedicht schließt aber ganz anders, nämlich: "Sie bleibt / Lange hinter dem Sessel ihres Mannes / Stehen und massiert seinen Nacken." Dieses Paar mag in Denken und Trachten zu den Dinosauriern gehören, aber es steht zusammen mit Gesten selbstverständlicher Solidarität.

Das Leben, das sich hier andeutet, verläuft auf dem Land oder höchstens in der Kleinstadt, das Meiste daran ist bereits vorbei, aber was noch kommt, deswegen nicht unwichtig. Ein Gedicht mag "Pastorale" heißen, spricht aber ohne Verklärung von der Ödnis der mitteleuropäischen Ackerlandschaft: "Der Mais wächst / Nicht mehr höher. / Was noch nicht gut ist, / Wird es heuer nicht mehr." Das kommt nüchterner daher als Rilkes berühmtes Diktum: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr - und ist doch, in dem schönen süddeutschen Wort "heuer", tröstlicher: vielleicht ja nächstes Jahr. Diese Dichtung hat ihren mentalen Ort spät im Jahr, aber bei noch annehmbaren Temperaturen, ehe die wirklich unerquicklichen Verhältnisse einsetzen. Sie macht nicht viel von sich her; doch wenn man sich ihr überlässt, spürt man ihre Humanität, ihren Humor und ihre Heiterkeit vor dem Unausweichlichen. "Auch Resignation braucht Kraft" - das entrückt diese so weit wie denkbar der Trauer.

Solche Qualität des Entspannten und Offenen, diese Tiefenbereitschaft, auf den anderen einzugehen, fehlt dem Buch, das Köhlmeier mit seiner Ehefrau Monika Helfer verfasst hat, leider fast völlig. Das hat mit der gewählten Form zu tun: dem Bestiarium. Dessen Traditionen reichen zurück bis in die Antike, zu den Charakterstudien des Aristoteles-Schülers Theophrast. Im zwanzigsten Jahrhundert haben es zum Beispiel Franz Blei und Elias Canetti verwendet, durchaus mit boshaftem Vorsatz.

Das Bestiarium betrachtet die Menschen mit dem Auge des Naturforschers und strebt danach, die einzelnen Gattungen möglichst genau zu bestimmen und aufzuspießen wie Schmetterlinge in einem Glaskasten. Der Schmetterling selbst soll stillhalten und ein möglichst schönes Exemplar abgeben. Unter den 33 Charakteren, die der Untertitel ankündigt, finden sich etwa "Der Langanhaltend-Traurige", "Der Nimmersatte", "Der Gottkenner", "Der Uferlose und die Furchtsame in Verbindung". Das heißt, anstelle der alten Typologien tritt der Ehrgeiz der Originalität. Das sind Spezies, bei denen die wissenschaftliche Erstbeschreibung gelang!

Aber wozu soll es gut sein, zum Beispiel "die Liebessüchtige" als Typus herauszuschälen? Nach Liebe sehnt sich doch jeder und jede, und diese Sehnsucht vergreift sich ziemlich regelmäßig in ihren Mitteln, was auf die soziale Umgebung allerdings nervend wirken kann. Ist der Mensch, der sich so verhält, damit schon ganz auf seinen Begriff gebracht? Warum muss man der Einsamen ihre Einsamkeit noch extra unter die Nase reiben, langt ihr Elend nicht auch so schon? "Die Haut des Magenleidenden hat die Farbe einer unreifen Quitte". Das überrascht nicht, das hätte man vom Magenleidenden erwartet - doch hat er vielleicht noch ein Hobby oder Kinder? Darauf kommt es nicht an, er ist magenleidend und damit als Fall erledigt.

Dass ein solches Vorgehen platt sei, ist kein moralischer, sondern ein literarischer Einwand: Unterkomplex muss man eine solche Figurengestaltung nennen. Hübsch immerhin ist die Kraftlos-Begabte, bei der es, wenn sie sich doch mal vom Kanapee zur künstlerischen Tätigkeit erhebt, gerade mal zu einer schwachen Pinselberührung mit der Leinwand reicht, woraufhin das Werk den Namen "Impression am Nachmittag" erhält. Aber schon der übernächste Satz - "Das Kopfweh kommt wie bestellt" - schlittert wieder in die launige Verleumdung hinein. Es ist schade, dass die Autoren sich zu einem Genre haben verleiten lassen, für das sie gemeiner sein mussten, als sie es wohl von Hause aus sind.

Michael Köhlmeier: Ein Vorbild für die Tiere. Gedichte. Carl Hanser Verlag, München 2017. 143 Seiten, 18 Euro. Michael Köhlmeier / Monika Helfer: Der Mensch ist verschieden. Dreiunddreißig Charaktere. Haymon Verlag, Innsbruck und Wien 2017. 110 Seiten, 17,90 Euro. E-Book 13,99 Euro.